Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 12.08.2019, Seite 12 / Thema
Theater

Nieder mit der Ironie!

Die Theater führen den notwendigen Kampf gegen rechts mit stumpfen Waffen und affirmieren die bestehende Ordnung. Saisonfinale (Teil 2 und Schluss)
Von Jakob Hayner und Erik Zielke
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Viel Glitzer, wenig Inhalt. »Die Kunst bleibt frei« und das eigene Verhältnis zum Staat sowie die Verbindung von bürgerlicher Gesellschaft und Rechtsruck unhinterfragt – Demonstration der »Vielen« am 19. Mai 2019 in Berlin

Was die Theater auch in der vergangenen Spielzeit beschäftigt hat, war der Erfolg rechter Parteien. So war die Auseinandersetzung mit »rechtspopulistischen Strömungen« Thema der Jahreshauptversammlung des Deutschen Bühnenvereins im Juni dieses Jahres. Diese Strömungen würden »für sich die Deutungshoheit über die Wahrheit in Anspruch nehmen«, hieß es in einer Verlautbarung des Bühnenvereins. Die Aufgabe der Theater sei es hingegen, »die Komplexität der Wirklichkeit als Reichtum abzubilden und emotional erfahrbar zu machen«. Es ist zu bezweifeln, dass das hauptsächliche Problem mit den Rechten deren vermeintlicher Wahrheitsanspruch ist. Bekanntlich haben die Faschisten zur Wahrheit ein reichlich strategisches Verhältnis, sie sind im Grunde Anhänger des Relativismus. Auch bleibt völlig unklar, welches künstlerische oder pädagogische Programm sich hinter der Abbildung oder Erfahrung der Wirklichkeit als Reichtum verbergen soll. Zumal sich bekanntlich die Wirklichkeit vor allem für jene als reich darstellt, die es auch im ökonomischen Sinn sind.

Dass die Rechten nicht nur nach politischer Macht streben, sondern ihr Augenmerk auch auf die Kultur geworfen haben, ist bekannt. Ob sie diese beherrschen, zerstören oder nur neutralisieren wollen, ist zunächst einerlei, inzwischen wird mit parlamentarischen und außerparlamentarischen Mitteln Druck auf zahlreiche Kultureinrichtungen ausgeübt. Ein Kulturkampf ist im Gange.

Kulturkampf

»Alles nur Theater? Zum Umgang mit dem Kulturkampf von rechts« lautet denn auch der Titel einer vom »Verein für demokratische Kultur« und der »Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin« herausgegebenen Broschüre, die Anfang dieses Jahres in Berlin präsentiert wurde. Darin wird zum einen geschildert, welche Strategien Rechte benutzen, um ihre Ansichten zu popularisieren. Zum anderen wird gezeigt, dass antidemokratische Einstellungen auch in der sogenannten Mitte der Gesellschaft zu finden sind. Diese Befunde werden allerdings dadurch konterkariert, dass in der Broschüre selbst die Bedrohungslage verzerrt dargestellt wird, was einer Analyse der Situation und einer daraus abgeleiteten Gegenstrategie hinderlich ist. Auch, weil in einer ersten Auflage fälschlicherweise behauptet wurde, dass der rechte Publizist Ulrich Greiner Unterzeichner der »Erklärung 2018« wäre (jenem Aufruf verängstigter Rechtskonservativer, die »ihr« Land durch Masseneinwanderung beschädigt sehen), wurde die Broschüre eher kritisch bewertet und die Herausgeber teils heftig angegriffen. Kritik gab es außerdem an der Tendenz, den »Kulturkampf von rechts« anhand von Feuilletondebatten rekonstruieren zu wollen, statt ihn aus der Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse zu erklären. Wenn Ideologie nicht im Zusammenspiel mit den gesellschaftlichen Kämpfen begriffen wird, sondern vor allem als Effekt von Diskursen, dient die Auseinandersetzung letztlich mehr der Selbstvergewisserung des liberalen Kulturmilieus und weniger der tatsächlichen Aufklärung über die gesellschaftlichen Widersprüche und den Versuch ihrer autoritären und reaktionären Bewältigung.

