Der Schwarze Kanal
Gegründet 1947 Montag, 16. September 2019, Nr. 215
Die junge Welt wird von 2208 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 05.08.2019, Seite 15 / Politisches Buch
Krieg in Vietnam

Große Errungenschaft

Hellmut Kapfenberger hat das bleibende Standardwerk über den Ho-Chi-Minh-Pfad vorgelegt
Von Gerhard Feldbauer
S 15.jpg
Der Ho-Chi-Minh-Pfad in Vietnam (undatierte Aufnahme)

Hellmut Kapfenberger, langjähriger Korrespondent der Nachrichtenagentur ADN in Hanoi, legt mit seinem Buch über den Ho-Chi-Minh-Pfad eine beeindruckende Arbeit über diese legendäre Nachschubtrasse vor, die eine entscheidende Voraussetzung für den Sieg des vietnamesischen Volkes über die USA-Aggressoren und ihre Helfer in Saigon war.

Der Autor hat hierzu jahrzehntelang recherchiert. Bereits 1984, während seines zweiten Einsatzes in Hanoi, war Oberst Vo Bam, der 1959 den streng geheimen Auftrag erhalten hatte, »einen speziellen militärischen Versorgungsweg zur Unterstützung der Revolution im Süden zu organisieren«, sein Gast im ADN-Büro. 2011 sprach Kapfenberger mit dem von 1966 bis 1975 für die Trasse verantwortlichen Kommandeur, Generalleutnant Dong Si Nguyen. Dazu kamen Nachforschungen bei verschiedenen Institutionen.

Der Bau begann, nachdem die Führung der Demokratischen Republik Vietnam (DRV) 1959 entschieden hatte, aus dem Norden die im Süden sich gegen den blutigen Terror des US-Marionettenregimes von Ngo Dinh Diem zur Wehr setzenden Landsleute zu unterstützen. Oberst Vo Bam stellte eine Spezialeinheit von aus Südvietnam stammenden Soldaten der Volksarmee auf, aus der das Armeekorps 559 (5/59) hervorging. Es war für Bau, Unterhalt und Schutz der Nachschubtrasse auf nord- wie südvietnamesischem, laotischem und kambodschanischem Gebiet durch die Kette des Truong-Son-Gebirges verantwortlich.

Alles begann mit Trampelpfaden für erste kleinteilige Nachschubtransporte durch Träger. Daraus wurde ein strategisches Nachschubsystem, das von den US-Truppen ständig attackiert wurde, aber zu keinem Zeitpunkt lahmgelegt werden konnte. Auf den Pfad gingen rund 7,5 Millionen Spreng- und Splitterbomben sowie rund vier Millionen Tonnen Minen nieder. Dazu kamen Unmengen des Entlaubungsgiftes »Agent Orange«. Kaum bekannt ist, dass die USA versuchten, über dem Ho-Chi-Minh-Pfad künstlichen Regen durch »Wolkenimpfungen« mit Silberjodid (einer chemischen Verbindung aus Silber und Jod) zu erzeugen, um die Regenzeit zu verlängern.

Kapfenberger schreibt, dass das Versorgungsnetz mit fünf Nord-Süd-Achsen, 21 West-Ost-Verbindungen, fünf Hauptzugangsrouten und Umgehungspisten an besonders heftig bombardierten Orten »im Frühjahr 1975 auf rund 20.000 Kilometer« Gesamtlänge angewachsen war: »Dank des Ho-Chi-Minh-Pfades war es möglich, zwei Millionen Tonnen Waffen, Munition und weitere Ausrüstungsgegenstände, Reis, Medikamente und anderer Nachschubgüter in den Süden Vietnams, nach Südlaos und ab 1970 von Norden her nach Nordostkambodscha zu bringen.«

Der Name wurde ihm von der Gegenseite gegeben: Auf den US-amerikanischen Vietnam- und Indochina-Stabskarten hieß er »The Ho Chi Minh Trail Supply System« (Nachschubsystem Ho-Chi-Minh-Pfad). Kapfenberger zitiert die National Security Agency (NSA) der USA, nach deren Einschätzung es sich dabei um »eine der größten Errungenschaften militärischen Ingenieurwesens des 20. Jahrhunderts« gehandelt habe.

