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Aus: Ausgabe vom 12.08.2019, Seite 10 / Feuilleton
Reden ist Silber

Märchentherapie, ressourcenorientierte

Von Gerhard Henschel
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Der literarische Rang der Märchen der Brüder Grimm bleibt unberührt

Liebe Märchentherapierte! Ihr müsst jetzt ganz stark sein. Denn es kommt eine unbequeme Wahrheit auf euch zu: All das Geld, das ihr für eure Märchentherapien ausgegeben habt, ist für die Katz gewesen, und alle Märchentherapeuten, denen ihr euch anvertraut habt, sind Quacksalber. Der literarische Rang der Märchen der Brüder Grimm sowie der Märchen von Wilhelm Hauff und Hans Christian Andersen und aller anderen Kunst- und Volksmärchen bleibt davon unberührt. Aber die Märchentherapie, dies glaubt mir bitte, ist reine Scharlatanerie und Hokuspokus.

Nehmen wir einmal den Märchentherapeuten Kay Lorenz. Seine »ressourcenorietierte Märchentherapie« basiert auf der von Gudrun Böteführ entwickelten »Märchen-Cha kren-Therapie« (MCT), die sich wiederum auf die Archetypenlehre von C. G. Jung und die fernöstliche Chakrenlehre stützt. Dazu führt Lorenz aus: »Frau Böteführ hat bereits vor mehr als zwanzig Jahren Märchen in ihrer Arbeit als Sozialpädagogin eingesetzt. Durch intensive Beschäftigung mit Yoga wurde sie auch mit der Chakrenlehre vertraut. Sie machte dann die Entdeckung, dass die sieben seelischen Themen der sieben Chakren als sieben Stufen in jedem klassischen Zaubermärchen wiederzufinden sind. Diese sieben Stufen oder Ressourcen sind Urvertrauen, Lebensfreude und Bewegung, Wille und Macht, die bedingungslose Liebe, die eigene Wahrheit, Weisheit und Einsicht bzw. Intuition sowie die Einheit im Sinne von Verbundenheit mit Allem. Die sieben Stufen werden im Rahmen der MCT nacheinander prozessiert.«

Prozessierte Stufen? Ja, ihr habt richtig gelesen: Hier werden sieben Stufen prozessiert. Zunächst liest der Märchentherapeut dem Patienten ein Märchen vor. Darauf folgt, wie Lorenz schreibt, »eine Traumreise, in der sich der Patient von seinem höheren Selbst seine ganz individuellen Alltagsressourcen im Dialog mit dem höheren Selbst zeigen lässt«. Und es gibt eine Nachbereitung: »In der Regel erhält der Klient noch eine Hausaufgabe, um die Bilder nachzuprozessieren.«

Wie könnte jemand, der sich so barbarisch ausdrückt, für die Poesie der Märchen empfänglich sein? Oder etwas von ihrem tieferen Gehalt begriffen haben? »Ja, Beate, nachdem dein höheres Selbst dir heute deine ganz individuellen Alltagsressourcen gezeigt hat, solltest du bis nächsten Dienstag noch ein paar Bilder aus deiner Traumreise nachprozessieren …«

Schauderhaft. Doch ihr müsst nicht verzagen: Eine Märchentherapie kann man abbrechen, ohne dass Entzugserscheinungen auftreten.

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