Gegründet 1947 Mittwoch, 21. August 2019, Nr. 193
Die junge Welt wird von 2208 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 05.08.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Aufarbeitung der Franco-Diktatur

Leichen über Leichen

Zeugnisse der Franco-Diktatur in Spanien werden behandelt wie römische Ausgrabungen. Ein Besuch am vermutlich größten Massengrab im ländlichen Raum
Von Carmela Negrete, Nerva
RTS27SME.jpg
Im November 2018 wurde dieses Massengrab von Opfern des Faschismus in Sadaba ausgehoben

Es ist eine Fläche von nur drei mal sechs Metern, doch hier wurden bereits die Überreste von mehr als 20 Leichen geborgen. »Schon 30 Zentimeter unter der Oberfläche fanden wir den ersten Schädel«, erklärt der Leiter der Ausgrabung, der Archäologe und Forensiker Andrés Fernández Martín. Bisher ist man rund einen Meter tief vorgedrungen – und »es kommen immer mehr Leichen zum Vorschein«. Die Gebeine liegen verdreht und durcheinander in den Gräbern. Wie Fernández erläutert, zeigt das, dass die Opfer einfach rücksichtslos hineingeworfen wurden.

Fernández hat viele Massengräber gesehen, seit 2006 war er an rund 20 Exhumierungen beteiligt. Doch hier, auf dem Friedhof der alten Bergarbeiterstadt Nerva in der andalusischen Provinz Huelva, ist es anders: »Normalerweise sieht man ein paar Körper in einem Grab; vier, fünf oder auch zehn, dann folgt darauf einige Meter entfernt ein anderes Grab und so weiter. Hier dagegen gibt es über 40 mal drei Meter einen einzigen riesigen Leichenberg. Und es sieht so aus, als ob die Grube lange Zeit geöffnet war und immer wieder erweitert wurde.« Er vermutet, dass auch unter den Friedhofstoiletten, die neben dem Massengrab gebaut wurden, Körper lagen oder sogar noch liegen.

Um die akribische Arbeit zu ermöglichen, die sein dreiköpfiges Team hier leistet, forschten die Experten zuvor vier Monate lang über das Massengrab, gingen in die Archive, sprachen mit älteren Anwohnern, die noch wissen konnten, was vor mehr als 80 Jahren an diesem Ort stattgefunden hat. Sie kamen zu der Schlussfolgerung, dass hier mehr als 220 Menschen liegen müssten. Nach Ansicht von Historikern könnte es sich um das größte Massengrab außerhalb der großen Städte Spaniens handeln. Der Grund dürfte der organisierte Widerstand der Bergarbeiter in dieser Region gegen Franco und die Faschisten gewesen sein. Auf unsere Frage, ob die Zahl der Leichen noch höher sein könne als zuvor vermutet, antwortet Fernández vorsichtig: »Wir wissen nie, was es da unten gibt. Aber wenn es so weitergeht wie bisher, könnten wir mehr Leichen finden als gedacht.« Wie lange es noch dauern wird, bis die Arbeiten abgeschlossen sind, kann er nicht sagen. Doch das ist eine heiße Frage, denn das Unternehmen, für das er arbeitet, wurde von der Provinzregierung Huelvas nur für drei Monate engagiert. Diese Zeit wird nicht ausreichen. Was danach geschehen soll, muss die Firma Aratispi Patrimonio SL noch mit dem Rathaus von Nerva und der Regionalverwaltung aushandeln. Letztlich hängt die Finanzierung auch von der andalusischen Regierung ab, die inzwischen von den Rechtsparteien PP und Ciudadanos gestellt und von den Faschisten der Vox toleriert wird.

Findet er es normal, dass Leichen aus einem Krieg von einem privaten Unternehmen geborgen werden und die Umstände derart prekär sind? »Sicherlich sollte das die Aufgabe des Staates sein«, sagt er, keine Frage. Fernández zeigt uns einige Knochen: »Der Boden hier ist wegen der Mine sehr sauer, deshalb sind die Knochen beschädigt.« Das werde die DNA-Proben deutlich erschweren, durch die die Opfer identifiziert werden könnten. Aber man sei auch auf Objekte wie Schuhsohlen oder sogar ein Feuerzeug bei den Opfern gestoßen. Viele Knochen wiesen Einschusslöcher auf, auch Patronen hätten die Forscher in der Erde gefunden.