Dass man sich im Theaterbetrieb schwertut, über die eigenen Grenzen hinauszudenken, zeigte sich auch, als gegen die spätadoleszenten Provokateure vom »Zentrum für Politische Schönheit« (ZPS) wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung nach Paragraph 129 des Strafgesetzbuchs ermittelt wurde. Die 129er Paragraphen, die aus der Zeit der Verfolgung der Roten Armee Fraktion stammen, dienen vor allem der Überwachung ohne konkreten Verdacht auf Straftaten. Als solche kommen sie häufig gegen linke Gruppen zur Anwendung. Als nun im Frühjahr das laufende Verfahren gegen das ZPS bekannt wurde, meldeten sich knapp 150 namhafte Theatermacher und Künstler in einem offenen Brief zu Wort: Sie teilten mit, dass sie »fassungslos« seien angesichts des »bedrohlichen Angriffs auf die Meinungs- und Kunstfreiheit«. Doch wer nun meinte, dass die kritischen Künstler zur Abschaffung der Paragraphen 129 a und b aufrufen würden, sah sich enttäuscht. Auf die staatsbürgerliche Loyalität noch der kritischsten Künstler ist in Deutschland offenbar Verlass. Man forderte Kunstfreiheit, ein symbolischer Akt. Die Ermittlungen gegen das ZPS wurden wie erwartet eingestellt, doch die Grundlage besteht unverändert weiter. Interessant wäre es geworden, wenn man sich aus dem Theater- und Kunstbetrieb heraus für eine fortschrittliche Veränderung eingesetzt hätte. Fraglich ist aber, ob im Theater überhaupt politisches Bewusstsein in dem Maße vorhanden ist, wie es die allseits in Gebrauch stehenden Worthülsen suggerieren. Das würde bedeuten, dass man sich zur Gesellschaft, ihren Widersprüchen und den politischen Kämpfen verhält – und nicht nur unter den Schlagworten von Vielfalt und Kunstfreiheit Statussicherung betreibt.

Staatstragend unbeholfen

»Die Kunst bleibt frei!« fordert auch der Zusammenschluss »Die Vielen«, der symbolträchtig am 9. November des vergangenen Jahres an die Öffentlichkeit trat und dem inzwischen zahlreiche Kultureinrichtungen beigetreten sind. Nicht weniger aufgeladen beginnt auch die Erklärung der »Vielen«: »Als Aktive der Kulturlandschaft in Deutschland stehen wir nicht über den Dingen, sondern auf einem Boden, von dem aus die größten Staatsverbrechen der Menschheitsgeschichte begangen wurden.« Wandte Theodor W. Adorno einst gegen den deutschen Kulturidealismus ein, es sei barbarisch, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, so ziehen »Die Vielen« inzwischen aus dem Superlativ der Verbrechen noch ihre Legitimation. Nicht trotz, sondern wegen Auschwitz – man kennt das vom grünen Außenminister Joseph Fischer, der 1999 unter Verweis auf das Vernichtungslager der Nazis zum Angriff auf Serbien rief. Die hochtrabende, geradezu überaffirmativ auf die Naziverbrechen bezogene Argumentation sollte stutzig machen – gerade bei Menschen, die von Berufs wegen mit Sprache zu tun haben. Man könnte doch meinen, dass das Engagement gegen menschenfeindliche Hetze ein Gebot des gesunden Menschenverstands oder der einfachsten moralischen Überzeugungen wäre und nicht mühsam aus der Staatsräson abgeleitet werden müsse. »Die Vielen« verpflichten sich vor allem, den Kulturbetrieb rein von rechten Einflüssen zu halten. Ehrlicherweise sollte man allerdings zugeben, dass diese auch ohne solche Erklärungen im Theater, das nur ein kleiner Teilbereich der Gesellschaft ist, kaum zu finden waren. So ist die Erklärung der »Vielen« vor allem eine Selbstbestätigung, die sich der eigentlichen Aufgabe entzieht. Den Faschismus wird man erfolgreich wohl kaum mit Bezugnahme auf die hehre Kultur bekämpfen, sondern nur mit einer Veränderung der Grundlagen der Gesellschaft.

