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Aus: Ausgabe vom 30.07.2019, Seite 10 / Feuilleton
Ballett

Allzeit wutbereit

Der Choreograph und Kommunist Johann Kresnik ist tot – Nachfolger seiner radikalen Kunst nicht in Sicht
Von Gisela Sonnenburg
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Kritisches »Theater der Grausamkeit«: Zum Beispiel »Macbeth« (Andressa Miyazato und Pavel Povraznik, Wien 2019)

»Wendewut« heißt ein Stück von Johann Kresnik. Es wurde 1993 im Schauspielhaus Bremen uraufgeführt und beim Theatertreffen in Berlin gezeigt. Der geniale linke Choreograph Kresnik, dessen Stiefvater ein Funktionär in der KPÖ war, nimmt darin eine Erzählung von Günter Gaus zur Vorlage, um der »deutschen Einheit« mit theatralen Mitteln auf den Leib zu rücken. Bis heute wirkt das Stück prophetisch. Am letzten Samstag verstarb Kresnik, durch Herzversagen in Klagenfurt, im selben Bundesland Kärnten, in dem er im Dezember 1939 geboren wurde. Die Welt verlor den stärksten Provokateur, den die Tanzkunst je hatte.

Seinen Werdegang hatte er in Graz am Theater begonnen, zuerst als Statist, dann als Tanzeleve, schließlich als Ballerino. Von der Mutter zu einer handwerklichen Lehre vergattert, schlich sich Kresnik zunächst nebenberuflich in die Kulissen. Und tanzte sich rasch empor. Um der Einberufung zum Militär zu entgehen, übersiedelte der überzeugte Pazifist nach Deutschland.

Als Tänzer wirkte er in Bremen und Köln, auch als Solist, wurde in Bremen Ballettmeister und Choreograph. Sein erstes Stück »O Sela Pei« (1967) widmete er dem Leid psychiatrischer Patienten, einem Thema, das er später mehrfach aufgriff. Sein zweites Stück war bereits explizit politisch: Mit der Infragestellung »Paradies?« kommentierte er das Attentat auf Rudi Dutschke.

Dem Ballett sagte er allerdings ade. Für einen Kresnik galten andere Regeln als die der Klassiker. Auch wenn er seine Tänzer stets klassisch trainieren ließ, war das auf der Bühne kaum zu sehen. Wildheit, Gebrüll, Gezappel, auch auffallende Stille kennzeichnen seinen Stil. Und immer wieder schwillt die Wut darin, mal langsam keimend, dann wieder harsch aufbrausend, eine schier ungezähmte Wut. Kresniks Haltung als Kommunist war dafür entscheidend: Er wollte aufrütteln und aktivieren. Und war allzeit wutbereit.

Chaos und Politik, Sex und Machtmissbrauch, Gewalt und Aufklärung: Dieser Tanzmeister klärte in seinen Stücken auf und ließ auch nackte Körperkünstler, mit Kunstblut überschüttet, auftreten. Das Leben als Totentanz. Nichts für schwache Nerven, aber hervorragend geeignet, um Skandal zu machen.

Von Bremen aus machte Kresnik sich bekannt, wurde Tanzchef an den Stadttheatern in Heidelberg und Bonn, gastierte im In- und Ausland. Schließlich leitete er unter dem legendären Intendanten Frank Castorf das »Choreografische Theater« der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin. Bis sein Ensemble 2002 vom Berliner Senat abgewickelt wurde, vorgeblich aus Spargründen.

Wenn man Kresniks Themenwahl anschaut, muss man befürchten, dass er manchen zu links war: »Rosa Luxemburg – Rote Rosen für dich«, »Ulrike Meinhof«, »Gudrun Ensslin«, auch »Hannelore Kohl«, »Picasso«, »Pasolini«, all diesen Prominenten und Ikonen widmete er deftige abendfüllende Stücke. Die theatralen Codes waren oft derb, aber immer verständlich: als Gesamtkunstwerke.

Bühnenbildner wie der Maler Gottfried Helnwein und Dramaturgen wie der Autor Christoph Klimke waren mit dabei. Häufig Teil der Show: Feuer und Blut, Krankenhausmaterialien, Folteranklänge. Als habe Kresnik den Theoretiker Antonin Artaud wörtlich genommen, um ein »Theater der Grausamkeit« zu entwickeln. Gewaltszenen als Kritik zu inszenieren, ohne in plumpe Actioneffekte abzurutschen, war Kresniks Spezialität.

Die »Wendewut« von 1993 brachte Ungerechtigkeiten auf den Punkt. »SED« und »DDR« waren Stempelaufprägungen auf nackter Haut. Die eigentliche Mauer zwischen Ost- und Westdeutschen blieb sichtlich unüberwindbar. »Alles war gewonnen, alles war verloren, als die Mauer fiel«, hieß im Programmheft. Gespielt wurden Lieder von Franz Schubert, die »Sehnsucht« und »Der Lindenbaum«. Aber beruhigend wirkte die deutsche Romantik im Verbund mit Kresnik niemals.

Berlin hat diesen dionysischen Eulenspiegel nicht genügend gewürdigt. Dennoch kreierte er hier sein letztes Stück: »Die 120 Tage von Sodom« sorgten 2015 am Rosa-Luxemburg-Platz und auch in der jW für Aufsehen. Letzte Anerkennung erlebte Kresnik in Wien vor drei Wochen: Mit der Wiederaufnahme seines »Macbeth« von 1988 wurde das Festival »ImPuls Tanz« eröffnet, und die Stadt Wien verlieh ihm das »Goldene Verdienstzeichen«.

Nur Nachfolger hat Kresniks radikale Kunst bisher nicht. In einem Beitrag für Melodie & Rhythmus verlangte er denn auch vor zwei Jahren: »Die jüngeren Choreographen und Regisseure müssen wieder anfangen, politisch zu denken.« Kresniks Vermächtnis sollte dafür Vorbild sein.

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