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Aus: Ausgabe vom 08.08.2019, Seite 2 / Ausland
Pakt der Besatzer

Korridor in Syrien

USA und Türkei einigen sich auf gemeinsame Kontrolle des Grenzgebiets
Von Nick Brauns
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Türkische Soldaten auf einem Wachturm am syrisch-türkischen Grenzübergang Atmeh

Türkische und US-amerikanische Militärs und Regierungsvertreter haben sich auf die Schaffung eines gemeinsamen Operationszentrums in der Türkei zur Einrichtung der von Ankara geforderten »Sicherheitszone« in Nordsyrien geeinigt. Das erklärte die US-Botschaft zum Abschluss der dreitägigen Gespräche im Verteidigungsministerium in Ankara am Mittwoch. Das nicht näher definierte Gebiet solle ein »Friedenskorridor« werden. Zudem werde man alle Anstrengungen unternehmen, damit die in der Türkei lebenden syrischen Flüchtlinge in ihr Land zurückkehren können.

Die Türkei hatte ursprünglich eine bis zu 30 Kilometer tiefe und 460 Kilometer lange »Sicherheitszone« unter Kontrolle ihres Militärs gefordert, aus der die kurdischen Volksverteidigungskräfte YPG abgezogen werden müssten. Die politische Führung der auch als Rojava bekannten Selbstverwaltungsregion in Nordsyrien hatte, vermittelt über die US-Militärs, lediglich die Bereitschaft zur Räumung eines fünf Kilometer breiten Streifens unter internationaler Kontrolle und ohne die Präsenz türkischer Truppen angeboten. Das Oberkommando der um die YPG gebildeten »Syrischen Demokratischen Kräfte« hatte zudem angekündigt, im Falle eines türkischen Angriffs die gesamte 600 Kilometer lange Grenze zur Türkei zum Kriegsgebiet zu machen.

Angesichts der drohenden Destabilisierung der Region hatte US-Verteidigungsminister Mark Esper am Dienstag deutlich gemacht, dass seine Regierung einen »einseitigen Einmarsch« der Türkei in Syrien für inakzeptabel halte und einen Alleingang verhindern werde. Die jetzige Einigung in Ankara zielt darauf ab, die in den nächsten Tagen erwartete Invasion Ankaras in Nordsyrien noch abzuwenden. Gleichzeitig handelt es sich nur um vage Absichtserklärungen ohne Zeitplan. Damit kann die türkische Seite ihr Gesicht wahren, ohne dass die nordsyrische Selbstverwaltung brüskiert wird.

Ermutigt durch die türkischen Einmarschdrohungen sind in den letzten Tagen Schläferzellen der Dschihadistenmiliz »Islamischer Staat« im Selbstverwaltungsgebiet verstärkt in Aktion getreten. In der syrischen Stadt Tirbespi wurden am Mittwoch bei einem Autobombenanschlag vor einem Postamt drei Kinder getötet.

Debatte

  • Beitrag von josef w. aus H. ( 8. August 2019 um 15:55 Uhr)
    Ich verstehe diese Nachricht so, dass die Türkei und die USA sich darauf verständigt haben, einen Teil Syriens dauerhaft zu besetzen. Dass sie dieses besetzte Gebiet »Friedenskorridor« nennen, darauf sei geschissen.

    Die Rolle der YPG und der Selbstverwaltungszone ist mir dabei nicht ganz klar: Selbstverwaltung, d. h. Autonomie und Selbständigkeit unter amerikanischer Besatzung, ist ein Widerspruch in sich, bzw. es stellt sich die Frage, was der Preis für die von den Amerikanern gewährte Autonomie ist. Unterstützung der USA im Krieg gegen Syrien?

    Der Satz: »Angesichts der drohenden Destabilisierung der Region hatte US-Verteidigungsminister Mark Esper am Dienstag deutlich gemacht, dass seine Regierung einen ›einseitigen Einmarsch‹ der Türkei in Syrien für inakzeptabel halte und einen Alleingang verhindern werde«, macht mich erst recht konfus.

    Wie kann aus amerikanischer Sicht eine »Stabilisierung« der Region anders aussehen als dauerhafte Besatzung oder Installierung eines Marionettenregimes auf syrischem Boden? Kann mir jemand weiterhelfen? Der Autor, so scheint mir, drückt sich um klare Worte.

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