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Aus: Ausgabe vom 27.07.2019, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Utopie und Realismus

Auf der Spurensuche zwischen Literatur und Gesellschaft heute
Von Mesut Bayraktar
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Ich bin kein Utopist, weiß aber seit der »Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«, dass reale Zukunftsperspektiven in utopischen Ursprungsphänomenen ihren Anfang haben. Ursprung ist dabei eine historische Kategorie und hat nichts mit Entstehung zu tun. »Im Ursprung wird kein Werden des Entsprungenen, vielmehr dem Werden und Vergehen Entspringendes gemeint. Der Ursprung steht im Fluss des Werdens als Strudel und reißt in seine Rhythmik das Entstehungsmaterial hinein. Im nackten offenkundigen Bestand des Faktischen gibt das Ursprüngliche sich niemals zu erkennen, und einzig einer Doppeleinsicht steht seine Rhythmik offen«, schreibt Walter Benjamin im »Ursprung des deutschen Trauerspiels«. Dem Begriff des Ursprungs wohnt also eine Dialektik inne, die Vor- und Nachgeschichte eines tatsächlichen Befundes umgreift.

Was die Utopie betrifft, wird oftmals ihre Begriffsgeschichte übersehen. Aus dem Altgriechischen stammend, bezieht sich Utopie auf einen »Nicht-Ort«; aus der Negation »oú«, »nicht«, und der räumlichen Konnotation »Tópos«, »Ort«. Insofern fordert der »Nicht-Ort« von sich aus eine Verortung. Allerdings hatten die alten Griechen keine Vorstellung von einem qualitativen Fortschritt. Im Altgriechischen gibt es den Begriff »Fortschritt« nicht. So wurde der Nicht-Ort in die Ethik als Lehre vom glücklichen und tugendhaften Leben verlagert. Die Vorstellung eines qualitativen Umschlags – und damit der Begriff des Fortschritts – begann erst mit dem monotheistischen Zeitalter zu keimen, als die Theologie den Übergang vom Diesseits ins Jenseits jahrhundertelang dogmatisch zu konstruieren versuchte. Der Nicht-Ort wurde nunmehr theologisch verortet, gewann jedoch einen qualitativen Aspekt. Mit der Philosophie der Neuzeit und der Säkularisierung aller Lebensbereiche durch die Wissenschaften wurde allmählich der Begriff des Fortschritts ausgearbeitet, der uns bekannt ist. Dabei fasste Thomas Morus den antiken Begriff der Utopie in seinem Roman »Utopia« (1516) sozialtheoretisch, sodass der Nicht-Ort politisch und säkular gesellschaftlich konzipiert werden konnte. Endlich wurde mit der idealistischen Dialektik Hegels der Fortschritt systematisiert und geschichtlich in einer Entwicklungsperspektive verortet, mithin auch der Nicht-Ort als ideeller Noch-Nicht-Ort im Gang der Vervollkommnung des absoluten Geistes verstanden. Am 14. Juli 1789 wird dieser Fortschrittsbegriff realgeschichtlich wirkmächtig, weil alles sein Dasein vor dem Richterstuhl der Vernunft rechtfertigen oder aufs Dasein verzichten sollte. Der Begriff der Utopie wird um den Aspekt einer Vernünftigkeit ergänzt, bleibt jedoch ideell. Erst die materialistische Dialektik von Marx stellt den Begriff des Fortschritts und den der Utopie vom Kopf auf die Füße. Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts, spätestens am 18. März 1871 durch die Pariser Kommune, entkleidet der Fortschrittsbegriff sich gemäß seines historischen Gehaltes: Veränderung hin zu einem realen Noch-Nicht-Ort auf der Grundlage der Vernunft, die sich im Klassenkampf der Unterdrückten entfaltet, bewährt und realisiert. Der Begriff der Utopie streift den idealistischen Rest seiner Form ab und wird real, konkret, materiell.

Vor diesem Hintergrund möchte ich folgende Überlegungen zur Literatur anstellen, die sich zwar nicht als utopisch verstehen, sich allerdings als unverbindliche Thesen eines utopischen Realismus bezeichnen ließen. Sie sind der Spurensuche zwischen Literatur und Gesellschaft heute entsprungen.

