Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 07.08.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Reichstagsbrand

Geschichtspolitik für Fortgeschrittene

Neues Dokument zum Reichstagsbrand: Rückzugsgefecht der Vertreter der Alleintäterthese hat längst begonnen
Von Leo Schwarz
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Leicht entzündlich: Loge des Reichspräsidenten (ehemalige Hofloge) im Plenarsaal des Reichstages nach dem Brand

Vor knapp zwei Wochen meldete zuerst die Hannoversche Allgemeine Zeitung, dass im Amtsgericht Hannover das Original einer eidesstattlichen Versicherung aufgefunden wurde, mit der sich ein ehemaliger Angehöriger der SA, Hans-Martin Lennings, im November 1955 vor einem Notar selbst bezichtigte, am Abend des 27. Februar 1933 den Niederländer Marinus van der Lubbe in den bereits brennenden Reichstag gefahren und dort einem ihm unbekannten Zivilisten übergeben zu haben (jW berichtete). Die in der Zeitgeschichtsschreibung der Bundesrepublik weithin durchgesetzte und von ihren Vertretern seit Jahrzehnten hartnäckig verteidigte Alleintäterthese, nach der van der Lubbe das Reichstagsgebäude allein und ohne fremde Hilfe in Brand gesteckt haben soll, gerät damit ernstlich in Schwierigkeiten.

Die Authentizität des Dokuments ist in keiner Weise zweifelhaft. Es spricht viel dafür, dass es sich bei Lennings um jenen bislang unbekannten SA-Mann handelt, der, was in der Forschung ja bereits bekannt war, in den 1950er Jahren den Berliner Rechtsanwalt Arthur Brandt aufgesucht hatte, der im Auftrag des Bruders von Marinus van der Lubbe ein Wiederaufnahmeverfahren mit dem Ziel von dessen Rehabilitierung betrieb (völlig sicher ist das allerdings nicht, da Lennings 1955 durchblicken ließ, dass seine beiden Mittäter auch noch am Leben waren). Mit diesem Dokument wird ein zentrales Argument jener Historiker, die von der Verantwortung der Nazis für den Reichstagsbrand ausgehen, gestützt: dass nämlich der offenbar über die Identität seiner »Freunde« getäuschte »Rätekommunist« van der Lubbe in den Reichstag verbracht wurde, um dort mit seinen Kohleanzündern herumzukokeln, während der große Brand im Plenarsaal von anderen Akteuren entfacht wurde.

Die Gralshüter der Alleintäterthese – in der Bundesrepublik sind das nach dem Tod von Fritz Tobias und Hans Mommsen in erster Linie der Spiegel und der Welt-Redakteur Sven Felix Kellerhoff – haben uneinheitlich reagiert. Während der Spiegel und, was nicht unerwähnt bleiben soll, in augenfälliger Solidarität auch Zeit und Taz den von der internationalen Presse aufgegriffenen Fund trotzig beschweigen, schoss Kellerhoff – ohne, wie er selber einräumte, das Dokument zu kennen – eine schnelle Erwiderung aus der Hüfte. Sie enthält den üblichen Verweis auf die angeblich über jeden Zweifel erhabenen Ermittlungsakten, die keinen Raum für den von Lennings geschilderten Vorgang ließen, wartet aber mit einem neuen und bemerkenswert bizarren Gedanken auf. Die Vertreter der in erster Linie von ehemaligen Gestapo-Leuten, Neonazis, einem niedersächsischen Verfassungsschutzbeamten und zumeist konservativen Historikern geschätzten Alleintäterthese sind, folgt man Kellerhoff, eigentlich die Speerspitze der kritischen Geschichtswissenschaft: Wer, umgekehrt, die Nazis der Brandstiftung bezichtige und damit einen »geplanten Staatsstreich« unterstelle, entlaste nämlich »die Masse der damaligen Bevölkerung von ihrer Mitverantwortung«. Genau das, so Kellerhoff, »dürfte der Grund für Lennings eidesstattliche Versicherung gewesen sein« – bei dem ehemaligen SA-Mann muss es sich um einen Meister hochkomplexer Geschichtspolitik gehandelt haben.

Der Sender Deutschlandfunk Kultur bot Kellerhoff eine Plattform, die dieser nutzte, um die wissenschaftlichen Gewährsleute der Hannoverschen Allgemeinen – Benjamin Carter Hett und Hersch Fischler – mit erstaunlich waghalsiger Selbstgerechtigkeit als »etwas windige selbsternannte Experten« abzukanzeln. Man kann diesen Auftritt als weiteres Beispiel für den im Wortsinne hasserfüllten Charakter der Reichstagsbrandkontroverse verbuchen, deren fester Bestandteil lange schon die persönliche Diskreditierung der Vertreter abweichender Auffassungen ist. Natürlich kam von Kellerhoff kein Wort der Kritik an Tobias, der, wie man nun weiß, das Lennings-Dokument gekannt und darüber geschwiegen hatte.

