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Aus: Ausgabe vom 31.07.2019, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Weltmarkt

Von Daniel Bratanovic
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In den Wechselkursen spiegelt sich eine Hierarchie unterschiedlicher nationaler Produktivitäten wider

Innerhalb der deutschen Linken, die ein ziemlich desperates Bild abgibt, scheinen sich gegenwärtig zwei Positionen unversöhnlich gegenüberzustehen. Da gibt es die, die eine fortdauernde Bedeutung der Nationalstaaten und deren jeweils spezifischen Unterschiede und Bedingungen (Rechtsformen, Klassenverhältnisse etc.) in Abrede stellt und einem zwar sympathischen, aber letztlich ohnmächtigen Internationalismus das Wort redet. Und dann jene, die sich am liebsten in das enge Gehäuse eines geschlossenen, sozialpolitisch aufgehübschten Handelsstaates verkriechen, und nicht einsehen mag, dass die Welt weder am Rhein noch an der Oder endet. Sofern je besessen, ist hier wie dort die Fähigkeit abhanden gekommen, in Widersprüchen zu denken. Dabei geht es unter der Hand nicht zuletzt um ein unverstandenes ökonomisches Verhältnis: den Weltmarkt.

»Die Tendenz, den Weltmarkt zu schaffen«, schreibt Marx in den »Grundrissen«, »ist unmittelbar im Begriff des Kapitals selbst gegeben. Jede Grenze erscheint als zu überwindende Schranke.« Der Weltmarkt ist danach das »Übergreifen der bürgerlichen Gesellschaft über den Staat«. Damit ist indes schon angedeutet, dass dieser Tendenz einer globalen Vergesellschaftung eine paradoxe historische Form zugrundeliegt: Die Herausbildung des bürgerlichen Nationalstaates als Vervollkommnung des Territorialstaates im 19. Jahrhundert erfolgte bei gleichzeitiger Unterminierung der gestaltenden Bedeutung des Staates. Zwar ist der Weltmarkt das Ergebnis einer rast- und maßlosen Kapitalbewegung, bildet aber andererseits keinen einheitlichen homogenen Raum, sondern ist vielmehr zusammengesetzt aus einer Vielzahl unterschiedlicher Gesellschaften und Staaten, die zueinander in Beziehung treten, abhängig vom und vermittelt durch eben den Weltmarkt, der, anders als das bürgerliche Lexikon nahelegt, mehr ist als die empirische »Gesamtheit aller Märkte, an denen international gehandelte Güter ausgetauscht werden«. In ihm ist die Totalität der Produktionsverhältnisse eingeschlossen.

Der Politikwissenschaftler Thomas Sablowski schreibt: »Die Existenz der verschiedenen Gesellschaftsformationen bzw. Nationalstaaten einerseits und die Bildung des Weltmarktes andererseits implizieren, dass die Gesetze der Kapitalakkumulation gleichsam zweistufig gedacht werden müssen. Der Wert der Ware Arbeitskraft unterscheidet sich etwa von Land zu Land und wird unter anderem durch die ›Kulturstufe eines Landes‹ bestimmt, enthält also ›ein historisches und moralisches Element‹ (Marx). Es gibt demnach keinen globalen Wert der Arbeitskraft, sondern der Wert der Ware Arbeitskraft hängt von der Kapitalakkumulation und den Klassenkämpfen in der jeweiligen Gesellschaft ab.« Dort bilden sich nach Marx die jeweils durchschnittlichen Bedingungen der Produktion und des Austauschs, eine durchschnittliche Arbeitsintensität und Arbeitsproduktivität heraus. Und gemäß dieser durchschnittlichen Produktionsbedingungen tauschen sich die Produkte der jeweiligen Nationen auf dem Weltmarkt aus. Im Verhältnis der Wechselkurse zueinander kommt damit weniger staatliche Gestaltungskraft zum Ausdruck, als sich darin vielmehr die jeweiligen Durchschnittsbedingungen der national eingebundenen Kapitale widerspiegeln. Währungen sind der Ausdruck einer Hierarchie von Produktivitäten.

Die widersprüchliche Einheit zwischen Wirtschaft auf Weltbasis und Politik auf Grundlage des Nationalstaates stiftet wiederkehrende Krisen. Kapitalistische Produktion im Weltmaßstab bedingt einen gleichzeitigen Prozess der Vereinheitlichung wie der Fragmentierung und sorgt für eine ungleiche Entwicklung. »Alle Momente des Kapitalkreislaufs können internationalisiert werden, und sie werden auch internationalisiert« (Sablowski). Dazu gehören nicht zuletzt Produktion und Arbeitsmigration. Aber letztlich reproduziert die Bourgeoisie ihre Herrschaft nach wie vor primär über den Nationalstaat.

Nationalsozialdemokraten und ihre Gegenspieler möchten dieses Widerspruchsverhältnis derweil nicht reflektieren und beharren lieber auf simplen Antworten.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Claudio Coladangelo: Diebe aller Länder ... Realkapitalismus ist die herrschende und radikale Marktideologie, in der jeder jeden nach Gusto bestehlen darf und am Ende jener, welcher am meisten gestohlen und angehäuft hat, zum legitimen Boss und...
  • Emil S., Erfurt: Zur Klärung der Begriffe Unter kapitalistischen Bedingungen nutzen private Unternehmen die unterschiedliche Entwicklung der Nationen gnadenlos aus. Der Begriff Weltmarkt ist bestenfalls dazu geeignet, den Fakt der privaten An...
  • Thomas Mehner, Krefeld: Sumpf des Revisionismus Bitte übermittelt Daniel Bratanovic meinen allergrößten Dank für sein Rotlicht »Weltmarkt«! Auch wenn ich befürchte, dass die Gemeinten, besonders die recht bösartig, aber verdientermaßen so bezeichne...

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