Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 10.08.2019, Seite 12 / Thema
Theater

Form ohne Inhalt, Inhalt ohne Form

Der Rückblick auf die Spielzeit 2018/19 offenbart die künstlerische Krise des Theaters. Saisonfinale (Teil 1)
Von Jakob Hayner und Erik Zielke
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Ein Versuch über Eigentumsverhältnisse und Wohnungsmarkt, leider aufs Persönliche reduziert – »Oratorium« vom Performancekollektiv She She Pop (HAU Hebbel am Ufer, Berlin)

Herbert Ihering, der bekannte linke Theaterkritiker und Dramaturg, hatte es sich in den 1920er Jahren zur Angewohnheit gemacht, Rückblicke auf die jeweils letzte Spielzeit der Theater zu schreiben. Er nannte diese »Saisonschluss«, »Saisonfinale« oder schlicht »Die Spielzeit«. Zumeist konzentrierte er sich auf die Geschehnisse in Berlin, die aber zugleich ein Spiegel der Entwicklungen in der Weimarer Republik waren. Dort inszenierten Max Reinhardt, Leopold Jessner und Erwin Piscator, dort wurden Stücke von Bertolt Brecht, Ernst Toller und Ernst Barlach uraufgeführt, dort spielten Gustaf Gründgens und Peter Lorre. In seinen Rückblicken versuchte Ihering, das im Theater Gesehene mit den gesellschaftlichen Entwicklungen zusammenzudenken. Wer einschätzen will, was auf der Bühne passiert, muss wissen, in welcher Zeit er lebt. Und Ihering wollte ein Theater befördern, das die eigene Zeit zu durchdringen und zu übersteigen vermag. So würdigte er die Verdienste des Naturalismus und Expressionismus vor allem dadurch, dass er diese Tendenzen scharf kritisierte, nachdem sie ihre historische Aufgabe erfüllt hatten, nämlich den falschen Pomp und die verlogene Opulenz des spätwilhelminischen Theaters abzuräumen. Damit sah er die Bedingungen für eine wahrhafte Erneuerung des Theaters geschaffen, und in Brecht erkannte er den wichtigsten Vertreter dieser Erneuerung.

Für Ihering dienten die Spielzeitrückblicke einer öffentlichen Selbstvergewisserung. Er wollte darstellen, beschreiben und auch kritisieren, wie das Theater sich entwickelte. Das hatte notwendig etwas Spekulatives, konnte er doch nie wissen, was sich als typisch und was sich als nur einmalig erweisen würde. Das sollte man berücksichtigen, wenn man sich heute im Geiste Iherings einen Rückblick auf die Theaterspielzeit vornimmt. Es ist der Versuch, sich in einer verworrenen Lage etwas Überblick zu verschaffen, aus den zahlreichen unterschiedlichen Eindrücken auf Tendenzen zu schließen und ein interessiertes Publikum zur Diskussion einzuladen. .

Will man sich der Spielzeit 2018/19 nähern, ist zunächst ein Blick auf das Berliner Theatertreffen im Mai hilfreich. Eine Jury wählt die »zehn bemerkenswertesten Inszenierungen« des vergangenen Jahres aus. Sie orientiert sich dabei meist an den sogenannten starken Regiehandschriften. Manche zeichnen sich durch einen Wiedererkennungswert aus, was mitunter nur eine andere Bezeichnung für deren Einfallslosigkeit ist. Die Nebellandschaften von Thom Luz in »Girl from the Fog Machine Factory«, die physisch verausgabenden Drehbühnenmarathonläufe mit herausgeschrienem Text von Ulrich Rasche, dieses Jahr mit »Das große Heft« eingeladen, oder Ersan Mondtags poppig-düstere Bühneninstallation in »Das Internat«, die aufgrund technischer Probleme nur als Videoaufzeichnung gezeigt wurde, konnten kaum überzeugen. Zu formalistisch ist die Anwendung schon bekannter Mittel, die Methoden befinden sich im Leerlauf. Rasches bei der Ausführung sportlicher Leibesübungen lautstark skandierten Chöre haben nicht mehr die Wucht wie noch vor ein paar Jahren bei Schillers »Räubern«, wo Inhalt und Inszenierung stärker miteinander korrespondierten.

