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Aus: Ausgabe vom 08.08.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Zweckentfremdung

Verdeckter Wohnungsklau

Airbnb vermittelt allein in Berlin 26.000 Unterkünfte. Sozialforscher halten das für völlig vernachlässigenswert
Von Ralf Wurzbacher
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In mindestens 160.000 Wohnungen in Deutschland sind Touristen herzlich willkommen. Mieter eher weniger

Trägt die Vermittlungsbörse Airbnb zur Verknappung von Wohnraum und zum Auftrieb der Mietpreise in deutschen Metropolen bei? Der Sharing-Economy-Gigant aus dem Silicon Valley stellt das in Abrede. Das überrascht nicht, schließlich könnten mögliche politische Eingriffe das schöne Geschäft verhageln. Aber der US-Konzern beharrt nicht bloß auf seiner Sicht, sondern unterlegt sie neuerdings mit Zahlen. Durch das Berliner Wirtschafts- und Sozialforschungsinstitut Empirica hat es hausinterne Daten zum Vermietungsgeschäft in den vier Großstädten Berlin, Hamburg, München und Dortmund auswerten lassen und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Botschaft: Wir haben nichts zu verbergen, und was wir machen, ist längst nicht so schlimm, wie alle tun.

Am Dienstag hatte als erstes das Handelsblatt über die Erhebung berichtet. »Ein spürbarer Zusammenhang zwischen Mietpreissteigerungen und der Entwicklung angebotener Unterkünfte auf Airbnb in den Städten ist insgesamt nicht erkennbar«, zitierte die Zeitung Forschungsleiterin Annamaria Deiters-Schwedt. Ihre Methodik besticht durch eine bemerkenswerte Schlichtheit: Als zweckentfremdeter Wohnraum, der dem regulären Wohnungsmarkt entzogen wird, gelten laut Studie lediglich solche Objekte, bei denen »die überwiegende Kurzzeitvermietung gegenüber einer dauerhaften Vermietung rentabler ist« und dem Vermieter Profit verspricht. Dabei wird diese Schwelle bei einer Buchungsdauer von 137 Tagen angesetzt. Alles, was darunter liegt, wird als nicht gewerbliche Vermietung angesehen, verbunden mit der Unterstellung, dass der Eigentümer die Wohnung den Rest des Jahres selbst bewohnt.

Dieses Kriterium würden von den über Airbnb vermittelten Einheiten in Berlin höchstens 2.600, in Hamburg 720, in München 580, und in Dortmund 60 erfüllen, kalkuliert Empirica und stellt das in Relation zu den örtlichen Begebenheiten. Für die Hauptstadt etwa veranschlagen die Forscher im Zeitraum 2007 bis 2017 ein Defizit von »grob betrachtet« 114.799 Wohneinheiten. Bezogen darauf machten die auf Airbnb angebotenen Ferienwohnungen einen Anteil von gerade einmal 1,5 Prozent am erforderlichen Neubau bis 2030 aus. Für Dortmund, München und Hamburg sollen sich Werte zwischen 0,4 und einem Prozent ergeben. Woraus für die Autoren folgt, dass selbst bei einem vollständigem Verbot aller Kurzzeitvermietungen »keine Mengeneffekte mit spürbar preisdämpfender Wirkung« auf den regionalen Wohnungsmärkten zu erwarten wären.

Erhellender als solche Milchmädchenrechnungen sind andere Zahlen, mit denen die Studie herausrückt. Während man für Berlin bisher von rund 13.000 über diverse Onlineportale offerierte Ferienwohnungen ausgegangen war, wurden 2018 allein via Airbnb 26.500 Unterkünfte angeboten, eine Hälfte davon Komplettwohnungen, die andere Gästezimmer. In München sollen es 11.000 Objekte sein, in Hamburg 9.400 und 550 in Dortmund. Damit kommt man an nur vier Standorten auf knapp 50.000. Schätzungen lagen bis dato bei bundesweit 160.000 bei Airbnb gehandelten Einheiten. Die realen Zahlen dürften deutlich darüber liegen.

Darauf deutet auch eine neue Datenerhebung durch den Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) hin. Von den aktuell rund 13.000 Airbnb-Inserenten haben 85 Prozent nicht die verpflichtende Registriernummer bzw. Genehmigung für die Vermietung an Touristen. Wer in der Spreemetropole gegen das seit einem Jahr voll in Kraft befindliche Zweckentfremdungsverbot verstößt, muss mit saftigen Strafen von bis zu 500.000 Euro rechnen. Offensichtlich ist das Risiko, erwischt zu werden, ziemlich überschaubar. Außerdem gerät der zentrale Empirica-Befund damit vollends zur Lachnummer. Augenscheinlich lassen sich allein in Berlin Tausende Wohnungen auch dann lukrativ betreiben, wenn sie weniger als 137 Tage pro Jahr belegt sind. Andernfalls müssten die Vermieter ja nicht Versteck mit den Behörden spielen.

Für »reichlich daneben« hält die Studie denn auch Ulrich Ropertz, Geschäftsführer beim Deutschen Mieterbund (DMB). »Ab wann eine Wohnung Gewinn abwirft und ob die Vermietung legal oder illegal erfolgt, das alles interessiert mich überhaupt nicht. Mich interessiert, dass die über Airbnb in nur vier Städten vermittelten Komplettwohnungen der Jahresproduktion aller in in einem Jahr erbauten Sozialwohnungen in ganz Deutschland entspricht«. Entscheidend sei, »dass dem Markt durch dieses Geschäftsgebaren Tausende Wohnungen nicht mehr zur Verfügung stehen«. Das betreffe »natürlich« auch die Objekte, die beispielsweise nur an 90 Tagen vermietet würden, »alles andere ist Augenwischerei«, bemerkte Ropertz.

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