Der Schwarze Kanal
Gegründet 1947 Montag, 19. August 2019, Nr. 191
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Aus: Ausgabe vom 10.08.2019, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Adolf Hitlers Lieblingsblume

Teil zwei und Schluss
Von Ludwig Lugmeier
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Frau Radodek hatte bereits die Wohnung verlassen. Mit bleichem Gesicht stand sie auf dem Absatz der ersten Etage, im Arm eine Mumie, deren Kopf aus dickem Wundverband ragte: Frantisek, schwer verletzt durch Frau Niederbachs Gabel. In der zweiten Etage, vor der Tür der von der Firma Hades angemieteten Wohnung, kniete Fridolin und puhlte aus dem Schlüsselloch Papierfitzelchen. Offensichtlich hatte man es verstopft, damit niemand hineinsehen konnte. Kurz entschlossen klingelte ich, pochte, als nicht geöffnet wurde, gegen die Tür und drückte die Klinke. Abgeschlossen, wie zu erwarten. Woraufhin Herr Hörlimann, Fridolin sowie meine Person, später wagte sich noch Frau Radodek die ungesicherte Treppe herauf, das weitere Vorgehen berieten.

Herr Hörlimann schlug vor, die Polizei um Hilfe zu rufen. Er war der Ansicht, dass sie einschreiten müsse, weil die laute Musik den Straftatbestand der Ruhestörung erfülle. Frau Radodek stammelte bloß: »Ich hab’ es geahnt«. Fridolin wollte mit Herrn Hörlimanns Schussapparat die Türe zerballern, wie er sich auszudrücken beliebte. Ich dagegen empfahl, Frau Niederbach um einen passenden Schlüssel zu bitten. Doch nahm unterdessen die Musik an Lautstärke ab, um schließlich ganz zu verstummen. Also kein Grund mehr, das Vorgehen weiterhin zu verfolgen. Zumindest kein Grund für Herrn Hörlimann, der meinte, es sei ja hellichter Tag, und so laut habe die Musik denn doch nicht gespielt, woraufhin er stillschweigend nach unten verschwand. Frau Radodek kommentierte dessen Rückzug mit: »So sind sie, die Männer«, um sich dann selbst zu verdrücken. Vor Ort blieben ich und dieser schielende Kobold, der wieder im Schlüsselloch puhlte. Er knirschte mit den Zähnen und wünschte dem Geist die Pest an den Hals. Sodann knöpfte er den Hosenschlitz auf und pinkelte ungeniert vor die Tür.

Vor Wohnungstüren hatte Fridolin schon öfter gepinkelt, dessen bin ich mir sicher. Zum Beispiel parterre vor die Tür von Herrn Hörlimanns Wohnung. Aber auch hier oben bei mir. Und als Frau Fröhlich noch lebte, in der zweiten Etage. Heimlich natürlich, damit es ihm niemand ankreiden konnte. Und bezeichnenderweise nie vor die Tür von Frau Radodeks Wohnung. Nun aber hatte er sich selbst überführt. Oder gab er sich dem Irrglauben hin, ich mache mit ihm gemeinsame Sache?

»Pfui! Das tut man doch nicht«, rügte ich ihn.

Er schielte mich unsicher an.

»Was du nicht willst, das dir man tu …«, sagte ich noch.

Da schnitt er eine Grimasse und blaffte: »Fick dich ins Knie, alter Sack!«

Dann sprang er, den Mittelfinger gestreckt, die Treppe hinunter. An das Weitere wage ich kaum zu denken.

Ich habe mich immer bemüht, mit den Hausbewohnern in gutem Einvernehmen zu stehen. Streit ist mir von Natur aus zuwider. Mein Wahlspruch »Der Klügere gibt nach« hat sich mein Lebtag als richtig erwiesen. Zwar hat mir meine Nachgiebigkeit oft zum Nachteil gereicht, doch durfte ich mich dafür als der Klügere dünken. Fridolin aber brachte meine Lebensregel ins Wanken.

Zuerst versuchte ich ihn ja zu verstehen. Schwierige Verhältnisse, der Vater wahrscheinlich ein Trinker, die Mutter vermutlich katholisch oder Schlimmeres noch, sagte ich mir. Zudem befindet sich der Junge in der Entwicklung. Dass er regelmäßig seine Omi besucht, zeigt aber, dass ein guter Kern in ihm steckt. Sicher wird er sich im Lauf seines Lebens zum Besseren wandeln.

