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Aus: Ausgabe vom 08.08.2019, Seite 2 / Inland
Solidarität mit kurdischer Bewegung

»Das war Zensur durch die Hintertür«

Nach Verbot des Mezopotamien-Verlags bringt Solidaritätsprojekt wieder Werke der kurdischen Bewegung heraus. Ein Gespräch mit Esther Winkelmann
Interview: Gitta Düperthal
https://anfdeutsch.com/pressefreiheit/mezopotamien-verlag-medien
Solidaritätserklärung für den Mezopotamien-Verlag vor der diesjährigen Leipziger Buchmesse

Nachdem Bundesinnenminister Horst Seehofer, CSU, das Verbot des kurdischen Mezopotamien-Verlags im Februar 2019 durchsetzte (siehe jW vom 13.2.), wurde das Solidaritätsprojekt »Edition Mezopotamya« ins Leben gerufen. Wie kam es dazu?

Bereits im März 2018 hatte es eine dreitägige Hausdurchsuchung im Mezopotamien-Verlag im nordrhein-westfälischen Neuss gegeben sowie im benachbarten MIR-Musikvertrieb. Tonnenweise Bücher und Material wurden beschlagnahmt und auf Lkw abtransportiert. Als Seehofer Anfang 2019 ein Verbot des Buchverlags und des Musikvertriebs erließ – mit dem Vorwurf, sie wären Teilorganisationen der PKK –, wurde erneut beschlagnahmt, was wieder oder noch vorhanden war. Das war Zensur durch die Hintertür.

Die interessierte Leserschaft kommt nun nicht mehr an die Bücher, obgleich sie nicht verboten sind. Daher wollen wir zumindest die wichtigsten Titel aus dem deutschsprachigen Programm des Mezopotamien-Verlags wieder verfügbar machen. Beteiligt sind die Verlage Unrast aus der BRD, Mandelbaum aus Österreich und Edition 8 aus der Schweiz. Wir werden unterstützt vom Antiquariat Walter Markov und der »International Initiative Edition«.

Welche der Bücher halten Sie für wichtig?

Erwähnenswert sind die Werke von Abdullah Öcalan, etwa der Titel »Jenseits von Staat, Macht und Gewalt«, dazu die Autobiographie in drei Bänden von Sakine Cansiz – sie ist eine der drei Frauen der kurdischen Freiheitsbewegung, die am 9. Januar 2013 in Paris ermordet worden sind – sowie ein Band der Frauenbewegung »Widerstand und gelebte Utopien. Frauenguerilla, Frauenbefreiung und demokratischer Konföderalismus in Kurdistan« von den Vereinen »Ceni-Kurdisches Frauenbüro für Frieden« und der »Informationsstelle Kurdistan«, IKSU.

Welche Philosophie steht hinter diesen Werken?

Sie behandeln die Themen Frauenbefreiung, Ökologie und Demokratie. Bei letzterem geht es nicht nur um ein Schlagwort, sondern darum, basisdemokratische Strukturen aufzubauen, so wie es seit Jahren in Nord- und Ostsyrien geschieht. So baut etwa die Gesellschaft in Rojava kommunale Räte auf, die alle für den Alltag relevanten Dinge gemeinsam diskutieren und organisieren. Was seit Jahren theoretisch fundiert erarbeitet wurde, wird in die Praxis umgesetzt.

Was hat Seehofer dazu bewogen, die Bücher beschlagnahmen zu lassen?

Vermutlich ging es darum, die kurdische Freiheitsbewegung als eine starke linke Bewegung zu schwächen. Schließlich kann die Bundesregierung vor dem Hintergrund einer jahrzehntelangen antikommunistischen Tradition selbige nicht gutheißen. Aus diesem Grund ist die PKK und werden ständig weitere Organisationen verboten sowie Sympathisantinnen und Sympathisanten kriminalisiert. Das ist wohl auch gemeint, wenn der vielzitierte »verlängerte Arm« der Türkei bemüht wird. Aus meiner Sicht ist der allerdings völlig überschätzt: Die Bundesregierung hängt nicht an der langen Leine des NATO-Partners, sie hegt eigene Interessen.

Wie kamen Sie auf die Idee, das Gemeinschaftsprojekt jetzt anzugehen?

Schon vergangenes Jahr nach der großangelegten Beschlagnahme kam es bei der Leipziger Buchmesse dazu, dass sich die Verlage untereinander austauschten. Was damals noch eine vage Idee war, wurde nach Seehofers Verbot 2019 bei der Leipziger Messe konkret: In Solidarität zum Mezopotamien-Verlag und dem MIR-Musikvertrieb begannen wir zunächst damit, Unterschriften gegen die Repression zu sammeln.

Wie kann man das Projekt unterstützen?

Wir sammeln Spenden, um Neuerscheinungen zu finanzieren. Die Herstellungskosten sind für die kleinen Verlage nicht zu stemmen, zumal sie das Projekt zusätzlich zu ihrer normalen Produktion umsetzen. Werden die Bücher verkauft, wird das Geld peu à peu zurückfließen in einen Prozesskostenfonds der »Mezopotamien Verlag und Vertrieb GmbH« und der »MIR Multimedia GmbH«. Die klagen derzeit vor dem Bundesverwaltungsgericht. Wir müssen verhindern, dass mit dem Verbot wichtige Stimmen der kurdischen Kultur in Deutschland mundtot gemacht werden.

Esther Winkelmann ist Mitorganisatorin des Gemeinschaftsprojektes »Edition Mezopotamya«

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