I. In der Literatur scheint der Sprung vom Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit vor. Dieser Sprung kann glücken, kann missglücken, kann Schwierigkeiten bereiten – er wird unter Umständen bewusst verhindert, gerade heute. Es gibt unendlich viele Wege, diesen Sprung zu schildern, weil es unendlich viele Inhalte gibt, die damit verstrickt sind. Alle ernstzunehmende Literatur befasste und befasst sich im Großen wie im Kleinen wesentlich mit diesem Sprung. Versachlicht, bezeichnet man ihn als »Fallhöhe«. Heute ist bei einer revolutionären Schilderung des Sprungs, in dem nicht nur vorscheint, was ist, sondern dass das Sein ein Gewordenes und Werdendes ist, vor allem zu berücksichtigen, dass die historische Situation gegenwärtig nicht revolutionär ist.

II. Die Kunst kann vieles. Sie kann belügen. In der Kunst zu zeigen, dass sie das kann, etwa mittels einer doppelten Perspektivität, lässt den ideologischen Charakter der Kunst zutage treten. Damit wendet sie sich ab von ihrer affirmativen Funktion, mit der die Kulturindustrie sie korrumpiert. So öffnet sich die Perspektive für eine Kunst, die sich für die Realität und materielle Herrschaftszusammenhänge interessiert. Sie wird dialektisch. Hier findet sie den Raum und das Material, wo und womit sie beweisen kann, was sie noch kann. Zum Beispiel zu zeigen, was sich von selbst nicht zu zeigen vermag: Angst, Leid, Schmerz, Demut, Scham, Schwäche, Erschöpfung, in die Klassengewalt arbeitende Körper versetzt. Solange die Klassengewalt unsichtbar bleibt, ist sie unbekämpfbar. Darauf zielt die Kulturindustrie: auf das Vergessen der Wunden, die die Klassengewalt schlägt. Kommt die Klassengewalt zur Sprache, kann man sich gegen sie aussprechen. Dann beginnen die Zweifel an der Verzweiflung.

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In der Literatur scheint der Sprung vom Reich der Notwendigkeit ins Reich der Freiheit vor.

III. Literatur ist sprachgebend, wenn notwendig sprachschaffend. Die Geburtsstunde der Sprache ist poetisch. Die Poesie hat die Urlaute und Urgesten im Selbsterzeugungsprozess des Menschen in Inhalte überführt. Sie arbeitet an der Produktion von Ausdrucksmitteln. Wenn die Philosophie die Arbeit des Begriffs ist, so ist die Literatur die Arbeit des Ausdrucks. Der Ausdruck ist dem Begriff vorgeschaltet. Er ist ein eigener Modus der Erkenntnis von Welt. Darin besteht die Macht und das Alleinstellungsmerkmal von Literatur. Damit provoziert sie die Vagheit des Begriffs, den sich die analytische Philosophie als unbedingte Eindeutigkeit wünscht, weswegen sie ihn zu einem in sich geschlossenen Apriori fetischisiert. Literatur ist bewusste Entzweiung. Mit ihr strömt Erfahrung in den Begriff. Sie sucht den sinnlichen Moment des Mannigfaltigen in der Kippe zur Vereinheitlichung des Begriffs, ohne dabei zu straucheln. Ihre Einheit ist sinnlich, daher die produktive Flüssigmachung fix gewordener und erstarrter Begriffe. So muss sie jene zur Sprache kommen lassen, die in der Gewalt der Sprachlosigkeit gefangengehalten werden. Damit verneint sie nicht nur das Bestehende, sondern weist mit jenen über es hinaus, die in der Verneinung des Bestehenden etwas zu gewinnen haben.

IV. In den unteren Klassen, in denen ich aufgewachsen bin, habe ich oft beobachtet, dass ein unglaublich großes Ausdrucksbedürfnis vorliegt. Doch fehlen die Mittel, dieses Bedürfnis zum Ausdruck zu bringen. Die bürgerliche Hochkultur usurpiert die Ausdrucksmittel ebenso, wie die bürgerliche Ökonomie es mit den Produktionsmitteln im kapitalistischen Verwertungsprozess tut. Das verleitet Schriftsteller zu der Illusion – insbesondere unter dem Banner der Postmoderne –, die Sprache aufzugeben und zu behaupten, wir seien in einer Sprachohnmacht gefangen, die den Ausdruck von Wirklichkeit unmöglich mache. Solche Schriftsteller geben auch das Denken und den Menschen auf. Sie lassen Literatur zu einer selbstreferenziellen Schaufensterware verkümmern, die ihre Bedeutung im Tauschwert sucht und ihre Geschichte entweder ignoriert oder leugnet. Solche Literatur ist das, was man im Arbeitskampf »Streikbrecher« nennt.

