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Aus: Ausgabe vom 01.08.2019, Seite 11 / Feuilleton
Klassik

Beleidigt in Bayreuth

Nachschlag vom grünen Hügel
Von Maximilian Schäffer, Bayreuth
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So hübsch war das Madonna-Cover auch wieder nicht. Travestiekünstler Le Gateau Chocolat

Der britisch-nigerianische Drag-Künstler Le Gateau Chocolat ließ nach seinem Auftritt bei der neuesten Tannhäuser-­Inszenierung in Bayreuth über Facebook verlauten, er fühle sich ungerecht behandelt, gar beleidigt. Man hätte ihn als einzigen Künstler ausgebuht und das wegen seiner sexuellen Identität und Hautfarbe. Dies muss als queere Divenhaftigkeit verbucht werden, denn zum wahren Buhmann des Abends geriet Dirigent Waleri Gergijew. Der Russe vermied es in den letzten Jahren systematisch, sich eindeutig gegen die homophoben Kampagnen des Kremls zu positionieren. Nicht nur während der Aufführung bekam der 66jährige Leiter der Münchner Philharmoniker sein Fett weg, indem seiner reaktionären Gesinnung möglichst viel Buntheit und Popkultur entgegengesetzt wurde. Auch im Anschluss pfiffen und johlten die Festspielbesucher aufgrund der schlampigen Musikarbeit, die den Sängern hörbar Probleme bereitete.

Dass Homosexualität bei den oberen Zehntausend keine große Angelegenheit mehr ist, kann angesichts des Umgangs mit Gesundheitsminister Jens Spahn beobachtet werden. Der CDU-Politiker posierte mit Ehemann Daniel Funke, wurde von den Gaffern beklatscht. In Bayreuth geht es längst nicht mehr um Privatangelegenheiten wie Sexualmoral oder angemessenen Kleidungsstil, die höchstens von der Boulevardpresse spießbürgerlich aufbereitet werden. In Bayreuth geht es um Herrschaftssicherung, und für die ist ein schwuler, neoliberaler Bankkaufmann in der Regierung ganz sicherlich keine Gefahr.

Regisseur Tobias Kratzer erkannte die wahren Fragen zum Thema Privilegienfestspiele und setzte sie in seiner Inszenierung so um, dass die Mächtigen zumindest darüber nachdenken sollten, was es heißt, als Künstler im Prekariat zu leben und dass Feinsinnigkeit meist nicht von Schampus, sondern von Dosenravioli genährt wird. Schließlich saß alles im Publikum, was Institutionen betreibt, Gelder verwaltet und bestimmt, was von gesellschaftlichem Wert ist. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder gab darauf einen uneindeutigen Hinweis, indem er die Richard-Wagner-Festspiele zum »wichtigsten Kulturereignis Bayerns« erklärte. Angela Merkel hielt sich mit Positionierungen zurück, war aber ebenso wie Altkanzler Gerhard Schröder beim Gipfeltreffen der Politprominenz anwesend. Aber mutige Stücke wie Kratzers verpuffen in Bayreuth. Festspielleiterin Katharina Wagner bemüht sich seit jeher, ihrer Familiensaga ein liberales Image zu verpassen – Selbstironie und ein progressiver Anstrich taugen gut zur Augenwischerei.

Doch selbst unter diesen Vorzeichen durfte man Le Gateau Chocolat mit gutem Gewissen ausbuhen. Jemand, der mindestens ein halbes Jahrhundert alte Travestiekonventionen bedient, Madonna trällert und in bunten Fummeln sich selbst spielt, ist zu respektieren, aber nicht per se als künstlerisch wertvoll zu erachten. Zum Glück gibt es nicht einmal für reiche Spießer eine Geschmacksrichtlinie, auch wenn der Protagonist fast alle durch die Queer Theory definierten Benachteiligungskriterien erfüllt.

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