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Aus: Ausgabe vom 13.08.2019, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Verlass mich nicht

Wenig behandeltes Sujet: Das Psychodrama »So, wie du mich willst«
Von Maxi Wunder
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»Die verlassene ältere Frau« ist ein Sujet, das in den Künsten bislang wenig behandelt wurde

Welch gruselige Blüten die Einsamkeit treibt, lernen wir in dem Spielfilm »So, wie du mich willst« von Safy Nebbou. Der französische Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor präsentierte den Film, der im Original »Celle que vous croyez« heißt, auf der diesjährigen Berlinale in der Sektion »Special Gala«.

Juliette Binoche spielt darin die circa 50jährige Claire, die fast alles hat: einen guten Job als Literaturprofessorin, ein schönes Appartement in Paris, zwei gesunde Söhne, eine gute Figur und ein hübsches Gesicht mit einer schicken Hornbrille. Was ihr fehlt, ist Liebe, denn ihr Ehemann ist mit ihrer Nichte durchgebrannt, und nun hat sie auch noch der 20 Jahre jüngere Liebhaber (Guillaume Gou ix) verlassen. Da der den Kontakt verweigert, sie ihn aber nicht loslassen kann, versucht sie über seinen Mitbewohner, den Fotografen Alex (François Civil), an ihn heranzukommen. Sie legt sich auf Facebook ein Fakeprofil zu – 24 Jahre, blond, supersexy –, um das Interesse des Mitbewohners zu wecken und schickt ihm Bilder und Videos von ihrer Nichte, Typ Eisreklamemodel, wohl ahnend, dass auch dieser Mann dem Mädchen (Marie-Ange Casta als Foto bzw. Film im Film) verfallen wird.

Damit liegt sie richtig, aber diesmal kriecht sie seelisch in die Identität des blonden Vamps, der ihr schon den Ehemann weggenommen hat, säuselt mit Jungmädchenstimme ins Telefon, macht Alex in sich verliebt und verliebt sich ihrerseits in ihn. Es kommt zu leidenschaftlichem Telefonsex, wo man Binoche beim Onanieren im Auto sieht, aber Alex will seine neue Facebook-Flamme endlich auch in echt sehen. Tja.

Wie ein Teenager klebt Claire an ihrem I-Phone, ihr Avatar ist ihr Ticket ins virtuelle Glück, für sie die einzige erträgliche Realität. Dass das nicht ewig gutgehen kann, ist klar, Alex wird sauer, macht Schluss mit dem Trug, tut so, als hätte er aus Liebeskummer Suizid begangen, um die Social-Media-Psychopathin für die Verarschung zu bestrafen, und löscht sein Profil. Claire landet in der Psychiatrie, bekommt Hilfe, wird wieder rückfällig. »Ich habe kein Problem damit zu sterben, ich will nur nicht verlassen werden«, erzählt sie ihrer Psychiaterin.

Das Drehbuch von Safy Nebbou und Koautorin Julie Peyr ist nach einer Romanvorlage der preisgekrönten französischen Autorin Camille Laurens entstanden. Gekonnt bedient es die Erwartungen an ein »Drame psychologique«, die Kamera bleibt dicht an der Hauptfigur und ihrem Abdriften in die Welt ihres Alter egos, nimmt Anleihen beim Horrorgenre, wenn sie Binoches Gesicht als lebende Totenmaske zeigt.

»Die verlassene ältere Frau« ist ein Sujet, das in den Künsten bislang wenig behandelt wurde. Herausragende literarische Beispiele finden sich nur vereinzelt, etwa bei Colette, die in ihren Romanen »Chéri« und »La fin de Chéri« von der Auf-und-ab-Liaison der älteren Lebedame Léa zu ihrem jugendlichen Liebhaber erzählt, übrigens auch mit unschönem Ende, für beide. Aber diese Werke sind von 1920 und 1926. Die Figur der Clai re, fast 100 Jahre später, ist ungleich verletzter, verstörter, abhängiger als Léa – eine narzistisch gekränkte Frau, die sich lieber selbst verrät, als sich verschmäht zu fühlen.

»So, wie du mich willst«, Regie: Safy Nebbou, Frankreich 2018, 102 Min., bereits angelaufen

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