Daran hielt ich fest, bis mir Herr Hörlimann anvertraute, was Frau Radodek ihm anvertraut, nämlich dass Fridolin beobachtet habe, wie ich, ja, wie ich in der 2. Etage vor die Tür urinierte. Unglaublich! Da muss dieses Luder doch stracks zu seiner Omi gerannt sein, um mir zuvorzukommen, falls ich ihn anschwärzen sollte. Oder hatte Frau Radodek selbst die Finger im Spiel? Nicht so abwegig, dieser Gedanke. Immerhin hatte sie mir gegenüber behauptet, Herr Hörlimann würde ins Treppenhaus pinkeln. Und nun glaubte womöglich Herr Hörlimann, dass ich …

»Aber Herr Hörlimann«, sagte ich, »Sie denken doch nicht …«

»Nein, nein, nein, nein«, fiel er mir in die Rede.

»Oder meinen Sie ernsthaft, ich würde …«

»Auf keinen Fall«, unterbrach er mich wieder.

»Ich betrachte es als meine Pflicht …«

»Natürlich, Herr Schmitz.«

»… als meine Pflicht, Frau Radodek zur Rede zu stellen.«

»Um Gottes willen«, stöhnte er.

Um nicht mit der Tür ins Haus zu fallen, kaufte ich für Frantisek eine Tafel Ritter-Sport-Schokolade. Wie geht es dem Hündchen, wollte ich fragen. Ich mache mir Sorgen. Und ihnen, Frau Radodek, wie geht es denn Ihnen? Bei guter Gesundheit? Ach, würde sie klagen, die Knie und der Kopf und das Herz und die Blase. Aber kommen Sie rein! Nehmen Sie Platz! Tässchen Kaffee? Stückchen Frankfurter Kranz? So stellte ich mir vor, dass es ablaufen würde. Es kam leider anders.

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Schon auf der Treppe hörte ich Frau Radodek schluchzen. Tränenüberströmt trat sie mir entgegen. Frantisek, jammerte sie, mein Frantisek, Jessusmariaundjosef. Doch die heilige Familie konnte dem Köter nicht helfen. In Verbände gewickelt lag er auf dem Tisch, mit milchigen Augen, den Gabelstichen erlegen, den Verletzungen, die ihm Frau Niederbach zugefügt hatte. Im Angesicht von Frau Radodeks Schmerz konnte ich mich selbstverständlich nicht über ihren missratenen Enkel beklagen. Ich versuchte sie vielmehr zu trösten. Frantisek habe sicher schrecklich gelitten, doch sei er nun von seinen Qualen erlöst. Auch sei das Leben ja mit dem Tod nicht zu Ende, im Jenseits gehe es glückselig weiter, so dass sie sich von Frantisek nicht für alle Ewigkeit verabschieden müsse.

Frau Radodek schluchzte noch einmal. Dann seufzte sie tief und straffte die Schultern.

»Aber die Niederbach kommt mir nicht so davon«, platzte sie raus. »Ja, wo leben wir denn?« redete sie sich in Wut. »Ja, wer glaubt sie denn, dass sie ist? Ja, was nimmt sich diese Schildkröte raus? Bringt meinen Frantisek um. Der werde ich’s zeigen!« Daraufhin holte sie ein Hackebeil aus der Küche, drückte es Fridolin in die Hand und sagte: »Hau ihr den Kopf ab!«

Schon im Café Concordia, wo ich als Kellner bis zu meiner Berentung in Anstellung war, fiel mir Frau Radodek durch ihre Tierliebe auf. Sogar ihrem Köter musste ich Torte servieren. Und wehe, jemand erschlug eine Fliege oder zertrat einen Käfer. Dann schlug Frau Radodeks Tierliebe in Menschenhass um. Darum konnte ich ihre Rachegelüste verstehen. Allerdings hatte ich auch die Folgen vor Augen: Leiche im Keller, Kriminalpolizei, Mordprozess, Presse! Keine ruhige Minute hätte ich mehr gehabt.

