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Aus: Ausgabe vom 12.08.2019, Seite 2 / Ausland
Seenotrettung Mittelmeer

Feiern statt helfen

Salvini im Wahlkampfmodus. 411 Bootsflüchtlinge auf Rettungsschiffen
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»Nur deine Interessen und Italien versinkt! Schäm dich.«: Proteste gegen Salvini am Sonntag in Catania

Während sich Italiens rechter Innenminister Matteo Salvini auf Bühnen und am Strand im Süden das Landes von Anhängern feiern ließ, ist die Zahl der geborgenen Bootsflüchtlinge, die darauf hoffen, an Land gehen zu dürfen, am Wochenende deutlich gestiegen. Das von den Hilfsorganisationen SOS Méditerranée und Ärzte ohne Grenzen neu eingesetzte Rettungsschiff »Ocean Viking« hatte am Sonntag insgesamt 251 aus Seenot gerettete Migranten an Bord.

Die aufgenommenen Menschen erzählten einem Helfer, dass sie willkürliche Inhaftierung, Erpressung oder Folter erlebt haben oder unter sklavenähnlichen Bedingungen haben arbeiten müssen, wie Ärzte ohne Grenzen twitterte. »Sie wären bereit gewesen, im Meer zu sterben, anstatt einen weiteren Tag in Libyen zu leben und zu leiden.« Ob das Schiff weiter in der Rettungszone vor Libyen bleibt oder sich auf den Weg nach Europa macht, blieb zunächst unklar.

Unterdessen hat das Rettungsschiff »Open Arms« einer spanischen Hilfsorganisation, neben den 121 bereits seit über einer Woche an Bord ausharrenden Menschen am Sonnabend weitere 39 Bootsflüchtlinge vor Malta aufgenommen. Valletta habe zugesagt, die zuletzt Geretteten an Land gehen zu lassen, für die übrigen fühle sich die Regierung jedoch nicht zuständig. »Open Arms«-Chef Òscar Camps schrieb auf Twitter, dass diese Entscheidung »zu einem ernsthaften Sicherheitsproblem an Bord« geführt habe.

Die italienische Stadt Neapel würde die Geretteten indes gerne aufnehmen: »Neapel hat keine Angst vor 160 Personen.« Angesichts der harten Haltung der Regierung in Rom hatte dies aber nur symbolischen Charakter. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration kommen kaum noch Schutzsuchende in Italien an. Im laufenden Jahr waren es bis Sonntag 4.042 Menschen, im Gesamtjahr 2016 schafften noch 181.436 Migranten den Überweg.

Zumindest in den Regionen Basilikata und Kalabrien schlug Salvini, der den Wahlkampf mit einer »Sommertour« schon eröffnete, bevor das formale Ende der Regierung überhaupt besiegelt ist, Protest entgegen. Von einer Gruppe Demonstranten wurde er mit dem antifaschistischen Partisanenlied »Bella Ciao« begrüßt, und bei der Übertragung des abendlichen Auftritts in Soverato war ein Pfeifkonzert deutlich zu hören. (dpa/jW)

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