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Aus: Ausgabe vom 31.07.2019, Seite 15 / Antifa
Bündnisarbeit gegen rechts

»Stimmung kippt allmählich«

Ultrarechte »Steeler Jungs« fanden zunächst Sympathien in Essen, werden aber nun vielen zu handgreiflich. Ein Gespräch mit Christian Baumann
Von Markus Bernhardt
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»Wir sind mehr«: Demonstration in Essen nach rassistischen Ausschreitungen in Chemnitz vom Spätsommer 2018

Sie engagieren sich im Bündnis »Essen stellt sich quer!« gegen Neonazis und Rassismus. Seit den vergangenen Monaten haben Sie vor allem mit regelmäßigen Aufmärschen der sogenannten »Steeler Jungs« zu kämpfen. Was ist das für eine Gruppierung, und wie gefährlich ist sie?

Die »Steeler Jungs«, abgekürzt SJ, sind eine Gruppe der rechten Mischszene aus Hooligans, Rassisten und »lupenreinen« Nazis, die seit mehr als einem Jahr wöchentlich mit bis zu 120 Personen durch den Stadtteil Essen-Steele marschiert und sich als Bürgerwehr inszeniert. Im erweiterten Reigen der SJ finden sich aber auch Bürgerinnen und Bürger, die auf den ersten Blick nicht sofort der politischen Rechten zuzuordnen sind.

Haben die »Steeler Jungs« auch Kontakte zu extremen Rechten in den umliegenden Städten?

Sie unterhalten beste Verbindungen zur rechtsradikalen »Bruderschaft Deutschland«, einer Düsseldorfer Bürgerwehr, halten Kontakt zum Spektrum der »Hooligans gegen Salafisten«, kurz Hogesa, vor allem in Mönchengladbach, und haben durch ihren Hooligan-Hintergrund Berührungspunkte mit rechtsradikalen Fußballgruppen bis nach Bremen. Nur durch die guten Verbindungen in die umliegenden Städte ist es ihnen möglich, Donnerstags in so großer Anzahl durch die Stadt zu marschieren.

Wie reagieren Anwohner auf die regelmäßigen Aufmärsche der Rechten?

Anfangs wurden die SJ nicht als Störfaktor gesehen. Erst als es eine handfeste Auseinandersetzung ein einer Kneipe gab, bei der Mitglieder der SJ nur durch ein Großaufgebot der Polizei gestoppt werden konnten, begann sich auch Gegenprotest zu regen. Der wohl größte Lichtblick ist die Gründung des lokalen Bündnisses »Mut machen – Steele bleibt bunt«, in dem sich Teile der Zivilgesellschaft vor Ort zusammengeschlossen haben und Aufklärungsarbeit über die SJ leisten.

Nicht selten werden die Rechten in der Bevölkerung als »unsere Jungs« wahrgenommen, während die Gegenproteste als Störfaktor für Ruhe und Ordnung gelten. Wie stellt sich die Situation in Essen dar?

Leider wie so oft. Statt der SJ stand zunächst das Bürgerbündnis im Fokus der Missgunst. Gleichzeitig gab es Teile der Stadtgesellschaft, die das Treiben der SJ ganz offen begrüßt haben und es auch noch immer tun. Zudem wurde das Erzählmuster bedient, man müsse die SJ nur ignorieren, dann erledige sich das Problem von alleine. Inzwischen, nach weiteren Eskalationen der SJ, kippt die Stimmung aber allmählich und der Ernst der Lage wird erkannt: Weil man die Szene über Jahrzehnte ignoriert hat, konnte die Struktur, wie wir sie heute vorfinden, gedeihen.

Nimmt die Polizei die Aktivitäten der extremen Rechten ernst und handelt entsprechend?

Ja – sagt zumindest die Polizei. Auf den Versammlungen ist aber recht schnell klar, wo das eigentliche Problem verortet wird, nämlich beim monatlichen Gegenprotest. Während die SJ von einigen wenigen Beamtinnen und Beamten in blauen Uniformen begleitet werden, postiert die Polizei Kräfte mit Helmen und Schlagstöcken beim Protest dagegen, zwängt ihn hinter Hamburger Gitter. So ein eingepferchter und stark bewachter Protest erzeugt natürlich Bilder bei Passantinnen und Passanten – »lasst euch lieber nicht mit denen ein, es scheint Gefahr von ihnen auszugehen« – und hält Interessierte fern.

Mit welcher Strategie wollen Sie die extremen Rechten stoppen?

Unsere Devise heißt Aufklärung. Im Gegensatz zu klassischen rechten Demonstrationen verschwinden die Teilnehmenden der SJ nach deren Ende nicht in alle Himmelsrichtungen, sondern sind schon seit Jahrzehnten im Stadtteil wohnhaft. Die bekommt man durch keine einfache Demo weg, da hilft nur soziale Ächtung. Durch unsere allen zugänglichen Recherchen und Veröffentlichungen möchten wir ein Klima schaffen, in dem sich die SJ nicht länger wohl fühlen.

Welche Rolle spielt die angespannte soziale Situation in den Ruhrgebietsstädten bezüglich der Aktivitäten der Rechten?

Die Anhängerinnen und Anhänger der SJ bilden einen Querschnitt quasi aller Schichten. Die soziale Frage spielt eine untergeordnete Rolle. Kernpunkt ihrer Ideologie ist ein vermeintlicher »Kampf der Kulturen«, Abendland gegen Morgenland. Hierzu schüren sie gezielt Angst und stellen sich gleichzeitig als Lösung für dieses Problem dar. In diesem Klima der Verunsicherung und Angst gedeiht Hass und radikalisiert sich quasi zwangsläufig hin zu Gewalt.

Reicht es, wenn Initiativen von Nazigegnern eher moralisch motiviert gegen rechts protestieren und die soziale Frage nahezu vollständig ausklammern?

Viele Menschen leiden unter Perspektivlosigkeit, was ein Grund zur Radikalisierung sein kann. Außerdem sinkt das subjektive Sicherheitsempfinden der Menschen bei anhaltendem Sozialabbau. Wirksame Arbeit gegen rechts ist daher untrennbar mit der sozialen Frage vereint.

Christian Baumann ist einer der Sprecher des antifaschistischen Bündnisses »Essen stellt sich quer!«

essq.de

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