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Aus: Ausgabe vom 10.08.2019, Seite 11 / Feuilleton
Adorno

Moment des Angedrehten

Erstmals gedruckt: Ein Vortrag von Theodor W. Adorno aus dem Jahr 1967 über »neuen Rechtsradikalismus«
Von Arnold Schölzel
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Perfektion der Mittel, Absurdität der Zwecke: NPD-Bundesvorsitzender Adolf von Thadden (r.) füttert die Presse, 1969

Im Juli veröffentlichte der Suhrkamp-Verlag den Text eines bisher nur als Tonaufnahme bekannten Vortrags, den der Philosoph Theodor Wiesengrund Adorno im April 1967 auf Einladung des Verbands Sozialistischer Studenten Österreichs in Wien gehalten hatte: »Aspekte des neuen Rechtsradikalismus«. Hintergrund waren damals die Wahlerfolge der zweieinhalb Jahre zuvor in der Endphase der CDU-Alleinherrschaft in Bonn gegründeten NPD. Die Partei zog 1967 in sechs Landtage ein, 1968 in den siebten, bei den Bundestagswahlen 1969 scheiterte sie mit 4,3 Prozent nur knapp.

Die Analyse, die Adorno in Wien vortrug, liest sich streckenweise wie ein marxistischer Kommentar zur heutigen Lage. So stellt er gleich zu Beginn fest, »dass die Voraussetzungen faschistischer Bewegungen, wenn auch nicht unmittelbar politisch, gesellschaftlich nach wie vor fortbestehen«. Er denke »in erster Linie an die nach wie vor herrschende Konzentrationstendenz des Kapitals«. Sie bedeute »die Möglichkeit der permanenten Deklassierung von Schichten, die ihrem subjektiven Klassenbewusstsein nach durchaus bürgerlich waren«. Diese Gruppen tendierten »nach wie vor zu einem Hass auf den Sozialismus oder das, was sie Sozialismus nennen«. Das liege auch daran, dass die SPD »die Potentiale einer Veränderung der Gesellschaftsstruktur, die in der klassischen Marxischen Theorie gelegen waren, abbiegt«, aber »die Bedrohung der Verarmung« für die genannten Schichten verstärke.

Das war wesentlich klarer formuliert als in seinem bekannteren Vortrag von 1959 »Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit«. Er warnte damals zwar davor, das »Wirtschaftswunder« als Dauerzustand zu betrachten. 1967 formulierte er aber genauer, dass »im Zeitalter der Automatisierung (…) auch die Menschen, die im Produktionsprozess drinstehen, sich bereits als potentiell überflüssig (…), sich als potentielle Arbeitslose eigentlich fühlen«. Hinzu komme »natürlich noch die Angst vor dem Osten, ebenso wegen des niedrigeren Lebensstandards dort wie wegen der Unfreiheit, die ja doch unmittelbar und sehr real von den Menschen, auch von den Massen, erfahren« werde. Es war, um es zurückhaltend zu formulieren, nicht das Aufgeklärteste, was Adorno zu den sozialistischen Ländern zu sagen hatte.

Als eine Quelle des »neuen Nationalismus oder Rechtsradikalismus« nannte er sowohl 1959 wie 1967 in ähnlichen Formulierungen, dass die Demokratie in den westlichen Ländern nie verwirklicht worden sei, »sondern formal geblieben ist«. Die faschistischen Bewegungen könne man »in diesem Sinn als die Wundmale, als die Narben einer Demokratie bezeichnen, die ihrem eigenen Begriff eben doch bis heute nicht voll gerecht wird«. Zumal in Zeiten, in denen »der neue Nationalismus oder Rechtsradikalismus« etwas »Fiktives« habe, angesichts der Tatsache, dass »die einzelnen Nationen und Staaten eigentlich nur noch eine untergeordnete Rolle spielen«. Dieses »Moment des Angedrehten, sich selbst nicht ganz Glaubenden« habe solcher »pathische« Nationalismus schon zur Hitlerzeit gehabt.

Adorno warnte, diese Bewegungen »wegen ihres niedrigen geistigen Niveaus und wegen ihrer Theorielosigkeit« zu unterschätzen. Charakteristisch sei für sie »vielmehr eine außerordentliche Perfektion der Mittel, nämlich der propagandistischen Mittel in einem weitesten Sinn kombiniert mit Blindheit, ja Abstrusität der Zwecke, die dabei verfolgt werden«. Die Propaganda gleiche die Differenz »zwischen den realen Interessen und den vorgespiegelten falschen Zielen« aus und sei wie einst bei den Nazis »geradezu die Substanz der Sache selbst«.