In dem Aufruf zur im Mai von den »Vielen« initiierten sogenannten Glänzenden Demo wurde Einigkeit in der Verteidigung der Kunstfreiheit gezeigt und die Verletzung derselben in der Türkei, in Polen, Ungarn und Russland angeprangert. Dagegen wäre kaum etwas einzuwenden, hätte der erhobene Zeigefinger gen Osten, wo die deutsche Industrie besonders engagiert ist, nicht einen schalen Beigeschmack. Der Überlegenheitsdünkel gilt nicht nur dem Teil der Bevölkerung, der nicht das Privileg hat, im Kulturbetrieb sein Auskommen zu finden, auch soll wohl das richtige Bewusstsein unter deutschen Vorzeichen ins Ausland exportiert werden. Und es verwundert kaum, dass die Aktivitäten der »Vielen« sich neben dem demonstrativen Herzeigen und Spazierenführen von Glitzerfolie vor allem in der pedantischen innerbetrieblichen Überprüfung von Äußerungen erschöpfen. Die Parole »Solidarität statt Privilegien« erweist sich als frei von konkretem Inhalt – und das ganze Unternehmen gerät so in den Verdacht rein symbolischen Handelns bei gleichzeitiger Beibehaltung der Geschäftsgrundlage, verbunden mit einer idealistischen Überhöhung der Kunst und ihrer Freiheit. Ob solches Engagement angesichts der Bedrohungen von rechts ausreicht, ist zweifelhaft.

Wenn das Theater nicht begreift, in welcher Beziehung es zu den sozialen Verhältnissen steht, versteht es die eigene Stellung in den Auseinandersetzungen der Zeit nicht. Es ist kein Wunder, dass die meisten künstlerischen Arbeiten, die beanspruchen, sich mit reaktionären Tendenzen zu befassen, vor allem auf satirische oder parodistische Ansätze zurückgreifen. Idiotische Greise, Zombies oder Untote, in solcher oder ähnlicher Gestalt werden die Rechten vorgeführt. Begreift man aber die Attraktion der Reaktion nicht als Ausdruck und Konsequenz realer gesellschaftlicher Probleme, die nach einer Lösung schreien – und zwar einer besseren als die Scheinlösungen der Rechten –, verharmlost man wider Willen die Faschisten. »Auch eine Satire auf die Kulturreaktion wäre läppisch, wenn sie die Reaktionäre als unfähige oder schlechte Menschen hinstellte. Mit denen nicht fertig zu werden, welche Blamage! Solange man nicht die Ideenreihen aufdeckt, die sie zwangsläufig beherrschen, solange ist man wehrlos«, schrieb der Theaterkritiker Herbert Ihering 1931. Und ein Jahr später stellte er unter dem Titel »Falsch links – falsch rechts« fest: »Wenn rechts patriotische Phrasen der Ersatz für Kraft sind, so ist links die Ironie, die in der Luft hängt, der Ersatz für Geist.« Rechte Ideen bekämpft man am besten mit besseren linken, nicht mit halt- und haltungsloser Ironie.

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Große Erwartungen. Zur Spielzeit 2021/22 wird der Dramatiker und Regisseur René Pollesch (r.) die Intendanz der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz übernehmen (hier gemeinsam mit Kultursenator Klaus Lederer, Die Linke, 12.6.2019)

Hoffnung Pollesch

Wirft man einen exemplarischen Blick auf die Berliner Volksbühne, das Berliner Ensemble und die Schaubühne – also drei Berliner Theater, die in unterschiedlichen linken Traditionen stehen und für diese jeweils prägend waren –, dürfte sich über den Stand des Theaters noch mehr erfahren lassen. Die Volksbühne unter dem Intendanten Klaus Dörr zeigte mit der Übernahme von Hermann Schmidt-Rahmers aggressivem Agitpropstück nach Ibsen »Volksverräter!!« vom Schauspielhaus Bochum einen Abend, der sich mit den Rechten auseinandersetzt, zugleich aber auf einen parodistischen oder satirischen Ansatz verzichtet, vielmehr auf Konfrontation setzt und so nachwirkt. Das Publikum wird unmittelbar mit den Stärken der Rechten und den Schwächen der Liberalen und Linken konfrontiert und somit aufgefordert, einen besseren politischen Vorschlag zu machen, den das Stück selbst nicht liefert. Die Zuschauer müssen gezwungenermaßen eine eigene Haltung finden. Mit Pinar Karabuluts Uraufführung von Katja Brunners »Die Hand ist ein einsamer Jäger« und Stefan Puchers »Lulu« nach Frank Wedekind standen zwei Inszenierungen auf dem Programm, die sich explizit dem Feminismus verschrieben haben. Und beide scheiterten. Brunners Stück und Karabuluts Inszenierung verblieben in einer ironischen Spiegelung der grausamen Wirklichkeit, die in Zynismus umschlägt. Text und Spiel sperrten die Schauspieler in ein eisernes Korsett aus Zitaten der Werbeindustrie und der Popkultur, notdürftig ironisch kaschiert, aber an keiner Stelle die Wirklichkeit poetisch übersteigend. Hier regte sich kein einziger »Gefühlsgedanke«. Ähnlich bei Puchers »Lulu«: Lilith Stangenberg hing als Hauptdarstellerin völlig in der Luft, weder die Bühne noch das Spiel ihrer Kollegen konnte einen Zusammenhang herstellen, die so entstehende Leere wurde durch häufige Kostümwechsel übertüncht. Zahlreiche Fremdtexte, von Virginie Despentes und Valerie Solanas zum Beispiel, sollten den Mangel an inhaltlicher und formaler Auseinandersetzung zu verdecken helfen. Intellektuell und künstlerisch zwei enttäuschende Abende, die in ihrer Oberflächlichkeit zeigten, dass ein modisches Thema mit etwas Radical chic keine ästhetische Vertiefung ersetzen kann.

