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Aus: Ausgabe vom 12.08.2019, Seite 2 / Feuilleton
Debatte über Antifeminismus

»Die Frage ist: Befreiung, aber für wen?«

Rechte Szene verbindet Kampf um Frauenrechte mit rassistischen Kategorien und grundsätzlichem Antifeminismus. Ein Gespräch mit Anna O. Berg
Interview: Jan Greve
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Rechte Demonstration in Chemnitz (30.8.2018)

Am Donnerstag erscheint Ihr Buch »Frauen*rechte und Frauen*hass«, in dem Sie sich mit antifeministischen Bewegungen auseinandersetzen. Wieso jetzt dieses Thema?

Wir drei Autorinnen beschäftigen uns bereits länger mit der Frage, wie antifaschistische und feministische Politik zusammenhängen. Ein Knackpunkt waren für uns die rassistischen Mobilisierungen im vergangenen Spätsommer in Chemnitz, nachdem dort ein Mann niedergestochen worden war. Schnell wurde das Gerücht verbreitet, das spätere Opfer habe zuvor Frauen vor sexueller Belästigung durch Mi­granten schützen wollen. Bei den folgenden Neonaziaufmärschen wurde die Geschichte immer wieder aufgegriffen. So wurden etwa Bilder von angeblichen oder tatsächlichen Opfern sexualisierter Gewalt gezeigt (siehe jW vom 20.9.2018). In der medialen Aufarbeitung der Chemnitzer Ereignisse spielte das später aber so gut wie keine Rolle. Wir fragten uns: Warum sieht keiner, dass diese erfundene Belästigung für die spätere Entwicklung so entscheidend war?

Der Untertitel Ihres Buches lautet »Antifeminismus und Ethnisierung von Gewalt«. Wie hängt beides miteinander zusammen?

Wir haben es aktuell mit einer paradox wirkenden Verbindung zweier Elemente in der rechten Szene zu tun. Das eine ist die Bezugnahme auf vermeintliche Frauenrechte, das andere der klassische Antifeminismus wie der Kampf gegen gendergerechte Sprache. In unserer Analyse betonen wir, dass rechte Mobilisierungen für Frauenrechte keine bloße Inszenierung sind, wie oft unterstellt wird. Dennoch finden sie stets unter der Prämisse statt, dass Gewalt ethnisiert wird. Das heißt, dass das Problem für Rechte erst interessant wird, wenn es aus der eigenen Wir-Gruppe ausgelagert wird, also Täter als migrantisch markiert werden.

Was macht diese Verknüpfung für Rechte so attraktiv?

Das liegt erstens an der hohen Emotionalität, mit der man vergleichsweise viele Menschen erreicht. Dazu kommt zweitens das Versprechen einer einfachen Lösung des Problems. Die Täter werden nicht im eigenen Partner, Onkel oder generell im persönlichen Umfeld gesehen, sondern als »fremd« markiert. Diese rassistische Verknüpfung ermöglicht der Szene, einen Feminismus zu versprechen, der niemandem wehtut – zumindest niemandem aus der »eigenen« Gruppe.

Hier zeigt sich auch die Verbindung zum klassischen Antifeminismus. Dort wird der feministischen Bewegung oft unterstellt, die Geschlechter gegeneinander aufzuhetzen, statt einen imaginierten »ursprünglichen« Frieden zu bewahren. Hier versprechen Rechte einen Kampf für Frauenrechte, der ohne Spaltung auskommt und sich »nur« gegen »die da draußen« richtet.

Gleichberechtigung ist eines der Schlagworte der bürgerlichen Gesellschaft. Unter den Bedingungen kapitalistischer Ausbeutung und unbezahlter Reproduktionsarbeit wird es eine wirkliche Frauenbefreiung allerdings nicht geben. Spielt das in Ihrer Analyse eine Rolle?

Richtig ist, dass sich ein zentrales antifeministischen Argument auch in weiten Teilen der Mehrheitsgesellschaft wiederfindet: Gleichberechtigung sei bereits erreicht, sie stehe ja auch im Grundgesetz. Alles, was darüber hinaus gefordert wird, wird dann als »Genderwahnsinn« abgetan. Teile der feministischen Bewegung haben sich hier zu schnell zufriedengegeben. Es gibt aber auch radikale Feministinnen, die dem klar widersprechen. Die Befreiung nur für den kapitalistischen Arbeitsmarkt – das kann es nicht sein.

Da ließe sich an einen Kommentar der stellvertretenden Taz-Chefredakteurin Katrin Gottschalk erinnern, die vor wenigen Wochen die Karrieren der CDU-Politikerinnen Merkel, Kramp-Karrenbauer und von der Leyen abfeierte. Auf die sich selbst gestellte Frage, ob die drei Feministinnen seien, antworte sie: »Who cares?« Also in etwa: Wen kümmert’s?

In der feministischen Debatte stellt sich die Frage: Befreiung, aber für wen? Es kann kein linksradikales Ziel sein, einfach nur möglichst viele weiße Cis-Frauen (Frauen, die sich mit dem weiblichen Geschlecht identifizieren; jW) in Führungspositionen zu bringen. Schon gar nicht, wenn diese dann rassistische, antifeministische Politik durchsetzen. Was wir brauchen, ist grundsätzliche Herrschaftskritik.

Anna O. Berg hat gemeinsam mit Judith Goetz und Eike Sanders das Buch »Frauen*rechte und Frauen*hass« geschrieben, das am 15. August im Verbrecher-Verlag erscheint

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