»Aber Frau Radodek«, intervenierte ich deshalb, »Frau Niederbach hat gewiss nur die Nerven verloren. Sonst hätte sie Frantisek sicher kein Leid zugefügt. Ich bin überzeugt, dass sie es aus tiefstem Herzen bedauert.«

Frau Radodek sah mich an, als wären wir uns niemals begegnet. Als wär’ ich ein Fremder, ein Kurgast, ein Zeuge Jehovas, ein Vertreter, der ihr einen Staubsauger andrehen will. Also nahm ich noch einmal Anlauf: »Frau Niederbach ist ein Mensch wie Sie auch, Frau Radodek. Und macht nicht jeder mal einen Fehler? Deswegen muss man doch nicht gleich zum Hackebeil greifen.« Unbedachterweise fügte ich noch hinzu, schließlich sei Frantisek nur ein Hund. Woraufhin Frau Radodek gefährlich mit dem Gebiss klapperte.

»Nur ein Hund!« keifte sie also dann. »Hast du gehört, Fridolin? Frantisek nur ein Hund. Ja glauben Sie denn, dass Sie etwas Besseres sind? Was sind Sie denn schon? Ein Kellner. Ein Dachbodenrentner. Und da erdreisten Sie sich, meinen Frantisek als Hund zu beschimpfen. Gestern mein Leben gerettet, heute verreckt, Gott sei Dank – das denken Sie doch. Machen Sie mir doch nichts vor. Seh’ ich Ihnen doch an. Vom ersten Tag an habe ich das. Soll ich Ihnen sagen, was mein Bruder gesagt hat, als er Sie durchs Café dackeln sah mit der weißen Serviette? Soll ich Ihnen das sagen? Was denn das, meine Liebe, hat mein Bruder gesagt, was denn das? Hier bedient ja ein Affe.«

»Hier bedient ja ein Affe«, gellte sie mir ins Gesicht.

Inzwischen hatte Fridolin die mitgebrachte Schokolade verzehrt und sich aus der Wohnung geschlichen – mit dem Hackebeil in der Hand. Noch während Frau Radodek mich als Primaten diffamierte, schoss mir die drohende Gefahr durch den Kopf. Um Himmels willen, Fridolin hackt ihr tatsächlich ... Und da drang auch schon ihr Schrei an mein Ohr. Entsetzt stürzte ich aus der Wohnung.

Den Schrei hatte Frau Niederbach in höchster Not ausgestossen. Fridolin war nämlich in den Keller gelangt und mühte sich, die mit Ketten und Vorhängeschlössern gesicherte Tür zum Lattenverschlag aus den Angeln zu hebeln. Was ihm jedoch nicht gelang, denn die Tür verkantete sich. Worauf er sie einzutreten versuchte. Als auch dies keinen Erfolg zeitigte, angelte er mit einem Besenstiel einen Kohlrabi aus dem Verschlag, um ihn Frau Niederbach wieder zum Frass hinzuschieben. Die aber auf die List nicht hereinfiel. Anstatt näher zu kommen, zog sie sich unter den Schreibtisch zurück.

Ein herzergreifender Eindruck. Insbesondere Frau Niederbachs Zustand. Frantisek hatte sie mit dem Biss in die Wange so schlimm zugerichtet, dass ein Auge heraushing. Ihr Köpfchen war verschorft und blutunterlaufen. Das Gewand klebte als kotiger Fetzen an ihr. Darunter kam der Knochenpanzer zum Vorschein. Ich hatte ja seit jeher vermutet, dass sie insgeheim eine Schildkröte war.

Um Fridolin von seinem mörderischen Plan abzubringen, beschwor ich ihn, Frau Niederbach zu verschonen. Doch Fridolin grinste mich nur geringschätzig an, wobei er Frau Niederbach mit dem Besenstiel stupste.

