Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 03.08.2019, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Frieden nicht dem Zufall überlassen

Wie kann die Menschheit vor der Vernichtung durch Atomwaffen bewahrt werden? Auszüge aus Texten Albert Einsteins vom Herbst 1945
Atompilz über Nagasaki,9. August 1945
Atompilz über ­Nagasaki, 9. August 1945

Am 6. und 9. August 1945 zerstörten zwei Atombomben der USA die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki. Der Physiker Albert Einstein, der 1939 US-Präsident Franklin D. Roosevelt durch einen Brief auf die Gefahr aufmerksam gemacht hatte, dass Nazideutschland in den Besitz einer Atomwaffe gelangen könnte, und insofern zur Schaffung der US-amerikanischen Bomben beitrug, warnte nun vor einem atomaren Wettrüsten und der sich daraus ergebenden Gefahr für die Existenz der Menschheit. Am 10. Oktober 1945 veröffentlichte die New York Times eine Erklärung, die Einstein zusammen mit 19 anderen Persönlichkeiten – darunter Thomas Mann – unterzeichnet hatte. Darin heißt es:

Die erste Atombombe hat nicht nur die Stadt Hiroshima zerstört. Sie hat auch unsere traditionellen, längst überholten politischen Ideen endgültig vernichtet.

Einige Tage bevor zum ersten Mal in der menschlichen Geschichte diese brutale Gewalt der Natur entfesselt wurde, war in Washington die Charta von San ­Francisco unterzeichnet worden. Der Traum eines Völkerbundes war, nach 26 Jahren, durch die Abstimmung im amerikanischen Senat endlich Wirklichkeit geworden.

Wie lange wird die Charta der Vereinten Nationen in Kraft bleiben? Im Glücksfall vielleicht eine Generation oder sogar ein Jahrhundert lang? Es gibt keinen Menschen, der einen solchen Glücksfall nicht ersehnen würde – für die Charta wie für sich selbst, für seine Arbeit und seine Kindeskinder.

Aber darf man den Frieden dem Zufall überlassen? Friede durch Gesetz: Dieses Ziel können die Völker erreichen, wenn sie es nur wollen. Und jetzt ist die Zeit, es durchzusetzen. Unsere Generation muss dazu helfen.

Jeder von uns weiß, dass die Charta nur einen Anfang darstellt. Sie garantiert den Frieden durchaus nicht. (…) Jahrtausende hindurch haben die Menschen gelernt, dass, wo immer eine Regierung sich auf Gesetze stützen muss, Friede herrscht. (…) Wir müssen eine Verfassung der Welt, das heißt eine wirksame internationale Ordnung anstreben, die uns hilft, einen Atomkrieg zu verhüten. (…) Wir haben gelernt – und dafür einen schrecklich hohen Preis bezahlt –, dass Zusammenleben und Zusammenarbeit nur auf eine einzige Weise möglich sind: unter dem schützenden Dach des Gesetzes. In der heutigen Welt gibt es keine wahrere und selbstverständlichere Idee. Setzt sie sich nicht durch und erringen wir nicht im gemeinsamen Kampf neue Wege des Denkens, so ist die Menschheit dem Untergang geweiht.

Am 21. Oktober 1945 wandte sich der Physiker Daniel Q. Posin an Einstein und bat ihn, im Januar 1946 an einem geplanten Kongress von US-Wissenschaftlern zur atomaren Energie teilzunehmen. Die Konferenz kam zwar nicht zustande, erhalten blieb aber der Entwurf einer Antwort Einsteins. Er sagte aus gesundheitlichen Gründen ab, führte jedoch u. a. aus:

Ich sehe mit Schrecken, wie das Gift der Militarisierung und des imperialistischen Geistes dieses Land bedroht in einem Augenblick, in dem die Vereinigten Staaten in der Herbeiführung internationaler Sicherheit führend sein könnten und sollten.

Wo ist denn der potentielle Gegner, gegen den alle diese Machenschaften gerichtet sind, und aus Furcht vor welchem der Amerikaner die permanente militärische Knechtschaft auf sich nehmen soll? Es ist dasselbe Russland, das bisher in dem Streben nach übernationaler Sicherung vorangegangen und die loyalste Stütze des Völkerbundes gewesen ist.

Es ist nicht der Wille des amerikanischen Volkes, den wir hier am Werke sehen, sondern der Wille der mächtigen Minderheit, die durch ihre wirtschaftliche Machtstellung auch die politischen Organe beherrscht. Diese Leute fürchten in Wahrheit nicht eine militärische Aktion Russlands, sondern vielmehr den moralischen Einfluss eines starken Russlands, der ihrer Machtstellung auf indirektem Wege gefährlich werden könnte.

Wenn die Regierung fortfährt, diesen verhängnisvollen Weg zu beschreiten, so dürfen wir Forscher der Regierung nicht zu Willen sein, auch dann nicht, wen sie uns durch ihre legale Maschinerie unmoralische Forderungen stellt. Denn es gibt ein ungeschriebenes Gesetz, das stärker bindet als Paragraphen, die in Washington zusammengebraut werden mögen. Schließlich bleibt auch uns die Waffe der Non-Cooperation und des Streiks.

Wir tadeln mit Recht an den deutschen Intellektuellen, dass sie einer unwürdigen Regierung bedingungslos zu Willen waren, wir bestrafen sie mit Recht für die Verbrechen, die sie in solcher, angeblich legaler Abhängigkeit begangen haben. Ich hoffe, dass die hiesigen Intellektuellen entschlossen sind, entsprechende Entgleisungen zu vermeiden; ihr bisheriges Verhalten ermutigt zu solcher Hoffnung.

Beide Texte hier zitiert nach: Albert Einstein: Über den Frieden. Weltordnung oder ­Weltuntergang?, Parkland-Verlag, Köln 2004, Seiten 350–354

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