Mit großer Spannung war die Bekanntgabe der neuen Intendanz der Volksbühne ab 2021 erwartet worden. Mitte Juni stellte Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) sichtlich froh René Pollesch, ebenfalls sichtlich froh, als Nachfolger Dörrs vor. Mit Pollesch, der einst die Nebenspielstätte Prater leitete und unter Frank Castorf an der Volksbühne arbeitete, kehren außerdem die Schauspieler Sophie Rois, Fabian Hinrichs, Kathrin Angerer, Martin Wuttke und wahrscheinlich auch Alexander Scheer zurück. Vegard Vinge und Ida Müller, die in der Vergangenheit durch ihr sperriges Totaltheater für Aufregung sorgten, sollen auf der großen Bühne inszenieren, ebenso die Performerin Florentina Holzinger und die Choreographin Constanza Macras. Es steht zu hoffen, dass mit dem neuen Intendanten der vielbeschworene »anarchische Geist« wieder Einzug in das traditionsreiche Haus hält.

Zumindest macht Pollesch keinen Hehl daraus, dass er auch antritt, um Erwartungen zu brechen, die an einen solchen Amtsträger gestellt werden. Die Förderung künstlerischer Experimente, die Suche nach jungen Autoren und Dramaturgen und gleichsam die Konzentration auf bewährte, meisterhafte Schauspieler könnte dem Theaterleben in Berlin wieder zu einem Aufschwung verhelfen. Es ist zu hoffen, dass unter Pollesch an der Volksbühne (dann wieder mit vollem Namen: Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz) die Fundamente zur kollektiven Erforschung einer linken Theaterästhetik gelegt werden. Ob das gelingt, wird sich auch daran beweisen, ob Pollesch in der Lage ist, an Abende wie »Kill Your Darlings! Streets of Berladelphia« mit Hinrichs und dem verstorbenen Bert Neumann anzuknüpfen, als es gelang, die Dramaturgie Brechts mit den Mitteln der Performance zu verbinden.

Enttäuschung BE

Am Berliner Ensemble konnte Karen Breece mit ihrem dokumentarischen Agitpropstück über Obdachlosigkeit »Auf der Straße« beeindrucken. Sie wird in der kommenden Spielzeit einen Abend über die Radikalisierung junger Rechter machen. Michael Thalheimers »Othello« in der Übersetzung von Werner Buhss zeigte, wie sich die antiuniversale Praxis des Rassismus auch im Gewand vermeintlich aufrichtiger Freundschaft und Sorge durchsetzt. Der Verdacht treibt den Protagonisten zum Verrat an seiner Liebe zu Desdemona und zum Mord. Ein ausgesprochen kluger Abend, trotz der leicht hölzernen Spielweise. Auch war hier ein Zugriff auf die Gegenwart zu erkennen, der in Heiner Müllers »Macbeth« desselben Regisseurs aufgrund des Schwelgens in Grausamkeiten und Kunstblut leider fehlte. Frank Castorfs »Galileo Galilei« ließ Brecht und Antonin Artaud aufeinanderprallen, eine Reflexion auf die Theatertheorie des 20. Jahrhunderts, trotz einiger Längen und Redundanzen interessant, auch wegen des souveränen Jürgen Holtz in der Hauptrolle. Dass die Namen Brecht und Heiner Müller, die eng mit dem Haus verbunden sind, im Spielplan auftauchen, mag erfreulich sein. Und doch vermisst man eine Linie: Die Beschäftigung mit dem Digitalen, einem neuen Lieblingsthema der Theatermacher, steht neben grellen Märcheninszenierungen, theatralisierte Popliteratur und neubürgerliche Kammerspiele sollen sich mit den seit zwanzig Jahren auf und ab gespielten Dauerrennern ins Programm einfügen. Schwach blieb das Berliner Ensemble auch in dem Bereich, den Intendant Oliver Reese als zentral bezeichnet hatte: eine Bühne für neue Autoren und neue Stücke zu sein. Fritz Katers Heiner-Müller-Folklore »heiner 1–4« enttäuschte auf ganzer Linie, ebenso »Kriegsbeute« von Martin Behnke und Burhan Qurbani sowie Arpad Schillings »Der letzte Gast«. Der Schriftsteller Moritz Rinke, engagiert als Leiter der Autorenwerkstatt, hat das Berliner Ensemble mit seinem neuen Boulevardstück »Westend« Richtung Deutsches Theater verlassen. Man wird die Autorenförderung am Haus noch einmal neu erfinden müssen.

