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Aus: Ausgabe vom 08.08.2019, Seite 11 / Feuilleton
Geschichtspolitik

»Zum Streicheln der Seele«

Die Brandenburger SPD hat jetzt ihre eigene Historische Kommission
Von Matthias Krauß
Im Griff der Geschichte: Willy Brandt (l.), Soze mit Sinn für’s
Im Griff der Geschichte: Willy Brandt (l.), Sozialdemokrat mit Sinn fürs Historische, mit Erich Honecker 1985

Vor etwa zehn Jahren hat ein langjähriger SPD-Bundesvorsitzender in Brandenburgs Landeshauptstadt Potsdam erklärt, dass der Zusammenschluss von SPD und KPD 1946 zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) in der damaligen sowjetischen Besatzungszone »keine Zwangsvereinigung« gewesen sei. Oskar Lafontaine war kein Vorsitzender und auch kein Mitglied der SPD mehr, als er dies tat. Der heutige Generalsekretär der brandenburgischen SPD, Erik Stohn, hat demgegenüber am vergangenen Donnerstag auf der »Zwangsvereinigung« bestanden. Er tat dies bei der Gründung der Geschichtskommission des Landesverbandes, die im Rathaus des Potsdamer Stadtteils Babelsberg erfolgte.

Hintergrund dieser Aktion ist die Abschaffung der Historischen Kommission beim SPD-Bundesvorstand, die noch von der damaligen Vorsitzenden Andrea Nahles veranlasst worden war. Offenbar schätzte sie es nicht, ihre aktuelle Politik unter dem Blickwinkel der Parteigeschichte betrachten zu lassen. Laut Einladung zur Gründung der brandenburgischen Kommission gibt es – als kritische Antwort darauf – ähnliche Bestrebungen gleichlautender Initiativen in allen Landesverbänden. Die SPD Brandenburg unternimmt nun diesen Schritt in einer Phase, in der sie ihre seit 30 Jahren innegehabte »führende Rolle« im Land einzubüßen droht. Der an diesem Abend einstimmig gewählte Sprecherinnenkreis der Kommission setzt sich aus drei aus dem Westen Deutschlands zugezogenen Potsdamern und einer Frau zusammen, die sich als »aus dem Osten stammend« und als »Arbeiterkind« vorstellte, was immerhin für etwas Erheiterung sorgte.

Beantragt wurde die Gründung der Geschichtskommission vom Potsdamer Ortsverein Mitte-Nord. Siegfried Schmauder gedachte eingangs der unter Willy Brandt berufenen und kürzlich beseitigten Historischen Kommission beim Bundesvorstand, gegründet 1982 in einer schwierigen Zeit, als Flügelkämpfe, NATO-Doppelbeschluss und Sozialabbau die SPD belastet hätten und etwas »zum Streicheln ihrer Seele« gebraucht wurde. Angesichts der für die jahrzehntelang siegesgewohnten märkischen Sozialdemokraten bestürzenden aktuellen Umfragewerte, sind Streicheleinheiten vielleicht auch heute vonnöten. Initiatorin Sabine Hering sagte, man habe die regionale Parteigeschichte von Anbeginn im Blick, doch lege man Wert vor allem auf die vergangenen 30 Jahre, da es für diesen Zeitabschnitt noch Zeitzeugen gebe, die diesbezüglich befragt werden könnten. Den Mitgliedern der Kommission schwebt die Gründung eines »Roten Salons« in Potsdam vor, wo ungezwungen interessante Dinge zur Sprache kommen könnten. Davon gibt es in Potsdam einige. So die Friedrich-Ebert-Straße, die nach dem Krieg ihren Namen erhielt und bei der sich immer die Frage stellte, ob sie den Reichspräsidenten ehren sollte oder dessen Sohn mit gleichem Namen, der entschieden den Zusammenschluss von SPD und KPD befürwortete und später Oberbürgermeister von Ostberlin wurde.

Die Gründung der SED auf brandenburgischer Landesebene fand in einem geräumigen Innenstadthaus statt, das danach zu einem »Konsument«-Warenhaus umgebaut und nach der politischen Wende zu einer Filiale des Karstadt-Konzerns ausgebaut worden war. An das politische Ereignis – der Zusammenschluss erfolgte übrigens einstimmig – erinnerte zu DDR-Zeiten eine Gedenkbronzeplakette am Eingang. Sie ist seit 1990 verschwunden.

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