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Aus: Ausgabe vom 10.08.2019, Seite 8 / Ansichten

Schon wieder Exilierter des Tages: Ai Weiwei

Von Sebastian Carlens
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Der chinesische Künstler Ai Weiwei

Der chinesische Künstler Ai Weiwei, seit vier Jahren in Berlin, will Deutschland verlassen, teilte er der Welt mit: »Dieses Land braucht mich nicht, weil es so selbstzentriert ist.«

Da hat er Recht. Und trotzdem: Ausgerechnet aus Ais Mund? Schließlich war er gehätschelt worden wie kein zweiter; es wurden sogar Plakate aufgehängt, die ihn als »bedeutendsten Künstler des 21. Jahrhunderts« feierten – das sind ordentliche Vorschusslorbeeren. Nun ist nicht auszuschließen, dass vier Jahre deutsche Realität zu einem Lerneffekt geführt haben könnten. Sind Ai der Kapitalismus, der strukturelle Rassismus, die Polizeigewalt zuwider? Das wären gute Gründe. Doch nein: In Berlin sei er aus einem Taxi geschmissen worden, weil ihn Parfümgeruch gestört habe. Außerdem habe sich die BRD an China verkauft. Das Land ist also rettungslos verloren.

Ais Kunst wird trotzdem gekauft, ein erster Förderer war Ex-BDI-Boss und AfD-Mitbegründer Hans-Olaf Henkel. Und Selfies mit ihm waren ebenfalls beliebt, wie bei Alice Weidel, der AfD-Fraktionsvorsitzenden. Ai, der seinerzeit ein ertrunkenes Flüchtlingskind in der Ägäis nachgestellt hatte, sieht sich als Exilierten, denn China habe ihn »zurückgewiesen, seit ich geboren wurde«. Dabei war sein Umzug freiwillig, er hat die chinesische Staatsbürgerschaft und könnte jederzeit zurück. Er will nur nicht. Der deutschen Regierung kam das zupass, einen antichinesischen Sprechautomaten kann man gebrauchen. Ob er diesen Anforderungen nicht genügte, ob ihm diese Rolle doch nicht behagt hat – es bleibt nebulös.

Man könnte das als Exzentrik, wie sie bei narzisstischen Künstlern eben vorkommt, abhaken. Wäre nicht Ais Zwang, jede Schrulle mit politischer Bedeutung aufzuladen. Weil das so ist, können wir sicher sein: Ein neues Exil lässt sich finden, solange es Kräfte gibt, die China ärgern wollen.

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