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Aus: Ausgabe vom 30.07.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Umbau

Jobberatung im Strukturwandel

Arbeitsagentur gibt Beschäftigten Tips. Konzerne setzen auf Leiharbeit
Von Steffen Stierle
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Werbebroschüren für Aus- und Weiterbildung (Frankfurt, 5.1.2010)

Auf die bevorstehenden Umbrüche in der Industrie will die Bundesagentur für Arbeit (BA) mit verbesserten Beratungsangeboten für die Beschäftigten reagieren. Wer seinen Job behalten wolle, müsse sich fortbilden, sagte BA-Vorstandschef Detlef Scheele gegenüber der Nachrichtenagentur dpa.

Angeboten werden soll daher seitens der BA eine »berufsbegleitende Beratung«, erläuterte Scheel. »Wir haben dafür rund 1,1 Milliarden Euro in den Haushalt eingestellt. Wir entwickeln die Bundesagentur gerade dafür weiter und beginnen damit, die Mitarbeiter für diese Aufgabe zu qualifizieren.« Insbesondere im Zentrum stehen sollen die Veränderungen der Arbeitswelt, die mit der Digitalisierung sowie der Umstellung der Autobranche auf Elektromobilität einhergehen. Doch auch klimapolitische Maßnahmen wie der Kohleausstieg werden zu erheblichen Umbrüchen führen.

Die Gewerkschaften fordern, dass die Beschäftigten in die Umbruchprozesse eingebunden werden. So demonstrierten etwa Ende Juni 50.000 IG-Metall-Mitglieder in Berlin für einen »fairen Wandel«. Die Teilnehmer erwarten, »dass der digitale und ökologische Wandel den Beschäftigten Chancen auf gute Arbeit gibt. Die Transformation muss sozial, ökologisch und demokratisch gestaltet werden«, sagte Jörg Hofmann, der Vorsitzende der Metall-Gewerkschaft, auf der Kundgebung. Er forderte ein »Transformationskurzarbeitergeld«, damit Entlassungen vermieden werden können.

Offensichtlich ist aber auch, dass viele Konzerne die Umbrüche nutzen wollen, um sich gut organisierter Arbeiter zu entledigen und verstärkt auf Leiharbeit zu setzen. So verkündete etwa VW im März, wegen der Umstellung auf Elektromobilität 7.000 Stellen streichen zu wollen – ein Angriff auf die bestehende »Beschäftigungsgarantie«. Opel baut derzeit an allen deutschen Werken Arbeitsplätze ab – und schließt die entstehenden Lücken durch den verstärkten Einsatz von Leiharbeitern.

In diese Richtung lobbyieren die Wirtschaftsverbände schon lange: »Die Digitalisierung wird auch kurzfristigere Schwankungen der Auftragslage bedeuten. Beschäftigung wird deshalb stärker als bisher den Anforderungen schwankender Auftragslagen folgen müssen. Ein Mittel, dies zu ermöglichen, ist eine flexible Arbeitszeit. Ein anderes Mittel ist die Unterstützung von Zeitarbeit und befristeter Beschäftigung«, propagiert etwa der »Bund der Arbeitgeber« in einem Positionspapier vom Mai 2015.

Zahlreiche Betriebsräte beklagen derweil laut einer Umfrage des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institutes (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung vom Februar 2018 die fehlende Bereitschaft der Unternehmen, die Beschäftigten durch Qualifizierungsangebote auf die Umbrüche vorzubereiten. 69 Prozent der Befragten sahen hier den größten Handlungsbedarf.

Insofern können verstärkte, zielgerichtete Beratungsangebote, wie sie die BA nun vorbreitet, für die Beschäftigten ein sinnvoller Beitrag zur Gestaltung der wirtschaftlichen Umbrüche sein. Doch damit sie greifen, braucht es die entsprechenden Weiterbildungsangebote. Freiwillig werden die Industriekonzerne diese in der Regel nicht bereitstellen. Die Verkleinerung der Kernbelegschaften und der verstärkte Einsatz prekärer Beschäftigungsformen wie Leiharbeit versprechen höhere Renditen.

Doch der Staat hat einen großen Hebel in der Hand. Schließlich fließen in den nächsten Jahren Milliardensummen zur Förderung des Strukturwandels in den Industriesektor. Daran müssen Auflagen gekoppelt werden – etwa die Vorlage glaubwürdiger Qualifizierungspläne und verbindliche Beschäftigungsgarantien für die Belegschaften.

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