V. Realistische Literatur geht vom Bekannten aus, eben weil es nicht erkannt ist. Was Realismus sucht, ist soziale Wahrheit, und deren Sinnlichkeit drückt nur die Kunst aus – soviel Scham liegt ihr zugrunde. Literatur muss in die Wirklichkeit eindringen und erkennen, dass Vergangenheit nie vergangen ist, um die ungeschriebene Regieanweisung, die die Verhältnisse bewegt, aufschreiben zu können, damit die Bewegung der Verhältnisse antastbar wird. So vermag sie Klassenbilder zu produzieren, in denen sich die Geschlagenen und Besiegten als Klasse erfahren. Es gibt nicht die Klasse – jeder einzelne, der Geschlagene, der Besiegte, der Ausgebeutete, ist die Klasse. Literatur muss die Alge­bra der Dialektik des Klassenkampfs ausschreiben und heute vom Klassenkampf der Bürgerlichen gegen die Beherrschten ausgehen. Klassengewalt wird dann erfahren als Betroffenheit am eigenen Körper, was sie faktisch ist. Damit ermöglicht Literatur den Schritt hin zur Formulierung einer neuen Regieanweisung. Realität und Wirklichkeit sind nicht dasselbe. Verdichtete Realität macht Wirklichkeit erfahrbar.

VI. Mich interessiert nicht der Charakter eines Menschen. Mich interessieren die Charaktermasken, die der Mensch als Träger seiner Verhältnisse zu tragen gezwungen oder zu tragen bereit ist. Die Charaktermasken sind abschaffbar oder erhaltbar. Man ist als Mensch geboren, aber man wird es nicht. Das ist Gegenstand eingreifender Literatur, die Fragestellungen formuliert, welche zur Veränderung zwingen, weil die Fragen zu Stellungnahmen auffordern. Daher müssen Antworten auf ästhetische Fragen, Probleme und Erscheinungen im Gesellschaftlichen gesucht werden. Ästhetischer Genuss ist Erkennen von Natur aus nicht Erkennbarem, weil es von sich aus nicht seine Erscheinung zu produzieren vermag und deswegen im ästhetischen Schein produziert werden muss – in der Kunst. So entwickelt Literatur den Geschmack an Menschlichkeit. Deswegen ist ihre zentrale Kategorie Schönheit.

VII. Die Ausweglosigkeit des Bestehenden in das Bestehen von Auswegen überführen – das ist Poesie. Elemente einer realen Utopie von der Freiheit des Menschen gibt es. Ihre Momente werden im Schoß der Gesellschaft produziert, aber ihre Entfaltung zugleich verhindert. Literatur muss das Fangnetz sein, das die Elemente von einer realen Utopie aus dem Sumpf der Klassengesellschaft zieht und vor dem Scheitern bewahrt. Solche Elemente sind trotz aller Resignation und Ermüdung, trotz aller Gebrochenheit und allem Vergessen im engsten Kreis der arbeitenden Klassen zu finden: beim gemeinsamen Essen, beim gemeinsamen Lernen, beim gemeinsamen Arbeiten, beim gemeinsamen Kämpfen und vor allem beim gemeinsamen Verlieren. Auch eine Liebesgeschichte kann solche Elemente zum Vorschein bringen. Die zusammenfassende Einheit dieser Formen heißt: Solidarität. Es gibt ein richtiges Leben im falschen, nämlich im Kampf gegen das falsche Leben. Da­raus quellt die Ästhetik des Widerstands in der Geschichte. Literatur, die reale Utopien sucht, verfolgt die Spuren der Solidarität, die durch Wälder und Täler, durch Wüsten und Meere, durch Städte und Dörfer, durch Fabriken, Schulen und Universitäten verlaufen, um die Möglichkeit einer freien Assoziation freier Menschen im Hier und Jetzt finden zu können.

Mesut Bayraktar, Jahrgang 1990, ist Schriftsteller. Er studierte Rechtswissenschaften und Philosophie, ­parallel gründete er 2013 mit anderen Nous. Zeitschrift für Neue Literatur, deren Redakteur er ist. Für die Taz schreibt er den Blog »Stil-Bruch«. 2018 erschienen das Theaterstück »Die Belagerten« und der Roman »Briefe aus Istanbul« (Dialog-Edition). Er ist Stipendiat der Kunststiftung Baden-Württemberg und sprach am 8. Juni 2019 auf der ­Melodie-&-Rhythmus-Künstlerkonferenz.

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