Gegründet 1947 Sa. / So., 19. / 20. Oktober 2019, Nr. 243
Die junge Welt wird von 2216 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 01.08.2019, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Phrasenschwein im Visier

Gerd Conradts Dokfilm »Face it! – Das Gesicht im Zeitalter des Digitalismus«
Von André Weikard
Face It . Dorothee Baer insert 02.jpg
Humor in Zeiten der Digitalisierung: Staatsministerin Dorothee Bär (CSU)

Am Berliner Bahnhof Südkreuz stehen Kameras. 77 Stück. Das ist eine Menge, heutzutage aber nichts Ungewöhnliches. Wir haben uns daran gewöhnt, permanent überwacht zu werden. Im Kaufhaus, auf dem Bahngleis, auf öffentlichen Plätzen. Mit dreien dieser Kameras am Südkreuz gehen die Polizeibehörden aber einen Schritt weiter: Sie setzen eine Gesichtserkennung ein. Und das interessierte dann auch Gerd Conradt. Der routinierte Dokfilmer machte sich daran, dem Thema intellektuell auf den Grund zu gehen. In seinem filmischen Essay »Face it!« befragt er Datenschützer, Künstler, Aktivisten, die gegen die digitale Überwachung protestieren, also Menschen, die etwas zu sagen haben – und Dorothee Bär.

Das geradezu drollige Interview mit der Staatsministerin für Digitalisierung wirkt wie das humoristische Einsprengsel in einer sonst durchaus ernst gemeinten philosophisch-ethischen Erörterung. Wenn Conradt in Alexander-Kluge-Manier endlos lange, thesenüberfrachtete Fragen ausformuliert hat, blickt das Phrasenschwein Bär einmal grinsend in die Selfie-Kamera und stößt dann eine Politikerplattitüde von der Qualität aus, man müsse in der Sache »mit offenem Herzen und kühlem Kopf entscheiden«, oder man habe »ja schon immer, wenn man was zu verbergen hatte, versucht, sein Gesicht zu verhüllen«. Das Bepunkten von regelkonformem und sozial erwünschtem Verhalten in China findet die CSU-Frau dann auch »legitim«. Sie habe gehört, dass manche Menschen dort es sehr schätzen, wenn sie sich »Punkte verdienen können«.

Interessanter wird es, wenn der Künstler Padeluun, der auch mit Aktionen am Südkreuz auf die Kameraüberwachung aufmerksam machte und dem Verein Digitalcourage vorsitzt, die aufgerüsteten Kameras als Waffen beschreibt, die permanent auf Unschuldige gerichtet seien.

Oder wenn der Coder von Gesichtserkennungssoftware, Holger Kunzmann, darüber spricht, wie schwierig es ist, ein Gesicht in Einsen und Nullen abzubilden und am Ende womöglich sogar per Software Emotionen zu deuten. Ist das Tränchen wirklich Ausdruck von Trauer oder war das Gebläse auf der Rolltreppe schuld daran? Daneben erinnert die Kulturwissenschaftlerin Sigrid Weigel daran, welche Rolle das Maskieren einst im griechischen Theater spielte, oder Aktionskünstler Julius von Bismarck beschreibt, welche Proteste er damit auslöste, einen übergroßen Smiley mit wechselndem Gesichtsausdruck in der Öffentlichkeit zu installieren.

»Face it« ist ein recht wild zusammengerührtes Potpourri von Überlegungen, Fragestellungen, Kommentaren und Assoziationen, argumentativ miteinander verwoben wird hier kaum etwas. Spekulationen darüber, ob ein Mensch, der an einem Bahnhof steht und per Smartphone Daten versendet, schon ein Reisender ist, bevor er in den Zug einsteigt, verlieren alsbald in wilder Gedankenakrobatik gänzlich die Bodenhaftung. Was hängen bleibt nach 80 Minuten Kino über den »Digitalismus«, wie Conradt das Phänomen selbst nennt, sind Denkanstöße – und einige eindrückliche Bilder. Etwa das von einem Blinden, der gegen Ende der Dokumentation einen Abguss der Nofretete abtastet und das vermeintlich »schönste Gesicht der Welt« »ziemlich breit« findet. Eine Kamera, ausdauernd auf zehn Finger gehalten, die zaghaft ein unbelebtes Gesicht ertasten – ein treffenderer Kontrapunkt zum aufgeregten Überwachungsdiskurs lässt sich kaum setzen.

»Face it! – Das Gesicht im Zeitalter des Digitalismus«, Regie: Gerd Conradt, Deutschland 2019, 80 Min., bereits angelaufen

Ähnliche:

Mehr aus: Feuilleton