Unter einem Sonnendach, das über dem Massengrab errichtet wurde, um die Arbeit im andalusischen Sommer erträglich zu machen, steht Alejandro Santos Silva mit einem kleinen Spachtel und bewegt vorsichtig die Erde. Er gehört der Vereinten Linken (IU) an und sitzt für sie im Stadtrat. Der junge Mann hat Geschichte studiert und arbeitet hier neben ein paar anderen als Freiwilliger. Für ihn geht es nicht nur um historische Gerechtigkeit: Die Überreste seines Urgroßvaters, Eusebio Silva Naranjo, sollen hier vergraben sein. Silva Naranjo war Bergarbeiter und Delegierter des Gewerkschaftsbundes UGT in der Mine von Rio Tinto. »Ich habe von seiner Geschichte aus den Archiven erfahren«, erzählt Alejandro. »Seine Familie, also meine Großeltern, hat immer bestritten, dass er irgendwelche politische Verantwortung gehabt hatte.« Es hieß, er sei »verschwunden«. Alejandros Großvater Eusebio war neun Jahre alt, als sein Vater hingerichtet wurde, nur vier Tage nach dem Einmarsch der Faschisten in Nerva. »Wahrscheinlich wollten sie ihn und seine Geschwister schützen«, denn nach dem Krieg folgte die jahrzehntelange Diktatur, und die Nachfahren der »Roten« wurden systematisch benachteiligt. Alejandro kennt seine Geschichte nur, weil er sich selbst während seines Studiums mit ihr auseinandergesetzt hat. Er hofft jetzt, durch eine DNA-Probe nachweisen zu können, dass sein Urgroßvater zu den hier verscharrten Opfern gehört. »Einen Schädel durfte ich bereits ausgraben.«

S 03 Plakat.jpg
»Wahrheit, Gerechtigkeit, Entschädigung für die Opfer des Franquismus« fordern die Aktivisten in Nerva

Es wundert schon, dass unerfahrene Menschen hier mitgraben dürfen. Félix Ramos Toscano fasst das so zusammen: »Die Exhumierungen finden statt, als wären sie römische Ausgrabungen.« Er ist Kfz-Mechatroniker und leitet seit Jahren in seiner Freizeit das »Forum für Erinnerung in Huelva«. Bei anderen Gräbern in der Provinz hat er freiwillig mit Pinsel und Schippe mit angepackt. So im Jahr 2005 in Valverde del Camino, als der Verein die Exhumierung des Bauarbeiters und antifaschistischen Widerstandskämpfers Juan Ramón Mestre Bobero durchführte. Dessen Geschichte ähnelt der vieler anderer Ermordeter aus der Region: Er verteidigte die Spanische Republik gegen den Putsch, den faschistische Truppen um General Francisco Franco 1936 mit ausländische Hilfe unter anderem von Hitler und Mussolini gegen das legitime demokratische System entfesselt hatten. Der Bergarbeiter versteckte sich im Wald und führte Sabotage- und Widerstandsaktionen durch. 1939 wurde er von den Faschisten entdeckt und erschossen.

Bei seiner Exhumierung habe man anders als bei dem Massengrab in Nerva gehandelt, erläutert Ramos Toscano im Gespräch mit jW. Entscheidend war dort, dass ein Angehöriger bei der Polizei Strafanzeige wegen Mordes gestellt hatte. Die Beamten hätten damals die Überreste von Mestre Bebero mitgenommen und zu ermitteln begonnen. Was die spanische Justiz daraus machte, kennen viele Angehörige von Opfern des Franquismus: Es wurde festgestellt, dass das Verbrechen aufgrund des Amnestiegesetzes von 1977 »verjährt« sei. Die Familie erhielt die Knochen zurück, sie veranstaltete eine würdige Beerdigung in Valverde.

Das Amnestiegesetz ist auch eines der Haupthindernisse bei der Aufarbeitung der Verbrechen der Diktatur. Seit 2013 versucht aufgrund der Untätigkeit der spanischen Justiz die argentinische Richterin María Romilda Servini, zur Aufklärung beizutragen. Nach internationalem Recht verjähren Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht, doch Spanien ignoriert das seit Jahrzehnten.

»Es ist höchste Zeit, dass der Staat seinen Pflichten nachkommt und die Exhumierungen ordentlich durchführt«, fordert Ramos Toscano. Das Schlimmste sei, dass bei Ausgrabungen wie in Nerva jederzeit Beweise vernichtet werden könnten, »denn es ist kein Forensiker der Kriminalpolizei dabei«. Der spanische Staat handle heuchlerisch. Er habe »Gelder für Exhumierungen in Bosnien gespendet, während hier immer noch Tausende Leichen in Massengräbern liegen«.