»Fridolin«, redete ich auf ihn ein, »du weißt doch, dass deine Omi manchmal ein wenig aufbrausend ist. Da sagt sie dann Dinge, die sie später bedauert. Wenn du tust, was sie von dir verlangt hat, wird sie sich im nachhinein grämen, weil sie sich vorwerfen muss: Ich bin es, ich, die Fridolin zum Mörder gemacht hat. Das wirst du doch deiner Omi nicht antun.«

Fridolin kratzte sich unterm Hemd und sagte: »Ich tu’ ihr doch nichts.«

»Dann leg bitte das Hackebeil weg!«

Was er auch tat, dergestalt aber, dass ich es nicht an mich bringen konnte. Frau Niederbach fiel auf diese Geste herein. Sie krabbelte unter dem Schreibtisch hervor und so nah an Fridolin ran, dass er mit dem Zeigefinger ihren Kopf streicheln konnte. Was Frau Niederbach gänzlich zutraulich machte. Sie öffnete das Mäulchen, streckte das Zünglein heraus und beleckte Fridolins Finger. Dabei schob Fridolin langsam die Hand unter den Panzer, um sie mit einem Ruck auf den Rücken zu werfen.

Unterdessen war auch Herr Hörlimann in den Keller gestiegen. Obgleich mit der Pistole bewaffnet, gebot er dem Geschehen keinen Einhalt. Er forderte es vielmehr heraus, denn als er Frau Niederbach mit hilflos strampelnden Beinchen daliegen sah, begann er zu lachen. Was Fridolin aufmunterte und zur Tat schreiten ließ. Mit einem kräftigen Tritt zerbrach er zwei Latten und lupfte Frau Niederbach aus dem Verschlag. Sodann streckte er sie wie einen Siegespokal über den Kopf.

Herrn Hörlimans Lachen hatte auch mich angesteckt. Dabei tat mir Frau Niederbach leid. Sicher ein schwieriges Leben, das sie geführt haben musste, mit dem schweren, angewachsenen Panzer, hier unten, in diesem modrigen Keller, in diesem stinkenden Lattenverschlag. Niemals hatte sie sich auf die Straße gewagt, nie sich die Sonne ins Gesicht scheinen lassen. Dosenfisch und Gemüse, faules Abfallgemüse, von einem Schweinehändler geliefert. Und keine Toilette. Wie sich herausstellen sollte, hatte sie die Notdurft in Einmachgläser verrichtet. Sie schämte sich ihrer Natur und scheute uns Menschen. Und nun befand sie sich ausgerechnet in Fridolins Händen.

Zuerst zupfte er das nur noch an einem Sehnenfädchen hängende Äuglein heraus. Mit dem Hackebeil, das er schnell wieder griff, kappte er sodann ihre Beinchen. Doch anstatt Frau Niederbach den Kopf abzuhauen, hackte er am Bauch den Panzer entzwei, brach ihn der Länge nach auf und riss Leib samt Köpfchen heraus. So blieb Frau Niederbach noch eine Weile am Leben und bot Fridolin Gelegenheit, sie ein bisschen zu triezen.

Keine Frage, Fridolin hatte Humor. Hatte er schon beim Kappen der Beinchen nach jedem »hoppla!« gesagt, fasste er jetzt Frau Niederbach hinter dem Kopf und schwenkte sie, als würde er mit ihr tanzen. Bommbommbomm, sang er dazu, bommbommbomm. Anschließend setzte er sie auf den Boden und verbeugte sich tief. Obwohl Frau Niederbach keine Beine mehr hatte, versuchte sie, wieder in den Verschlag zu gelangen, was Fridolin aber zu verhindern verstand. Er stellte ihr den Fuß auf den Leib und zerdrückte sie langsam. Im selben Moment erklang wieder Musik. Kein Bommbomm dieses Mal, kein Paukengeschmetter, sondern alpenländische Zithermusik, kaum zu vernehmen, so leise und zart. Dann aber sang der Tenor aus voller Brust Frau Fröhlichs altes Edelweißlied: Adolf Hiiitlers Liiieblingsblume ist das schliiichte Eeedelweiß. Adolf Hiiitlers Liiieblingsblume ist das schliiichte Eeedelweiß.

Ludwig Lugmeier, geboren 1949 in Kochel am See in Oberbayern, lebt seit 1996 als freier Autor in Berlin. Veröffentlichte Romane, Gedichte, Erzählungen, Rundfunkfeatures, Reportagen und Essays, zuletzt 2017 »Die Leben des Käpt’n Bilbo. Faktenroman« (Verbrecher-Verlag). Vor zwei Wochen feierte er seinen 70. Geburtstag – wir gratulieren unserem Autoren noch einmal von ganzem Herzen.

Vergangenes Wochenende erschien an dieser Stelle der erste Teil von »Adolf Hitlers Lieblingsblume«.

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