Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 08.08.2019, Seite 6 / Ausland
Dokumentiert

Gescheiterte Globalisierung

Aus chinesischer Sicht: Der »weiße Nationalismus« gedeiht auf der gescheiterten Anpassung der westlichen Länder
Von Yu Jincui
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Protest gegen Hass und Rassismus am Montag vor der US-Botschaft in Mexiko-Stadt

In immer mehr westlichen Ländern entwickeln sich die rassistischen Greueltaten weißer Extremisten zur wohl größten terroristischen Bedrohung. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass die terroristische Gewalt weißer Nationalisten zu einer globalen Gefahr geworden ist.

The Guardian berichtete am Sonntag nach einer tödlichen Schusswaffenattacke auf einen Walmart-Supermarkt in El Paso, Texas, dass in den vergangenen acht Jahren weltweit mehr als 175 Menschen bei mindestens 16 größeren Angriffen weißer Rassisten getötet wurden. Ziele dieser Angriffe waren muslimische Gläubige, People of Color sowie linke Politiker und Aktivisten in den USA, Großbritannien und anderen westlichen Ländern. Das Motiv vieler weißer Täter oder Verdächtiger war ein gesteigerter Hass auf Einwanderer und Geflüchtete.

Warum breitet sich der weiße Nationalismus weiter aus? Was steckt hinter der zunehmenden Feindseligkeit und Gewalt gegen diejenigen, die wegen ihrer Religion, Hautfarbe oder nationalen Herkunft als »Außenseiter« angesehen werden?

Tatsächlich hat der weiße Nationalismus in den westlichen Ländern eine lange Geschichte. In den letzten Jahren wurden vor allem Einwanderer, People of Color und Geflüchtete für die Probleme des modernen Lebens verantwortlich gemacht, einschließlich wachsender wirtschaftlicher Instabilität, zunehmender Ungleichheit und dem Niedergang ganzer Industrien. Folge war eine wachsende Feindseligkeit und Intoleranz in zunehmend multikulturellen Gesellschaften wie den USA.

Durch neue aufstrebende Schwellenländer hat sich die internationale Wirtschaftslandschaft im Zeitalter der Globalisierung tiefgreifend verändert. Der Lebensstandard weißer Unterklassen ist in den letzten Jahren gesunken, was auf einen unangemessenen politischen Umgang mit den wirtschaftlichen Herausforderungen zurückzuführen ist. Doch einige Westler machen es sich leicht und geben der Globalisierung und den Migrationsströmen die Schuld dafür. Der Hauptgrund für das Wiederaufleben des weißen Nationalismus ist jedoch, dass sich der Westen nicht an die sich verändernde globale Lage angepasst und den durch diese Veränderungen verursachten innenpolitischen Problemen gestellt hat.

Internet und »soziale Medien« spielen eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von Hass und fremdenfeindlichen Ansichten durch weiße Nationalisten. Die »sozialen Medien« stehen in der Kritik, weil sie den Hassreden eine Bühne bieten und als Rekrutierungsinstrument für weiße Rassistengruppen dienen. Es fehlt jedoch an effektiven Möglichkeiten, diese Entwicklung einzudämmen.

Die Geißel des weißen Nationalismus und des ihn weiter vorantreibenden Terrorismus ist offensichtlich geworden. Besorgniserregend ist, dass es keine Anzeichen dafür gibt, dass diese Tendenz abnimmt. Für verschiedene Ethnien, Religionen und Kulturen ist es schwierig, ein harmonisches Zusammenleben zu erreichen. Das Gespenst des weißen Nationalismus macht es den westlichen Ländern jedoch noch schwerer, eine Einheit der Ethnien und ein friedliches Zusammenleben von Religionen und Kulturen zu verwirklichen. Doch obwohl sie ihren eigenen Problemen nicht genügend Aufmerksamkeit zollen, zeigen westliche Länder gerade in ethnischen und religiösen Fragen mit dem Finger gern auf nichtwestliche Länder.

Sind westliche Länder überhaupt in der Lage, eine Lösung zu finden, die verhindert, dass das Gespenst des weißen Nationalismus ihre Gesellschaften weiter spaltet? An der Antwort auf diese Frage wird sich entscheiden, ob der Westen seinen Niedergang aufhalten kann. Die soziale Spaltung seiner Gesellschaften wird diesen Niedergang beschleunigen. Bislang scheint es jedoch, als fänden die westlichen Länder keinen Weg zur Lösung ihrer Probleme. Sie sind weder in der Lage, wie früher durch einen aggressiven Expansionismus zu alter Größe zu gelangen, noch können sie die durch die Globalisierung verursachten Migrationsströme stoppen. Die Spaltung westlicher Gesellschaften wird in Zukunft immer mehr zunehmen.

Übersetzung; Jürgen Heiser

Dieser Beitrag erschien ursprünglich am Montag, 5. August 2019, unter dem Titel »White nationalism feeds off failed globalization adaptation« in der englischsprachigen chinesischen Tageszeitung Global Times. Das Original findet sich unter www.globaltimes.cn/content/1160424.shtml

Debatte

  • Beitrag von josef witte aus Hefei, VR China ( 8. August 2019 um 12:04 Uhr)
    Es ist höchste Zeit, dass die linken und vor allem marxistischen Kräfte im Westen den Dialog mit der Kommunistischen Partei Chinas suchen, und insofern finde ich es gut, dass Artikel aus der Global Times übersetzt und in der jW veröffentlicht werden. Besser wäre es natürlich, man könnte sie aus dem Chinesischen ins Deutsche übersetzten und nicht aus dem Englischen, aber ich weiß aus eigener Erfahrung, wie äußerst schwer es ist, Chinesisch auch nur rudimentär zu verstehen und zu sprechen – ich habe es verzweifelt aufgegeben.

    Wenn die Aussagen auch recht allgemein gehalten sind, so wird doch deutlich, dass der Autor davon ausgeht, dass sich die Klassenwidersprüche im Westen derart vertiefen werden, dass unserer Gesellschaft nur die Wahl bleibt zwischen Eroberung der politischen Macht durch die linken, humanen, sozialistischen Kräfte oder dem Verfall der Gesellschaften in Barbarei: Die Indizien vom weißen Terror in den USA bis zur brutalen ebenfalls weißen Abwehr von Migranten an den Grenzen der EU sprechen eine deutliche Sprache. Welche politischen Aufgaben sich für die Linke daraus ergeben, müssen die Linken in Europa schon selbst herausfinden: Eine Einheitsfront der Bevölkerung für Wohlstand, Frieden, Gerechtigkeit, mit der sich fast die gesamte Gesellschaft identifizieren kann, scheint mir die notwendige Konsequenz. Mein Eindruck: Vielen Linken geht es mehr darum, Recht zu haben oder einen blütenreinen Standpunkt zu vertreten, als darum, »dreckig« um die politische Macht zu kämpfen. Die Erfahrungen der Kommunistischen Partei Chinas im Aufbau und der Entwicklung der chinesischen Gesellschaft können sehr lehrreich sein – keine Blaupause für eigenes Handeln. Aber auch einige Linke fühlen sich diesen konkreten Erfahrungen dieser Partei haushoch überlegen und verweisen auf alle möglichen Widersprüche Chinas. Das geht so nach dem Motto, wir kriegen zwar hierzulande nichts gebacken, aber wenn wir China leiten und lenken würden, wäre alles viel besser. Auch darin sehe ich einen Ausdruck von weißem Nationalismus.

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