Düster, wenn nicht gar dystopisch ging es auch bei Simon Stones Strindberg-Mashup »Hotel Strindberg« zu. Kaputte Charaktere, Suff, liebloser Sex, ungewollte Schwangerschaften, Gewalt bis zum Totschlag und Wahnsinn sind im Aufriss eines mehrstöckigen Hotels zu beobachten. Jeder und jede befindet sich vereinzelt auf dem eigenen Zimmer, das jeweilige Drama bleibt persönlich, es findet parallel zu dem der anderen statt. Dass sich das Hotel am Ende als Irrenhaus erweist, überrascht kaum. Stone hat mit seinen Überschreibungen und Aktualisierungen bürgerlicher Dramen in den letzten Jahren die gegenwärtige Neubürgerlichkeit illustrieren können. Allerdings ist er nicht darüber hinaus gekommen. Sebastian Hartmann greift auf Dostojewski zurück, er bringt »Erniedrigte und Beleidigte« im schicken Schwarzweiß-Setting auf die Bühne, verbunden mit der Hamburger Poetikvorlesung des Dramatikers Wolfram Lotz aus dem Jahr 2017. Die Schauspieler schieben die Kulisse auf der Bühne umher, sie improvisieren die Reihenfolge ihrer jeweiligen Textblöcke, so dass immer neue Konstellationen entstehen. Die theoretische und ­poetologische Reflexion bietet der Text von Lotz. Für die Adaption eines Prosatextes scheint ein solches Verfahren, das gewissermaßen mehr in die Fläche geht, gar nicht ungeeignet. Doch auch wenn man die Protagonisten an der Vorherrschaft der ökonomischen Verhältnisse zugrunde gehen sieht, bleibt es eher eine melancholische Reflexion, die Handlung zerfließt, statt sich in einem Konflikt zu bündeln.

Der Regisseur Thorsten Lensing hat sich mit »Unendlicher Spaß« ebenfalls eines monumentalen Romans angenommen. Hatte der US-amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace in seinem Buch die Gesellschaft des ausgehenden 20. Jahrhundert parodiert und zugleich seziert, fällt die feingliedrige Erzählkonstruktion auf der Bühne in sich zusammen. Übrig bleiben Anekdoten. Die erstaunliche Besetzung – Jasna Fritzi Bauer, Sebastian Blomberg, Ursina Lardi und Devid Striesow stehen gemeinsam auf der Bühne – kann den Abend nicht retten. Hier wird ein Monolog nach dem anderen aufgesagt, ohne dass die Darsteller miteinander ins Spiel kämen.

Befindlichkeiten des Mittelstands

Die zehnstündige Inszenierung »Dionysos Stadt« von Christopher Rüping zeigt mit Bezug auf die antiken Dionysien in einem ersten Teil »Prometheus«, dann die »Ilias«, zuletzt die »Orestie«. Schon mit der Stoffwahl kommt man an allerlei Grässlichkeiten nicht vorbei, seien es die grausame Bestrafung des Revolutionärs Prometheus, die zerhackten Leiber im Trojanischen Krieg oder der innerfamiliäre Mord und Totschlag bei den Tantaliden, die bekanntlich von einem Fluch belegt sind – ähnlich wie die Menschheit in der Klassengesellschaft, wie Peter Hacks einmal bemerkte. Den Abschluss bildet bei Rüping eine Sequenz über den Ausnahmefußballer Zinedine Zidane. In der Deutung des Regisseurs sind die Sportstadien offenbar den antiken Theaterfestspielen näher als das Gegenwartstheater – und irgendwie mag man da kaum noch widersprechen, was möglicherweise auch an der Länge der Aufführung liegt. Allerlei Klamauk und Zoten gibt es bei Claudia Bauers Inszenierung von Peter Lichts Molière-Adaption »Tartuffe oder Das Schwein der Weisen«, eine bitterböse Parodie auf das Kreativmilieu, in dem alles irgendwie immer »okay« und »kein Problem« ist. Bis ein fettes Schwein mit Riesenpimmel kommt, das sich Tüffi nennt und alle ficken will, was von den Betroffenen allerdings »kontextualisieren« genannt wird. Der Abend ist eine sich in Wortschleifen suhlende Satire auf das zeitgeistige Neobiedermeier, dem jedes Unterscheidungs- und Urteilsvermögen abhanden gekommen ist, das die Welt nur noch zwischen »geil« und »ungeil« aufteilt und permanent von der Öffnung fürs Neue und Ungewohnte parliert. Das Schwein erweist sich am Ende als gewöhnlicher Sexschamane und alle anderen als sich selbst betrügende Heuchler. Trotz mancher interessanter Momente läuft das alsbald leer.

