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Aus: Ausgabe vom 08.08.2019, Seite 7 / Ausland
Afghanistan

Fortschritte und Bomben

Während Vertreter der USA und der Taliban verhandeln, geht in Afghanistan der Krieg weiter
Von Knut Mellenthin
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Am Mittwoch forderte ein Anschlag in Kabul mindestens 14 Menschenleben

Die Verhandlungen zwischen den USA und den afghanischen Taliban kommen gut voran. Das bekundeten Sprecher beider Seiten, nachdem am Sonnabend in Doha, der Hauptstadt Katars, die achte Gesprächsrunde begonnen hat. Sie soll, so ist wenigstens die gemeinsame Planung, bis zum 1. September – nach anderen Aussagen sogar schon bis zum 13. August – mit einem Abkommen abgeschlossen werden. Danach könnten Gespräche zwischen den Aufständischen und verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen des Landes, einschließlich Regierungsvertretern, beginnen. Direkte Verhandlungen mit der Regierung in Kabul lehnen die Taliban ab, da diese nicht legitimiert, sondern nur eine Marionette der USA sei.

Indessen zeigt die Explosion einer Autobombe in Kabul am Mittwoch, wie sehr ein Ende des seit 30 Jahren andauernden Krieges immer noch entfernt ist. Nach ersten Berichten wurden mindestens 95 Menschen, überwiegend Unbeteiligte, verletzt. Der Anschlag, der nach ihren eigenen Angaben von den Taliban durchgeführt wurde, richtete sich gegen eine Polizeistation.

Schon am Dienstag hatten die Aufständischen angekündigt, dass sie die Präsidentenwahl stören wollen, die nach zweimaliger Verschiebung am 28. September stattfinden soll. Die Taliban haben die Bevölkerung aufgerufen, sich von Wahlkampfveranstaltungen fernzuhalten, um sich nicht in Gefahr zu bringen. Am 28. Juli wurden bei einem Anschlag auf das Büro des früheren Geheimdienstchefs und Innenministers Amrullah Saleh mindestens 20 Menschen getötet und mehr als 50 verletzt. Er kandidiert als Partner von Staatschef Aschraf Ghani für das Amt des Vizepräsidenten. Wer für den Angriff verantwortlich war, blieb unklar. Außer den Taliban agieren in Afghanistan auch Gruppen, die sich dem »Islamischen Staat« zurechnen.

Die Taliban nehmen an den gegenwärtigen Verhandlungen in Doha mit einem 19köpfigen Team teil. Die US-Delegation wird von Zalmay Khalilzad geleitet, der selbst afghanischer Herkunft ist und seit September vorigen Jahres den Titel »Special Representative for Afghanistan Reconcialition« (Sonderbeauftragter für Versöhnung in Afghanistan) beim Außenministerium in Washington trägt.

Mit den Gesprächen in Doha hat sich die US-Administration praktisch der Weigerung der Taliban angepasst, direkt mit der Regierung in Kabul zu verhandeln. In der Hauptsache geht es um einen Zeitplan für den Abzug der ausländischen Truppen, die insgesamt rund 20.000 Mann stark sind und mehrheitlich aus US-Soldaten bestehen. Die Gegenleistung der Aufständischen soll eine Garantieerklärung sein, dass von afghanischem Boden keine Terroraktionen gegen andere Länder ausgehen. In irgendeiner Form sollen sie sich vermutlich auch dazu verpflichten, in die Friedensverhandlungen, die nach dem Abschluss des angestrebten Abkommens beginnen sollen, Vertreter der Kabuler Regierung einzubeziehen.

Dass auf dem Weg dorthin immer noch Schwierigkeiten zu überwinden sind, lässt sich aufgrund der kurzen, nicht ganz verständlichen Bemerkungen vermuten, die Khalilzad am Freitag voriger Woche bei Twitter postete: »Wir streben ein Friedensabkommen, nicht ein Rückzugsabkommen an. Ein Friedensabkommen, das einen Rückzug möglich macht. Unsere Anwesenheit in Afghanistan beruht auf Voraussetzungen, und jeder Rückzug wird ebenfalls von Voraussetzungen abhängen.« Das klingt noch nicht nach einem verbindlichen Zeitplan für den Truppenabzug, wie ihn die Taliban von Anfang an gefordert haben, den aber Präsident Donald Trump mehrfach abgelehnt hat.

Vielleicht wird man sich in Doha auf Kompromissschritte einigen. Die Washington Post berichtete am vorigen Donnerstag, dass ein vorläufiges Abkommen die Reduzierung der US-Truppen von derzeit rund 14.000 auf 8.000 bis 9.000 Mann vorsehen könnte. Im Gegenzug werde von den Taliban erwartet, einen Waffenstillstand zu schließen, sich von Al-Qaida zu distanzieren und Gesprächen mit der Kabuler Regierung zuzustimmen. Diese Darstellung der Tageszeitung stützte sich aber nur auf anonyme Quellen.

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