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Aus: Ausgabe vom 08.08.2019, Seite 5 / Inland
Deutsche Bahn

Chaos auf der Schiene

Verspätungen und Zugausfälle: Entschädigungzahlungen in wenigen Jahren verdoppelt
Von Katrin Küfer
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Gestrandete Passagiere am Kölner Hauptbahnhof (10.12.2018)

Entschädigungszahlungen wegen Verspätungen und Zugausfällen werden für die bundeseigene Deutsche Bahn (DB) zunehmend zur Belastung. Dies ist das Fazit einer Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der FDP-Fraktion.

Demnach haben sich die Zahlungen an betroffene Fahrgäste in wenigen Jahren mehr als verdoppelt. Waren es 2014 noch 27 Millionen Euro, belief sich die Summe 2018 auf 54,5 Millionen. Die Entschädigungsansprüche resultieren in erster Linie aus dem DB-Fernverkehr mit Zügen der Gattung ICE, IC und EC und nur zu einem geringeren Teil aus dem Regional- und Nahverkehr, für den seit Ende der 1990er Jahre Verkehrsverbünde und regionale Aufgabenträger der Landesregierungen verantwortlich sind.

Bei der Inanspruchnahme von Fahrgastrechten gilt eine europaweite Regelung. Demnach können sich Betroffene bei einer Verspätung von mindestens 60 Minuten 25 Prozent des Fahrpreises zurückerstatten lassen. Ab zwei Stunden Verspätung erhöht sich der Anspruch auf 50 Prozent. Zuletzt haben die Verspätungen deutlich zugenommen. Als pünktlich gilt bei der DB ein Zug, dessen Verspätung weniger als sechs Minuten beträgt. In diesem Sinne waren 2018 nur 74,9 Prozent der Fernzüge pünktlich. 2017 lag die Quote bei 78,5 Prozent und 2016 bei 78,9 Prozent. Nach Angaben der Bundesregierung fielen im vergangenen Jahr 3.500 Züge komplett und ersatzlos aus. Dies entspreche einem leichten Zuwachs gegenüber dem Vorjahr.

Für Verspätungen und Zugausfälle gibt es eine Fülle von Ursachen, die nicht alle vom DB-Management zu verantworten sind. So können Vandalismus und mutwillige Eingriffe in den Bahnverkehr (etwa durch Steinwürfe) und liegengebliebene Züge der DB und privater Bahngesellschaften Strecken blockieren. Zunehmend auftretende Unwetter führen zu Schäden an Oberleitungen und nicht nur im Alpenraum zu Erdrutschen, die Bahngleise blockieren können. Durchsagen wie »Personen im Gleis« können sich auf spielende Kinder ebenso beziehen wie auf Selbstmörder. In beiden Fällen muss der entsprechende Streckenabschnitt befristet gesperrt bleiben.

Doch viele Probleme sind kein unabwendbares Schicksal, sondern »hausgemacht«. Die DB sollte nach dem Willen fast aller Bundestagsparteien vor über einem Jahrzehnt »kapitalmarktfähig« werden und an die Börse gehen. Um eine »positive Börsenstory« zu schreiben und das Unternehmen für renditehungrige Anleger attraktiv zu machen, wurden notwendige Ausgaben für die Erhaltung und Wartung der Infrastruktur und Fahrzeuge gekürzt und die Belegschaft abgebaut. Die Folgen schlagen sich bis zum heutigen Tage nieder, etwa wenn Baustellen Verzögerungen auslösen, Stellwerke zeitweilig ausfallen oder ein älterer Zug liegen bleibt. Immer wieder erscheint ein gestresster Lokführer zu spät auf dem Führerstand, weil der zuvor von ihm gesteuerte Zug eine enorme Verspätung hatte und die Personaldecke so dünn ist, dass anders als in früheren Jahrzehnten kein Ersatzpersonal vorhanden ist, das einspringen könnte.

Alltägliche Verspätungen und Störungen sind aber auch eine Folge der zunehmenden Fragmentierung des Eisenbahnwesens. Wo früher die Staatsbahnen Bundesbahn (BRD) und Reichsbahn (DDR) einheitlich straff organisiert waren und verkehrten, sind vor allem im Regionalverkehr und Güterverkehr nun auch mehrere hundert profitorientierte Privatbahnen im Einsatz. Dies hemmt den reibungslosen Ablauf. Wo Privatbahnen im Ausschreibungswettbewerb der Länder die DB-Tochter DB Regio verdrängen, erweisen sie sich häufig als unfähig, einen planmäßigen und weitgehend störungsfreien Verkehr zu gewährleisten. Jüngstes Beispiel ist der holprige Start der britischen Go-Ahead, deren süddeutscher Ableger mit Rückendeckung durch die grün-schwarze Landesregierung seit Frühsommer im Großraum Stuttgart den Betrieb von Regionalzügen übernommen hat. Go-Ahead ist damit offensichtlich völlig überfordert und produziert mit Zugausfällen, Verspätungen, Computerausfällen und Servicemängeln negative Schlagzeilen in den Regionalblättern. »Go-Back« oder »Go-Home« stöhnen betroffene Pendler und Kunden.