An der Schaubühne zeigte Intendant Thomas Ostermeier mit Ödön von Horváths »Italienischer Nacht« das Zerrbild einer völlig verrotteten Sozialdemokratie, die den Angriffen fescher Jungfaschisten wehrlos gegenübersteht, auch weil sie aus sich heraus keinen kämpferischen Geist hervorbringen kann. Statt die Rechten traf der parodistisch-satirische Zugriff hier die Sozialdemokratie, die als Altherrenverein vorgeführt wurde – was dem technokratischen Charakter der heutigen SPD nur mäßig gerecht wird. Obwohl an dem Abend handwerklich wenig auszusetzen ist, stand er schief zur Wirklichkeit – was sich dann wieder auf den allzu glatten Einsatz der Mittel auswirkt. Patrick Wengenroth hat sich in seiner neusten Stückentwicklung »He? She? Me! Free.« des virulenten Themas sexuelle Identität und Selbstbestimmung angenommen. Der Regisseur und Performer hat ein Gespür für gesellschaftlich relevante Probleme, vermochte es aber nicht, die Konflikte auch darstellbar zu machen, sie wurden statt dessen referiert. Das war im besten Fall unterhaltsam und bildstark, letztlich blieb der Abend aber weit hinter seinen theatralen Möglichkeiten zurück. Auch die Uraufführung von Maja Zades »abgrund«, ebenfalls in der Regie von Ostermeier, setzte auf ein hypernaturalistisches Setting, ein Abendessen im Milieu der Berliner Bionade-Bürger. Alle reden Stuss, währenddessen kommt ein Kind zu Tode, aber selbst das kann die Welt der Berufszyniker nicht mehr erschüttern. Nur teilt die Inszenierung diese Haltung und verliert sich in einem zynischen Voyeurismus. Anders als noch in Arthur Schnitzlers »Professor Bernhardi« ist auf der Bühne kein Konflikt zu sehen, der die Wirklichkeit in ihrer Widersprüchlichkeit erfahrbar macht.

Zu wünschen wäre …

Wenn es also eine Aufgabe für das Theater geben könnte, dann wahrscheinlich die, sich aus der Ironie herauszuarbeiten. Ohne die Kategorien als allzu streng getrennt zu begreifen, müsste inhaltlich der Sprung über die nur ironische Spiegelung einer schlechten Welt gemacht werden, der wiederum formale Konsequenzen mit sich bringen könnte. Und umgekehrt müsste formal der Sprung aus der selbstbezüglichen Spielerei zur Durchdringung der Welt gemacht werden, was wiederum inhaltliche Konsequenzen mit sich bringen könnte. In dieser gegenseitigen Beförderung von Mitteln und Zwecken könnte das Theater wieder eine Funktion im geistigen Leben unserer Zeit einnehmen, die es verloren zu haben scheint. In bezug auf die Rechten wäre es notwendig, eine Idee der Demokratie zu befördern, die über die liberale hinausgeht – deren Widersprüche die Faschisten ja überhaupt erst hervorbringen.

»Der Weg zum großen Drama, zum großen Kulturtheater, zu den großen künstlerischen Formen überhaupt geht nur über die Auseinandersetzung mit den großen politisch-ökonomischen Problemen, die zur Umwälzung aller Verhältnisse zwischen Mensch und Welt führt«, schrieb Herbert Ihering. Im Rückblick zeigen sich schon die Züge der kommenden Aufgabe.

Die Theaterkritiker Jakob Hayner und Erik Zielke schreiben regelmäßig für junge Welt über die Premieren in Berlin und anderswo.

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