Nicht nur die Lust am Untergang zelebrierend kam »Oratorium« von She She Pop daher: Das Performancekollektiv zeigte in Anlehnung an Brechts Lehrstückmodell einen Abend über Eigentumsverhältnisse und den Wohnungsmarkt. Die Verdrängung ärmerer Mieter wird mit Berichten und Songs in der Manier von Kurt Weill dargestellt. Eine gute Anlage, die allerdings alles verliert, wenn das Publikum zum Aufsagen von Textpassagen animiert wird. Durch diese leicht infantile Beteiligungsästhetik wird dem Abend Schärfe genommen. Auch wird der Gegenstand letztlich doch nur aufs Persönliche heruntergebrochen, wenn diejenigen Zuschauer auf die Bühne gebeten werden, die etwas erben werden. Vorgezeigt werden Befindlichkeiten der Mittelklasse, was vor dem Hintergrund des gegenwärtigen Stands der Kapitalkonzentration unangemessen erscheint. Auch die gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten, die durch Eigentum die Anhäufung privaten Reichtums ermöglichen, blieben hier außen vor, um am Ende recht plump den Chor der Vielfalt zu beschwören – als ob der als Ideologie nicht auch kompatibel mit den herrschenden polit-ökonomischen Verhältnissen wäre. Zuviel sozialpädagogischer Stuhlkreis, zuwenig dramatischer Konflikt. Wo es beim Theatertreffen politischer wurde, erwies sich die Form als diesem Anspruch nicht genügend. Wo es formal raffiniert war, blieb das Politische eher abwesend, womit die Form zum Schwelgerischen tendierte, selbst wenn eine Welt im Untergang gezeigt wurde. Dieses Auseinanderfallen von politischen und ästhetischen Impulsen kann man wohl als eine Tendenz festhalten. Es fehlt gegenwärtig ein Entwurf wie die Dramaturgie Brechts, der politische Impulse und theatrale Formen zu übersetzen wusste.

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Anekdoten und Monologe, aber kein Spiel – Thorsten Lensings Inszenierung des Romans »Unendlicher Spaß« von David Foster Wallace (Sophiensäle Berlin)

Ausbleibende Debatte

Eine weitere Tendenz ließ sich anlässlich des Theatertreffen beobachten: Die Bedeutung dramatischer Literatur für das Theater nimmt weiter ab. Neben den schon genannten Inszenierungen stand noch eine Adaption des Ingmar-Bergman-Films »Persona« auf dem Programm. Der Theaterkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Simon Strauß hatte diese Entwicklung deutlich kritisiert. Vor allem die Selbstherrlichkeit der Regie werde durch das Theater ohne Stücke befördert. Das sei auch das Resultat »gedanklicher Faulheit«, so Strauß im Deutschlandfunk Kultur (3.5.2019). »Das Theaterstück ist mehr als einfach nur Form. Es transportiert auch wirklich etwas. Es ist wie das Gedicht eine eigene literarische Gattung, die über die Zeiten hinweg ein geheimes Potential an Wissen und Seelenkunde in sich hat. Das einfach so aufzugeben, ist völlig fahrlässig.« In der FAZ waren auf Initiative von Strauß über die letzten Monate Texte zu vergessenen oder unterschätzten Theaterstücken erschienen, um gewissermaßen einen Spielplan zu entwerfen, der das literarische Erbe berücksichtigt. Auf Strauß‘ Einwand gegen die Auswahl für das Theatertreffen folgte allerdings keine vernehmbare Reaktion. Eine nicht unähnliche Kritik hatte die Theaterkritikerin Irene Bazinger unter dem Titel »Alles erlaubt, nichts begriffen« im Cicero (6/2018) formuliert. »Die Bühnen sind nicht leer, werden jedoch von hochgeschraubten Thesenträgern und unverbindlichen Sprechblasen bevölkert, von sinnfreien Schreihälsen und sich jeder intellektuellen Blähung anbiedernden Zeitgeistern, von denkfaulen postmodernen Theatergartenzwergen und sich völlig privat gebenden Schwadroneuren und Schwadroneurinnen«, schrieb sie. Außerdem konstatierte Bazinger, dass im gegenwärtigen Theater das Interesse an menschlichen Vorgängen fehle. Im Trend liege die Abschaffung des Menschen auf der Bühne. Doch sind, so Bazinger, »Menschen auf der Bühne ziemlich wichtig, schließlich entstand das Theater auch aus dem tiefen Bedürfnis, in einen künstlerisch gestalteten Spiegel schauen zu können – und damit sich selbst zu finden, zu erkennen, zu verstehen. Dieser Prozess, bei dem sich eine Gesellschaft mit sich selbst konfrontiert, funktioniert aber nicht, wenn sich auf der Bühne nur wandelnde Sprechblasen und aufgekratzte Textflächen bewegen. Dann ist der Spiegel leer.« Auch ihr Einwurf konnte keine größere Debatte auslösen.

