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Aus: Ausgabe vom 02.08.2019, Seite 15 / Feminismus
Arbeitskampf in schwierigem Sektor

»Wir bitten nicht um einen Gefallen«

Seit Kindertagen ausgebeutet, beim Haareschneiden politisiert: Kampf um Rechte der Arbeiterinnen in Privathaushalten in Peru. Ein Gespräch mit Leddy Mozombite
Von Eleonora Roldán Mendívil

Was bedeutet Fenttrahop?

Die Fenttrahop ist ein Verbund von elf Gewerkschaften für Arbeiterinnen und Arbeiter in privaten Haushalten, der wiederum zur Nationalen Konföderation der Arbeiter Perus, der CGTP, gehört. Aktuell sind zwei lokale Gewerkschaften aus Ayacucho und Tacna dabei, sich uns anzuschließen. Wir vertreten 2.800 Arbeiterinnen und Arbeiter, in der großen Mehrzahl Arbeiterinnen, im ganzen Land. Wir diskutieren aber auch die Notwendigkeit, unsere lokale Arbeit in Lima nach Bezirken aufzuteilen, denn die Stadt ist sehr groß, und wir erreichen leider nur sehr wenige Schwestern. Natürlich ist es schon eine große Errungenschaft, überhaupt in unserem Sektor organisiert zu sein. Und langsam werden wir sogar in großen Zeitungen und im Fernsehen erwähnt. Aber das allein reicht nicht.

Was sind Ihre zentralen Themen?

Wir kämpfen für die Organisierung der Arbeiterinnen und Arbeiter in privaten Haushalten und gegen die informelle Beschäftigung. Wir wollen die gleichen Bedingungen und Rechte wie andere Arbeiterinnen und Arbeiter, inklusive Achtstundentag und schriftliche Verträge. Leider ist es in Peru Normalität, dass wir keine Verträge und keine festen Arbeitszeiten haben. Dies ist vor allem problematisch, wenn die Frauen in den Häusern leben, in denen sie arbeiten. Man arbeitet im Grunde rund um die Uhr und muss auch in der Nacht abrufbar sein. Und dabei fangen die meisten, wie ich, schon im Kindesalter an, in anderen Haushalten zu arbeiten. Mädchen, die erst sechs oder sieben Jahre alt sind, werden schon mit Haushaltsaufgaben betraut. Es handelt sich also um unmögliche Arbeitsbedingungen. Oft kommt es zu willkürlichem Lohnentzug und auch zu physischer und sexueller Gewalt. Ohne gewerkschaftliche Organisierung sind wir vereinzelt und vollkommen aufgeschmissen.

Worüber verhandelt Fenttrahop aktuell?

Wir sind Teil einer Dialogrunde des Arbeitsministeriums, des Kongresses der Republik und auch des Ministeriums für Justiz und Menschenrechte über die Arbeit in privaten Haushalten. Sie diskutiert ein neues Gesetz gemäß der Konvention 189. Denn das geltende Gesetz Nr. 27986 zur Regelung der Bedingungen für Arbeiterinnen und Arbeiter in privaten Haushalten ist zwar seit 2003 in Kraft, wird aber kaum umgesetzt. Außerdem fordern wir aktuell, dass eine Arbeitsgruppe geschaffen wird, die die Umsetzung des internationalem Übereinkommens über menschenwürdige Arbeit für Hausangestellte, eben jener Konvention 189 der Internationalen Arbeitsorganisation ILO, in Peru garantiert. Die peruanische Regierung hat letztes Jahr dieses Übereinkommen von 2011 ratifiziert, aber konkrete Ergebnisse lassen auf sich warten. Die Fenttrahop ist Teil der Geschichte dieser internationalen Übereinkunft, da wir 2010 und 2011 in Genf selbst vor Ort waren, um unsere Erfahrungen und Perspektiven als Arbeiterinnen in privaten Haushalten vorzulegen. Die Konvention 189 verpflichtet die jeweiligen Staaten, nationale Gesetze mit entsprechenden Richtlinien zu erarbeiten. Dies ist in Peru noch nicht geschehen. Das aktuelle Gesetz ist diskriminierend.

Inwiefern?

Wir als Arbeiterinnen und Arbeiter in privaten Haushalten haben zum Beispiel nicht wie andere Beschäftigte Anspruch auf 30 Tage Urlaub, sondern nur nur auf 15. Nicht alle Haushalte erkennen unsere vollen Rechte an, wie zum Beispiel den Mindestlohn bei einer Vollzeitstelle von 950 Soles (ca. 288 Euro, jW). Oder auch nicht die Sondervergütung nach Anzahl der Jahre, die man in einem Haushalt, also einem Betrieb sozusagen, beschäftigt ist. Gleiches gilt für Sondervergütungen zu Weihnachten. Wir bitten nicht um einen Gefallen – dies sind unsere Rechte als Arbeiterinnen. Und unser Kampf richtet sich gegen diese Diskriminierung.

Wie bringen Sie diese politischen Forderungen an die Öffentlichkeit?

Aktuell mit einer Kampagne, bei der wir mit großen Kochtöpfen und Schürzen auf die Straße gehen. Wir rufen: »Was kochen wir, Genossinnen? Ein neues Gesetz! Und was sind die Zutaten? Volle Urlaubsrechte, Rentenversicherungen, ein Achtstundentag, Vereinigungsfreiheit, Schutz von Minderjährigen, Zugang zur Justiz, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und schriftliche Verträge!« All dies sind unsere Zutaten. Denn alle kochen. Der Staat kocht, aber hört uns gar nicht an und präsentiert uns unmögliche fertige Gesetze. Warum können wir als Arbeiterinnen nicht selber dieses neue Gesetz gestalten, wenn es doch uns betrifft? Diese Kampagne hat uns auch mehr mediale Aufmerksamkeit gebracht. Zum Beispiel sind wir am 1. Mai mit unseren Töpfen und Schürzen auf der Demo in Lima mitgelaufen und wurden vielfach interviewt. Aber natürlich organisieren wir bis jetzt nur einen sehr kleinen Teil der Arbeiterinnen und Arbeiter in privaten Haushalten. Die Organisierung vieler ist ein weiteres Ziel von uns, da wir nur mit einer hohen Mitgliederquote wirklich Druck aufbauen können. Hierzu verteilen wir Flyer auf Märkten oder bauen zum Beispiel Stände mit kostenloser Friseurin auf: Die Arbeiterinnen kommen sich über die Dienstleistung näher, und wir sprechen dann während des Haareschneidens über unsere gewerkschaftliche Arbeit mit ihnen. Denn viele der Frauen haben große Angst. Die »Arbeitgeber« erzählen ihnen irgendwelche Lügen über uns; so ist es nicht leicht, neue Gewerkschaftsmitglieder zu gewinnen. Aber wir machen weiter mit unserer Arbeit und versuchen die Kolleginnen von der Notwendigkeit der Organisierung zu überzeugen. Wir bauen auf unsere Selbstorganisierung als Arbeiterinnen und auf unsere Macht als Teil der Arbeiterklasse.

Leddy Mozombite ist Generalsekretärin der Federación Nacional de Trabajadoras y Trabajadores del Hogar Perú (Fenttrahop), des Nationalen Verbandes der Hausangestellten Perus.

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