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Aus: Ausgabe vom 08.08.2019, Seite 5 / Inland
»Leistungsgesellschaft«

Bildungselite geht eigene Wege

Großer Zulauf bei Privatschulen. Gewerkschaft warnt vor sozialer Spaltung
Von Steffen Stierle
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Jeder elfte Schüler besucht eine private Bildungseinrichtung

Privat vor Staat – die beliebte Parole marktradikaler Politiker und Lobbyisten machen sich in Deutschland immer mehr Eltern zu eigen, wenn es um die Schulwahl geht. So haben Privatschulen laut einer am Mittwoch veröffentlichten Umfrage der Nachrichtenagentur dpa in fast allen Bundesländern großen Zulauf. Jeder elfte Schüler besucht demnach eine nichtöffentliche Bildungseinrichtung.

Besonders hoch ist der Anteil der Privatschüler in Bayern, wo im Schuljahr 2018/19 rund 146.000 Kinder und Jugendliche – 11,7 Prozent – eine der 625 Privatschulen besuchten. Der bayerische Lehrerverband argumentiert, viele wollten ihre Kinder vor den dort besonders leistungsorientierten öffentlichen Schulen bewahren. Zahlen aus Nordrhein-Westfalen zeigen derweil, dass der Privatschüleranteil bei Gymnasien mit 16,8 Prozent besonders hoch ist. Insgesamt besuchen in NRW 8,6 Prozent der Schüler eine private Lehranstalt.

Schon der Privatisierungsreport der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) vom Februar 2015 hatte den Trend offengelegt. Demnach ist die Zahl privater Bildungseinrichtungen von 1998/1999 bis 2012/2013 um 58 Prozent gestiegen. Diese Entwicklung hat sich seither fortgesetzt. Bei vielen der privaten Einrichtungen handelt es sich um sogenannte Ergänzungsschulen, etwa wenn das öffentliche Angebot aufgrund sinkender Schülerzahlen abgebaut wird, aber Eltern »die Schule im Dorf lassen« wollen und deshalb selbst die Initiative ergreifen. Davon zu unterscheiden sind, wie GEW-Vorstandsmitglied Ilka Hoffmann gegenüber jW erläuterte, Ersatzschulen. Das sind solche, die Alternativen zu bestehenden öffentlichen Angeboten entwickeln, was tendenziell soziale Spaltungen verursacht.

Der Wunsch der Bildungselite zu verhindern, dass ihre Kinder gemeinsam mit Schwächeren lernen und so vermeintlich ausgebremst werden, ist laut Hoffmann eine von drei Ursachen für die immer weiter steigende Zahl von Privatschülern. Der Umgang mit Schülern aus einkommensschwachen Familien, mit Migrationshintergrund oder Behinderung sei für einen Teil der Gesellschaft ein Problem. Erst Anfang der Woche hatte CDU-Fraktionsvize Carsten Linnemann das Streben nach Abgrenzung mit der Bemerkung befeuert, dass Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen an Grundschulen »noch nichts zu suchen« hätten.

Hinzu kommen, so Hoffmann im Gespräch mit jW, zwei weitere Tendenzen. Zum einen werde das öffentliche Schulwesen schlechtgeredet, etwa durch permanente negative Berichterstattung, die vor allem Gewaltprobleme in den Vordergrund stellt. Dabei handele es sich bei der Mehrzahl der Schulpreisträger weiterhin um öffentliche Schulen, und die von Schülern dort erbrachten Leistungen seien nicht schlechter als an privaten Einrichtungen. Zum anderen habe das staatliche Schulwesen ein reales Problem: Es ist unterfinanziert. »Der politische Schwerpunkt müsste auf steigenden Bildungsausgaben, nicht auf steigenden Rüstungsausgaben liegen«, sagte die Gewerkschafterin.

Bei den öffentlichen Bildungsausgaben liegt Deutschland mit 3,6 Prozent der Wirtschaftsleistung laut OECD-Statistik auf Platz 32 von 43 untersuchten Ländern. An der Spitze steht Costa Rica mit 6,3 Prozent, gefolgt von vier skandinavischen Ländern. Doch selbst das unterfinanzierte öffentliche Bildungssystem hierzulande gilt im internationalen Vergleich als elitär, etwa aufgrund der frühen Trennung der Schüler im Alter von zehn Jahren und der Dreiteilung in Hauptschule, Realschule und Gymnasium.

Die GEW fordert deshalb höhere Investitionen und ein Gesamtkonzept, um allen Schülern ein gutes pädagogisches Angebot zu machen. Hoffmann regte zudem einen Solidaritätszuschlag für Bildung an, durch den wohlhabendere Haushalte stärker zur Finanzierung des öffentlichen Systems herangezogen werden.

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  • Martina Keleser: Unzureichende Inklusion Leider wird in dem Artikel nicht berücksichtigt, dass für etliche Schülerinnen und Schüler die Kosten für den Besuch der Privatschulen von öffentlichen Trägern (Jugendämtern, Sozialämtern) in Form von...

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