Das Massengrab in Nerva ist längst nicht das einzige. In der gesamten Provinz Huelva und in ganz Spanien gibt es noch Hunderte solche Stätten mit Tausenden Opfern, die bis heute nicht geborgen wurden. Bislang hatte man angenommen, dass in Huelva noch rund 8.000 Leichen in etwa 120 Massengräbern liegen. Neue Daten aus laufenden Untersuchungen lassen diese Zahlen jedoch in die Höhe schießen. So kommt eine Studie im Auftrag der Vereinigung für historische Erinnerung der Provinz Huelva (AMHPH) zu dem Schluss, dass allein auf dem Friedhof La Soledad in der Stadt Huelva mehr als 1.400 Opfer der Franco-Dikatur in Massengräbern verscharrt wurden. Die Historiker José María García Márquez und Miguel Ángel Harriero haben bereits 1.100 von ihnen identifizieren können, nachdem die Regionalverwaltung von Huelva dafür die Archive geöffnet hat.

Einige der Opfer wurden hingerichtet, die meisten jedoch starben im Gefängnis oder während sie Zwangsarbeit leisten mussten. Die Akademiker belegten jedoch, dass einige Opfer auch aus anderen Städten hierhergebracht worden waren. Wie viele es genau sind, wird man erst wissen, wenn die Exhumierungen durchgeführt sind. Doch in ganz Andalusien sind im aktuellen Jahreshaushalt nur 100.000 Euro für die Öffnung der Massengräber bereitgestellt worden – »ein Euro pro Opfer«, wie die Archäologin Virginia Barea Pareja in einem Artikel für das Onlinemagazin Tercera Información kommentiert.

Auf nationaler Ebene gibt es keine einheitliche Zahlen, denn die Aufarbeitung der Diktatur wurde von Madrid an die spanischen Regionen übertragen, und damit auch das Problem für die Regionalregierungen, woher sie das Geld dafür nehmen sollen. Wie der Fernsehsender La Sexta im Februar berichtete, wurden in den vergangenen 19 Jahren rund 9.000 Opfer geborgen – doch nach Schätzungen des Justizministeriums in Madrid soll es in ganz Spanien noch bis zu 2.500 Massengräber geben, in denen mindestens 130.000 Opfer der Diktatur verscharrt wurden. Es handelt sich ausschließlich um linke Oppositionelle und Widerstandskämpfer, denn die im Krieg entstandenen Massengräber, in denen Faschisten bestattet wurden, sind während der Diktatur vom Staat exhumiert und in Ehrengräber überführt worden. Lediglich die sterblichen Überreste spanischer Faschisten, die in der »Blauen Division« an der Seite der deutschen Nazis gegen die Sowjetunion kämpften, waren bis 2015 noch in Russland bestattet. Doch um sie kümmerte sich in ihrer Regierungszeit die einst von führenden Vertretern der Diktatur gegründete Volkspartei (PP). Sie sorgte dafür, dass die Gebeine nach Spanien zurückgebracht wurden. Dagegen stellte sie im Haushalt für die Umsetzung des Gesetzes für historische Erinnerung, also für Entschädigungen und Exhumierungen, vier Jahre lang keinen einzigen Euro ein. (cn)

Ähnliche:

  • »Hüttenrauch« nannte man zeitgenössisch das beim Abrösten des Ku...
    02.02.2018

    Massaker am Rio Tinto

    Vor 130 Jahren streikten in Andalusien Bergarbeiter – gegen die Zerstörung der Umwelt und für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen. Ihr Protest wurde blutig niedergeschlagen
  • »Nein zum Bergwerk« – Protest gegen geplanten Uranabbau in Salam...
    20.12.2017

    Das Salamanca-Projekt

    Die zweitälteste Universität Spaniens und Landwirtschaftsbetriebe sind in Gefahr: Der an Portugal grenzenden Provinz droht der größte Urantagebau Westeuropas
  • El Cerro Colorado – der Rote Berg: Seit Jahrtausenden bereits ar...
    30.01.2016

    Río Tintos rote Erde

    Kumpel, Kämpfe und Kalifen: Im Süden Spaniens nahm eine der größten und ältesten Kupferminen der Welt die Produktion wieder auf. Ein Heimatbesuch

Regio: