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Aus: Ausgabe vom 09.08.2019, Seite 15 / Feminismus
Unverwüstliche Kämpferin

Vom Hinterhof in die Hitparade

Sozialer Aufstieg durch Musik: Samba-Queen Elza Soares singt gegen Diskriminierung und Gewalt. In Brasilien wird sie mit Sonderbriefmarke geehrt
Von Kai Böhne
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Im Mai 2018 veröffentlichte Elza Soares mit »Deus é Mulher« ihr mittlerweile 55. Album (1.12.2018)

Die heute 82jährige Elza Soares hat 2018 mit ihrem Album »Deus é Mulher« ihren 55. Tonträger veröffentlicht. Die seit 1950 aktive brasilianische Musikerin gilt seit Jahrzehnten schon als Königin der avantgardistischen Samba, die mit ihrer Kunst mutig gegen soziale Ungerechtigkeiten, Gewalt und Diskriminierung ansingt. Weil sie Rückenprobleme hat, wurde ihr auf der Bühne ein Thron errichtet, von dem aus sie sitzend mit ihrer rauhen Stimme singen konnte. Sie ist eine unverwüstliche Kämpferin. Körperliche Gebrechen können sie nicht von Auftritten abhalten.

Kämpfen musste sie bereits in jungen Jahren, denn sie wuchs in Armut in einer Favela in Rio de Janeiro auf. Ihr Vater war Fabrikarbeiter, ihre Mutter verdingte sich als Wäscherin. Elza arbeitete zunächst als Putzfrau und in einer Seifenfabrik. Mit zwölf Jahren musste sie die Schule beenden und wurde mit einem Freund ihres Vaters verheiratet. Während der Ehe war sie sexuellen Übergriffen und häuslicher Gewalt ausgesetzt. Bereits in jungen Jahren verlor sie ein Baby an Unterernährung. Bittere Tiefschläge kennzeichneten Elzas Leben, doch sie ließ sich nicht entmutigen und klammerte sich an ihren Traum, Sängerin zu werden.

1953 verbesserte sich ihre Situation, denn die Afrobrasilianerin gewann einen Gesangswettbewerb, wurde als »Crooner« eingestellt und bekam Aufträge als Schlagersängerin. Crooner waren meist männliche Sänger, deren Gesang durch Mikrofontechnik eine intime, sentimentale Note verliehen wurde. Es spricht für Elzas Willenskraft, dass sie sich in dieser Männerdomäne durchsetzen konnte. Seit den 1960er Jahren hatte sie einige Erfolge beim Plattenlabel »Odeon«. Zur Fußballweltmeisterschaft 1962 in Chile trat sie als Repräsentantin der Kultur Brasiliens gemeinsam mit Louis Armstrong auf. Bei dieser Gelegenheit lernte sie den brasilianischen Stürmer Mané Garrincha kennen, den sie vier Jahre später heiratete.

In Brasilien ist die Armut überwiegend schwarz. Die soziale Benachteiligung der Schwarzen und die Diskriminierung der afrobrasilianischen Kultur thematisiert Elza Soares in ihren Liedern. In ihrer Heimat ist Soares dafür bekannt, dass sie nach Nackenschlägen nie aufgibt und immer wieder aufsteht. Ihre beiden Ehen waren von gravierenden Konflikten und teils Gewalt gegen sie gezeichnet. Der zweifache Fußballweltmeister Garrincha kam mit seinem Leben nach dem aktiven Sport nicht zurecht, vereinsamte und ergab sich dem Alkohol. 1977 wurde die Ehe geschieden.

Nachdem die Sängerin in den 1980er Jahren vom Privatleben stark beansprucht war und sich aus dem Musikgeschäft zurückzog, ermutigte sie der befreundete Liedermacher Caetano Veloso, wieder auf die Bühne zu gehen. Seitdem öffnete sie sich für zeitgenössische Klänge in ihren Produktionen und integrierte HipHop-, Funk-, Jazzelemente und elektronische Musik. Im Oktober 2015 veröffentlichte die Grande Dame mit »A Mulher do Fim do Mundo« (Die Frau am Ende der Welt) eine einzigartige Sambaplatte. Die elf Songs verbinden musikalische Genres wie Samba, Afrorock, Rap und Elektronik mit aktuellen Themen wie häusliche Gewalt, das leidvolle Leben in den Städten, Transsexualität und Négritude. Letzteres steht für die Selbstbehauptung der afrikanischen Community.

Ende Juli 2019 erschien in Brasilien eine Sonderbriefmarke mit einem Bühnenfoto von Elza Soares. Die brasilianische Post Correios würdigt die 82jährige Musikerin für ihre aufrechte Haltung sowie ihren Einsatz gegen Sexismus und Diskriminierung und nahm sie in die sechsteilige Markenserie »brasilianische Frauen, die Geschichte schrieben« auf. Dort befindet sich Soares in ehrenvoller Gesellschaft: der der Basketballspielerin Hortência Marcari, der Fernsehmoderatorin Hebe Camargo (1929–2012), der afrobrasilianischen Schriftstellerin Carolina Maria de Jesus (1914–1977), der Biopharmazeutin und Menschenrechtlerin Maria da Penha und der Mitarbeiterin des Auswärtigen Amts Brasiliens, Aracy de Carvalho Guimarães Rosa (1908–2011). Letztere erhielt den israelischen Ehrentitel »Gerechte unter den Völkern«, weil sie vielen Juden geholfen hatte, das faschistische Deutschland zu verlassen und unter der nationalistischen Vargas-Regierung illegal in Brasilien zu überleben.

Als 2016 die Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro stattfanden und die Besucher nach den Wettkämpfen auf der Suche nach Musik und Entspannung ins Hafenviertel zogen, sang dort auch die Samba-Diva Soares. Bei einem dieser Auftritte rief sie immer wieder den Namen Rafaela Silva ins Bühnenmikrofon. Die junge schwarze lesbische Judokämpferin hatte kurz zuvor das erste olympische Gold für Brasilien gewonnen. Auch Silva war in einer Favela aufgewachsen. Soares erkannte in ihr eine Schwester im Geiste, die sich für ihren Traum auch gegen immense Widerstände durchsetzen musste.

Die Energie von Elza Soares erscheint unerschöpflich. Für den 13. September wird die Veröffentlichung ihres aktuellen Albums angekündigt: »Planeta Fome«, zu Deutsch: »Planet Hunger«. Sie hat die Entbehrungen ihrer Jugend nicht vergessen, als der Hunger auch sie selbst quälte.

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