Kellerhoffs Gezeter lässt sich aber auch als handfestes Zeichen einer Panik deuten, die keineswegs nur mit dem in Hannover aufgetauchten Dokument zu tun hat: Schon 2010 kam der Historiker Marcus Giebeler in seiner Geschichte der Reichstagsbrandkontroverse, für die er die gesamte bis dahin erschienene Sekundärliteratur durchgesehen hatte, zu dem Schluss, dass die Alleintäterthese als widerlegt angesehen werden kann. Die Arbeit von Hett, die 2014 herauskam, hat das noch einmal überzeugend anhand der Primärquellen bekräftigt. Hett hatte bei der Niederschrift seines Buches noch die Erfahrung gemacht, dass jüngere deutsche Historiker ihm zwar hinter vorgehaltener Hand zustimmten, das aber nicht laut zu sagen wagten, weil sie in der »sehr kleinen Welt« der deutschen akademischen Geschichtswissenschaft »um ihre Karrieren fürchteten«. Auch Hett wurde nachdrücklich zur Ordnung gerufen: In einem Beitrag für die London Review of Books deutete der einflussreiche Zeithistoriker Richard J. Evans die Arbeit Hetts als Versuch, eine – kleiner geht es schon lange nicht mehr – »Verschwörungstheorie« zu rehabilitieren.

Neuerdings jedoch, und das dürfte gleichermaßen Kellerhoffs Unruhe und das verzagte Schweigen des Spiegel erklären, wird die Hegemonie der Alleintäterthese im geschichtswissenschaftlichen Mainstream offen angefochten. Der britische Historiker Ian Kershaw hat schon 2015 erklärt, dass er die entsprechenden Passagen in seiner Hitler-Biographie heute anders schreiben würde. Und in seiner Geschichte der SA, die 2017 in englischer und eben erst in deutscher Sprache erschienen ist, schreibt der Historiker Daniel Siemens mit Verweis auf Hett und ältere Arbeiten, etwa die von Alexander Bahar und Wilfried Kugel, dass es »überzeugende Argumente« dafür gebe, dass »höchstwahrscheinlich ein Sonderkommando von SA-Leuten, die sich gut mit dem Einsatz von Brandbeschleunigern auskannten, das Reichstagsgebäude (...) in Brand gesetzt hat«. Zwar muss weiter geforscht werden, doch lässt sich schon jetzt sicher sagen: Der Rauch verzieht sich.

Hintergrund: Verfolgung der KPD

Der Brand des Reichstages am Abend des 27. Februar 1933 wurde von der am 30. Januar 1933 gebildeten »Regierung der nationalen Konzentration« sofort als »Terrorakt des Bolschewismus« (so der amtliche preußische Pressedienst am Tag nach dem Brand) hingestellt. Bereits in den Wochen davor hatten sich polizeiliche Repression und Terror der SA – die zusammen mit der SS und dem Stahlhelm seit dem 22. Februar in Preußen und den meisten anderen Ländern als »Hilfspolizei« agierte – vor allem gegen die KPD gerichtet, deren Führung ihrerseits mit einer unmittelbar bevorstehenden Phase der Illegalität rechnete. Ein inszenierter »Zwischenfall« vor der Reichstagswahl am 5. März wurde von ihr erwartet. Zuletzt wies der Vorsitzende der KPD-Reichstagsfraktion, Ernst Torgler, am 25. Februar im Preußischen Staatsrat auf die Wahrscheinlichkeit einer solchen Provokation hin.

Der Apparat der KPD arbeitete schon im Februar überwiegend im Untergrund; auch die letzte Zusammenkunft des Zentralkomitees am 7. Februar fand unter konspirativen Bedingungen statt. Die Zentrale der Partei, das Karl-Liebknecht-Haus am Berliner Bülowplatz, war erstmals am 2. Februar durchsucht und am 23. Februar – der Bürobetrieb war längst eingestellt – von der Politischen Polizei geschlossen worden. In den Tagen danach erschienen in der bürgerlichen Presse und in den Parteizeitungen der NSDAP Artikel über angeblich dort aufgefundene »Aufstandspläne« der Kommunisten (die der Öffentlichkeit nie vorgelegt wurden).

Diese Berichte bildeten den Prolog für die propagandistische und politische Ausnutzung des Reichstagsbrandes. Einige Stunden vor der Brandstiftung wies der Leiter der Politischen Polizei des Polizeipräsidiums Berlin, Rudolf Diels, alle preußischen Polizeidienststellen auf angeblich beabsichtigte »Überfälle« der Kommunisten hin: »Geeignete Gegenmaßnahmen sind sofort zu treffen, kommunistische Funktionäre erforderlichenfalls in Schutzhaft zu nehmen«.

In der Brandnacht und am Tag danach wurden im gesamten Reichsgebiet anhand vorbereiteter Listen mindestens 11.500 Menschen – weit überwiegend Mitglieder und Funktionäre der KPD, zum Teil auch der SPD, dazu einige bürgerliche Antifaschisten – verhaftet. Diese schlagartige Aktion sollte die KPD noch vor der Reichstagswahl handlungsunfähig machen. Die letzten noch arbeitenden Parteibüros und Redaktionen wurden nun polizeilich geschlossen, die Druckschriften der Partei beschlagnahmt.

Vorgeblich zur »Abwehr kommunistischer staatsgefährdender Gewaltakte« erließ der Reichspräsident am 28. Februar eine bereits vorbereitete Notverordnung, mit der die Grundrechtsgarantien der Reichsverfassung »bis auf weiteres außer Kraft gesetzt« wurden. (lsch)

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Dirk Schwarz: Steinerne Lügen Im Kommentarbereich zum betreffenden Welt-Artikel des Herrn Kellerhoff sieht ein Kommentator Parallelen zu den Anschlägen des 11. September 2001 und fragt sich bzw. den Autor, was dazu möglicherweise ...
  • Rainer Döhrer, Barchfeld/Werra: Beschämendes Schweigen Auch in der nächstfolgenden Printausgabe des Spiegels wurde über den bedeutenden Archivfund zum Reichstagsbrand geschwiegen. Fast 60 Jahre sind vergangen, seit eine Jahrhundertlüge der Nazis durch die...

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