Entlang des »Pfades« wurde seit 1968 eine Pipeline für die Treibstoffversorgung in Südvietnam und Laos verlegt. Mit 100-Millimeter-Stahlrohren und einer Länge von rund 5.000 Kilometern war sie »die mit Abstand längste Kraftstoffrohrleitung der Welt«. Dazu »gehörten 114 leistungsstarke Pumpstationen und mehr als 100 Tanklager«.

Der Leser erfährt auch, dass es einen »Ho-Chi-Minh-Pfad auf dem Meer« gab, die Seetransportbrigade 603, deren als Fischerboote getarnte Schiffe entlang der Küste bei knapp 1.800 Fahrten bis 1975 die in den Küstenregionen sowie um das Mekongdelta operierenden Einheiten mit fast 45.000 Tonnen Waffen, Munition und anderem Nachschub versorgten. Für die letzte Offensive im Frühjahr 1975 wurden 8.700 Tonnen schwere Waffen, darunter Panzer und Artilleriegeschütze, sowie mehr als 18.700 Mann an die Front gebracht.

Während seiner Recherchen sprach Kapfenberger mit einer der Heldinnen des Ho-Chi-Minh-Pfades: Phung Thi Vien, Hauptmann der Volksarmee und Militärkraftfahrerin. Sie hatte sich mit 17 Jahren freiwillig zur Armee gemeldet und wurde Kompaniechefin. Als er sie 2011 erneut treffen wollte, war sie verstorben: Die durchlebten Entbehrungen, »notgedrungen verbunden mit Raubbau an der Gesundheit«, hatten ihre Kräfte aufgezehrt. An dieser und an vielen anderen Stellen zeugt das Buch von der tiefen Solidarität des Autors mit dem Befreiungskampf Vietnams, wie sie für eine große Mehrheit der Menschen in der DDR charakteristisch war.

In lockerem Erzählstil hat Kapfenberger in seinen reich aus vietnamesischen Archiven bebilderten Bericht Episoden aus der Geschichte des gemeinsamen Befreiungskampfes Vietnams und Laos eingebettet. Das Buch wird mit seinen zahlreichen, bislang für deutsche Publikationen nicht ausgewerteten vietnamesischen Quellen eine Fundgrube für die Forschung sein, ohne Zweifel aber auch bei historisch interessierten Lesern ohne Vorkenntnisse Anklang finden.

Hellmut Kapfenberger: Ho-Chi-Minh-Pfad. Die Geschichte der legendären Nachschubtrasse. Verlag Wiljo Heinen, Berlin 2019, 502 Seiten, 22 Euro

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Normalität eines vorgeblichen Strafprozesses gegen die »Rädelsfü...
    16.05.2015

    BRD mimt Rechtsstaat

    21. Mai 1975: In der JVA Stuttgart-Stammheim begann der Prozess gegen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und Jan-Carl Raspe
  • Die Befreiungsfront FNL hatte am 30. April 1975 beim Sturm auf d...
    29.04.2015

    »Frieden! Kein Tod mehr!«

    Am 30. April 1975 triumphiert die Befreiungsarmee Vietnams nach 30 Jahren Krieg über die USA
  • Im April 1975 zogen etwa 20.000 Kämpfer der Roten Khmer in Phnom...
    17.04.2015

    Verquere Fronten

    Vor 40 Jahren eroberten die Roten Khmer die Macht in Kambodscha. Die brutale Pol-Pot-Despotie (1975-79) verdankte sich nicht zuletzt der Politik der USA und wurde von verschiedenen Seiten protegiert

Regio:

Mehr aus: Politisches Buch