Dem Schauspieler Fabian Hinrichs war es mit seiner Rede zum Alfred-Kerr-Darstellerpreis beim Theatertreffen im vergangenen Jahr ebenso ergangen. Seine Kritik richtete sich gegen eine nur die Ideen der Regie exekutierende Form des Schauspiels, die abstrakt wie militärisch sei. Daraufhin reagierte ein Schauspielerkollege von Hinrichs wie persönlich beleidigt und beklagte, dass man doch Respekt haben solle vor den Arbeiten der Kollegen. Auf die inhaltlichen Punkte der Kritik wurde nicht eingegangen. So war Hinrichs gezwungen, auch dieses Jahr wieder einen Einwurf zum Theatertreffen zu formulieren, den er in der FAZ (14.5.2019) veröffentlichte. Darin erneuerte er seine Kritik und plädierte für eine Form des Schauspiels, die sinnliche wie geistige Momente verbinde, die nach Immanuel Kant »Gefühlsgedanken« entwickle. »Ein Theatersaal ist kein Großraumbüro. Und auch kein Coworking space, in dem mehrere Projekte entwickeln«, so Hinrichs. Theater müsse zusammenbringen, dem Schauspieler komme dabei in der Begegnung mit dem Text und den Spielpartnern eine zentrale Bedeutung zu. Dass weder die Invektiven von Strauß und Bazinger noch von Hinrichs – die ja immerhin Kernbereiche des Theaters betreffen: das Verhältnis zum Text, die Inszenierungs- und Spielweisen – zu einer lebhaften Diskussion geführt haben, die doch so dringend anstände, ist symptomatisch für den gegenwärtigen Theaterbetrieb, bei dem man immer öfter das Gefühl hat, dass auf allen Kanälen nur noch Reflexionsausfall herrscht. Und in dem das Gerücht, die Denunziation und der Tratsch den Streit ersetzt haben. Das ist eine fatale Entwicklung, gerade wenn man die Inszenierung von Dissens zum Zwecke der besseren Erkenntnis als Wesen des Theaters begreift.

Symbolpolitik

Was allerdings für Debatten sorgte, war die Ankündigung der Berliner Festspiele, der Jury des Theatertreffens für die nächsten zwei Jahre eine Frauenquote für die Regie vorzuschreiben. Trotz des egalitären Impulses ist das eine fragwürdige Entscheidung. Zum einen, weil sie nur auf die Regie zielt. Zum anderen, weil es eine Symbolentscheidung im Sinne eines Abzählfeminismus ist, die weder die Produktionsbedingungen an den Theatern verändert, noch die Frage nach einer feministischen Ästhetik stellt. Die Entscheidung der Festspiele als großen Fortschritt im Theaterbetrieb zu bejubeln, geht daher an den realen Problemen vorbei. Doch solche symbolträchtigen Maßnahmen erfreuen sich größter Beliebtheit, was durchaus damit zusammenhängen könnte, dass die größeren, die Kunst und die Gesellschaft betreffenden Debatten nicht geführt werden. Wo auf die dringend anstehende Selbstbefragung verzichtet wird, blühen die Ersatzhandlungen. Diese reagieren zwar auf tatsächliche Probleme des Betriebs, sind aber weit davon entfernt, diese im Zusammenhang zu begreifen oder gar zu lösen.

