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Aus: Ausgabe vom 03.08.2019, Seite 6 / Ausland
Ilisu-Staudamm Türkei

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Türkei beginnt Ilisu-Stausee zu füllen, ohne Bevölkerung darüber zu informieren. Widerstand geht weiter
Von Nick Brauns
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Die Jahrtausende alte Stadt Hasankeyf würde bei einer vollständigen Flutung des Ilisu-Stausees verschwinden (1.6.2019)

Trotz großer Proteste hat die türkische Regierung mit der Füllung des Ilisu-Stausees am Oberlauf des Tigris im kurdisch besiedelten Osten des Landes begonnen. Auf Satellitenaufnahmen ist zu erkennen, dass sich der Stausee bereits über eine Fläche von mehreren Kilometern im Tigristal sowie seinen Nebentälern erstreckt.

Gegen den Bau, der Teil des eine Vielzahl von Dämmen und Wasserkraftwerken umfassenden Südostanatolienprojektes ist, gibt es seit Jahrzehnten Widerstand. Denn in den Fluten des 313 Quadratkilometer großen Stausees würden die 12.000 Jahre alte Felsenstadt Hasankeyf mit ihren einzigartigen historischen Monumenten aus Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte ebenso wie 199 Dörfer untergehen. Bis zu 80.000 vor allem von der Landwirtschaft lebende Menschen müssten ihr Land weitgehend entschädigungslos verlassen. Da ein Großteil von ihnen die linksoppositionelle Demokratische Partei der Völker (HDP) oder gar die in der Türkei verbotene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) unterstützt, ist ihre Vertreibung kein »Kollateralschaden«, sondern im Rahmen von der Aufstandsbekämpfungsstrategie der türkischen Regierung offensichtlich gewollt. Aber nicht nur das Tigristal mit seiner einzigartigen Flora und Fauna würde zerstört. Auch der Landwirtschaft im benachbarten Irak droht schwerer Schaden. Die als UNESCO-Welterbe eingestuften südirakischen Sumpflandschaften könnten austrocknen, wenn der als Lebensader dienende Tigris deutlich weniger Wasser führt.

Mehrfach musste der Dammbau in den letzten Jahrzehnten unterbrochen werden. So sprangen Deutschland, Österreich und die Schweiz im Jahr 2009 wegen fehlenden Auflagen für den Umwelt- und Kulturschutz von der Beteiligung am Projekt ab. Später untersagten türkische Gerichte vorübergehend den Weiterbau. Zudem zögerten technische Probleme und Geldknappheit die Fertigstellung jahrelang hinaus. Weiterhin sind nicht alle Bauarbeiten im Zusammenhang mit dem Dammbau abgeschlossen. Die Umsiedlungen der betroffenen Bewohner haben vielfach noch gar nicht begonnen. Trotzdem hatte Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan den Beginn der Füllung des Stausees zwischenzeitlich für den 10. Juni angekündigt. Dagegen hatte es zuvor beim mittlerweile dritten internationalen Aktionstages Proteste in der Türkei, dem Irak sowie mehreren europäischen Städten gegeben. Der Termin wurde daraufhin auf unbestimmte Zeit verschoben.

Über den jetzigen Beginn des Aufstauens gibt es keinerlei Erklärungen der Regierung. Die staatliche Wasseragentur DSI teilte einigen Dorfbewohnern lediglich informell mit, dass eine »Testfüllung« des Staubeckens eingeleitet worden sei. Die Luftbilder zeigten jedoch, dass es sich nicht um einen Test handele, warnt der Wasserbauingenieur Ercan Ayboga als Sprecher der »Initiative zur Rettung von Hasankeyf«. Für die Menschen im Tigristal bestehe Lebensgefahr. Doch der Regierung gehe es wohl darum, »stillschweigend einen gewissen Aufstau zu realisieren, um die Öffentlichkeit vor vollendete Tatsachen zu stellen«.

Derweil geht der Widerstand gegen den Staudamm in der Türkei und international weiter. In Hasankeyf selbst werden Proteste gewaltsam aufgelöst oder gestört. So schlugen Polizisten am vergangenen Wochenende mit ihren Knüppeln so laut auf ihre Schilde, dass die Rede eines HDP-Abgeordneten nicht mehr zu hören war. Am Dienstag nahm die Polizei zehn Mitglieder der HDP-Jugend bei einem Protestspaziergang fest. Geht es nach den Plänen der Wasserbaubehörde, könnte die antike Stadt bereits im November unter Wasser stehen. Doch Ayboga bleibt verhalten optimistisch. So sieht er aufgrund der großen Bekanntheit, die Hasankeyf mittlerweile in der Türkei genießt, die Chance, die weitere Aufstauung noch zu stoppen.

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