Das bog den politökonomischen Ansatz ab. Die Diskrepanz zwischen klarer Benennung der Erscheinungen zum Teil in marxistischen Begriffen und Verzicht auf eine historisch-materialistische Analyse prägt die Geschichte der »Kritischen Theorie«. Adorno kam erst Anfang der 30er Jahre in ständigen Kontakt mit der von Max Horkheimer herausgegebenen Zeitschrift für Sozialforschung, die ab 1932 einen eigenständigen Anspruch auf marxistische Sozialwissenschaft erhob.

In seiner ersten großen Abhandlung darin unter dem Titel »Zur gesellschaftlichen Lage der Musik« setzte er Akzente, die sein Werk immer wieder bestimmten. Die Entfremdung zwischen Musik und Menschen sei im Kapitalismus »vollkommen«, die »Macht der Verdinglichung« habe den Menschen die Musik genommen und »ihnen bloß deren Schein gelassen«.

Auch »in der klassenbewusst-proletarischen« Gemeinschaftsmusik, den Chorwerken Hanns Eislers, dem er 1925 in Wien das erste Mal begegnet war, sah er keine Alternative. Eislers Musik möge agitatorisch wertvoll sein, als Kunstform stelle sie eine »fragwürdige Mischung aus Abfällen innerbürgerlich überholter Stilformen« von Männerchor bis »neuer« Musik dar. Solcher »Kritik ohne Konsequenzen« stellte Eisler schon 1932 entgegen, das Proletariat sei die einzige Klasse, »die nach dem Zusammenbruch und dem Verfall der Musikkultur der Bourgeoisie (…) gierig das Erbe der großbürgerlichen Musik antreten wird«.

Dieser Punkt, das »Erbe«, blieb eine zentrale Differenz. Adorno sah zwischen Kant, Hegel, der Philosophie der bürgerlichen Revolution auf der einen Seite und Nietzsche oder Heidegger, der Philosophie der Konterrevolution, auf der anderen kaum einen Unterschied.

Bertolt Brechts grimmige Bemerkung über Adorno im »Arbeitsjournal« vom 10. Oktober 1943 hat diese Auseinandersetzung zum Hintergrund: »Adorno hier. (…) Das gegenstück zu den ›freunden des bewaffneten aufstands‹ sind die ›uneigennützigen bewunderer der idee des materialismus‹. (…) Lustig auch so was wie: ›robert walser ist sehr bedeutend, da er den verfall der bürgerlichen gesellschaft widerspiegelt.‹ Schade nur, dass dieses bürgertum dann in panzerdivisionen und ss-verbände verfällt.«

Als Brecht das notierte, arbeiteten Adorno und Horkheimer an dem Buch, das unter dem Titel »Dialektik der Aufklärung« 1944 in einer hektographierten Fassung und 1947 merklich verändert als Buch erschien – das Hauptwerk der »Kritischen Theorie«. Sein Kern: Die Beschreibung der europäischen Ideengeschichte als eines Verfalls- und fast automatisch ablaufenden Selbstzerstörungsprozesses. Das Resultat war eine Rücknahme konkreter Kritik am Kapitalismus. Der inhaltlichen Anpassung folgte die terminologische. Begriffe wie »Monopol«, »Kapital«, »Profit« wurden 1947 z. B. durch »Wirtschaftsapparatur«, »das System der modernen Industrie«, »Kulturindustrie«, »die Verfügenden« oder »das System« ersetzt. Die »Monopolherren« verwandelten sich in »Generaldirektoren«, das »Kapital« in »Wirtschaft«. Ein Primat der Ökonomie in der Gesellschaftsanalyse wurde aufgegeben.

Am wachen Gespür für faschistische Tendenzen änderte das nichts, wie die Vorträge von 1959 und 1967 zeigen. Wo allerdings die »halbe Dialektik« (Hans Heinz Holz) Adornos Anspruch auf absolute Geltung erhob, schwanden antifaschistische Gemeinsamkeiten. Zumal in Zeiten, in denen die Bourgeoisie in atomare Hochrüstung, weltweit agierende Truppenverbände und faschistische Bewegungen verfällt.

Theodor W. Adorno: Aspekte des neuen Rechtsradikalismus. Ein Vortrag. Suhrkamp Verlag, Berlin 2019, 86 Seiten, 10 Euro

kurzlink.de/Adorno_Faschismus

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