Dass es das Theater so selten schafft, zu den entscheidenden Menschheitsfragen und somit zu nennenswerter gesellschaftlicher Bedeutung vorzudringen, liegt auch an seinem reichlich verqueren Verhältnis zur Literatur. Dem Theaterkanon begegnet man mit Ignoranz: Entweder werden Aristophanes, Shakespeare, Goethe, Brecht als überflüssiger historischer Ballast gar nicht mehr auf die Bühne gebracht, oder man nimmt sich ihrer nur an, um ein übermäßiges Selbstvertrauen des Regisseurs und ein mangelndes Vertrauen in die Sprache des Autors, in das darstellerische Vermögen der Schauspieler und das Denkvermögen des Publikums zur Schau zu stellen. Die über Jahrzehnte fortwährende Beschwörung des »postdramatischen Theaters«, also der Feier eines Theater, das weder Figuren noch Handlung kennt und sich in seiner Ereignishaftigkeit selbst genügt, hat Früchte getragen. In der Folge haben wir es immer häufiger mit sogenannten Stückentwicklungen zu tun. Nicht nur die Inszenierung, sondern auch der gesamte Stücktext, sofern noch vorhanden, entsteht im Probenprozess. Was für einzelne künstlerische Arbeiten der angemessene Rahmen sein könnte, wird zum Dogma. Immer häufiger nähern sich Inszenierungsteams Themenkomplexen und präsentieren am Premierenabend die Ergebnisse ihrer mehrwöchigen Beschäftigung, vergessen dabei aber allzu oft den künstlerischen Charakter der Vorstellung, auf den das Publikum doch hoffte. Wer, statt sich mit großer Literatur der Welt zu nähern, im eigenen Dunstkreis verharrt, fördert, ob gewollt oder nicht, schnell Selbstbezügliches zutage. Zeitfragen, die diskutiert werden sollen, spielen sich aber nicht ausschließlich unter den Theaterbeschäftigten ab. Tagesaktuell zu berichten, persönliche Einblicke zu gewähren, sich selbst immer wieder neu zu erfinden, das kann nicht der Anspruch an einen Theaterabend sein.

Eine der wenigen Ausnahmen im Theater ist wohl der aus dem Oberösterreichischen Steyr stammende, 1986 geborene Dramatiker Thomas Köck. Sowohl 2018 als auch 2019 wurde er mit dem renommierten Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet. Köck ist angetreten, Geschichten zu erzählen. Nicht ohne Humor und doch ernsthaft nähert er sich großen Themen an, dem Klimawandel zum Beispiel in der Trilogie »paradies fluten / paradies hungern / paradies spielen« oder dem Mythos der Nation in »dritte republik«. Sein Stück »atlas«, das in diesem Jahr in Leipzig uraufgeführt wurde, kreist nicht nur um deutsch-deutsche, sondern auch um deutsch-vietnamesische Verhältnisse, für die der Autor sowohl Szenen und Figuren als auch eine Kunstsprache findet und somit fern einer nur persönlichen Ebene Konflikte aufzeigt. Dass es beim Publikum den Theatermoden zum Trotz ein Bedürfnis nach neuen Stücken gibt, die sich um die Darstellung menschlicher Konflikte bemühen, zeigt Köcks Erfolg und der Umstand, dass seine Dramen an zahlreicher werdenden Bühnen nachgespielt werden.

Notstand

Der Zustand des gegenwärtigen Theaters lässt sich vor allem an der Literatur ablesen – oder eben an ihrem Fehlen. So muss man wohl konstatieren, dass auch in der abgelaufenen Spielzeit nur wenig von dem spezifischen Reflexionsvermögen der darstellenden Kunst zu verspüren war. Es dürfte also nicht übertrieben sein, von einer künstlerischen Krise des Theaters zu sprechen, die mit der geistigen Krise unserer Zeit einhergeht. Immerhin gibt es punktuell noch ein Bewusstsein davon, wenn auch die Versuche, darüber eine Aussprache zu beginnen, bisher ohne vernehmbares Echo geblieben sind.

Die Theaterkritiker Jakob Hayner und Erik Zielke schreiben regelmäßig für junge Welt über die Premieren in Berlin und anderswo.

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