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Aus: Ausgabe vom 27.07.2019, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Eckkneipensterben

»Nicht so penibel und clean«

Mit dem »Eisbein-Eck« in Berlin-Friedrichshain ist ein Stück sozialer Kneipenkultur weggebrochen. Erinnerungen an vergangene Zeiten
Von Guido Borgers
»Eisbein-Eck« by night. Der Barkeeper des »Eisbein-Ecks« Rainer
»Dunkel und versteckt, so anheimelnd«
»Das Schönste aber war der Zusammenhalt«, erinnert sich Heidi

Als ich das »Eisbein-Eck« zum ersten Mal betrat, tat sich eine meiner entgegengesetzte Welt auf. Damals war ich bereits seit einigen Jahren in Berlin, zugezogen aus dem hintersten Westdeutschland und ein noch junger Vegetarier, der das Trinken in Gesellschaft wieder für sich entdeckt hatte.

Die Stammgäste der Kneipe waren älter, fast ausschließlich aus dem Osten und in der Regel geübte Trinker, die natürlich Eisbein liebten. Im Gastraum war es schummrig, und auch am Tag benötigte man beim Fotografieren längere Belichtungszeiten. Es herrschte eine schnörkellos rustikale Atmosphäre, auf den karierten Tischdecken die Flecken der Vergangenheit. Der rauhe Charme gehörte ebenso zur Gemütlichkeit wie die vergilbten Tapeten. Wir wurden nur langsam miteinander warm, doch dann kam ich immer wieder.

Seit 1907 soll es das »Eisbein-Eck« gegeben haben. Gegenüber von Berlins großem Zentralvieh- und Schlachthof gelegen, war es viele Jahre lang der bevorzugte Treff der Arbeiter. Nach der Wende wurden die Kombinate zuerst privatisiert und bereits 1991 endgültig abgewickelt. Die Arbeit brach weg, die Kneipe blieb.

Wolfgang, der Wirt, übernahm dann vor fast 25 Jahren. Seine Heidi begann zunächst als Tresenkraft und kam erst später, als beider Ehen geschieden waren, mit ihm zusammen. Die beiden hatten sie alle um sich geschart: Hotte und Klaus, genannt Locke, der noch im Schlachthof gearbeitet hatte. Marco, der gerne zockte, und seine Gina, Jürgen, genannt Ente, der immer am Tresen wegnickte, und Uwe von den Möbelpackern, den ich nur von hinten fotografieren durfte. Es gab die Altherrengruppe vom Radsporttraditionsverein »BRC Semper« und die Line-Dance-Gruppe, die sich auf den Country- und Westernabend vorbereitete. Später kamen die Fanklubs der Berliner Eisbären und vom BFC Dynamo dazu.

Zehn Jahre später sitze ich mit Heidi vor dem Café Sibylle auf der Karl-Marx-Allee. An ihrem freien Tag reist sie aus Ahrensfelde an und löffelt aus dem großen Becher, in dem das Eis schneller schmilzt, als sie mit dem Reden nachkommt. Ihre Geschichten sind voller Erinnerungen an ein Leben in dauerhafter Gesellschaft, in dem das Jahr einzig in Fasching und Geburtstage, Hochzeiten, Jubiläen sowie Weihnachtsfeiern unterteilt war. Sie erzählt von ihrem 50. Geburtstag oder vom legendären Konzert von Butch Meier, wo die Leute bis draußen standen. Der soll hungrig mit seiner Band zufällig auf dem Weg nach Leipzig vorbeigekommen sein und habe direkt einen Gig vereinbart.

Den Leuten habe gefallen, dass es nicht so »penibel und clean« war. »Ich will nicht sagen dreckig, aber dunkel und versteckt, so anheimelnd. Naja, es war ja ein bisschen dunkel bei uns durch die Einrichtung, ein wenig da ’ne Ecke und da ’ne Ecke ... . Das Schönste war aber der Zusammenhalt«, sagt Heidi, denn als Wolfgang krank war, haben die Stammgäste alle zugepackt. »Knipen« hieß im Mittelhochdeutschen »enges Zusammensein«, und so hat man es hier auch gehalten.

»Scheiß Erinnerung war, dass der Umsatz immer weniger wurde. Wir haben ja manchmal von zu Hause Geld mitbringen müssen, um die Miete zu zahlen.« So drückt Heidi das aus. »Klar sterben die Kneipen aus, die Häuser werden alle privat, und die können die Miete nicht mehr zahlen. Die Älteren sterben weg und die Jüngeren übernehmen nicht mehr.«

Auch ohne Wolfgangs Tod hätte das Kneipensterben vor dem »Eisbein-Eck« nicht haltgemacht. Sinkender Bierkonsum in Zeiten von Selbstoptimierung und Gesundheitswahn, der Reallohnverlust gerade in den unteren Schichten und das veränderte Sozialverhalten der Jüngeren tragen dazu bei. Im Internet schrieb Tina E.: »Eine Renovierung wäre dringend ratsam«. Frankie N. hielt dagegen: »Leave the hipsters behind and check out the reals«.

Zur Trauerfeier für Wolfgang Klös, den verstorbenen Wirt, hatte das »Eisbein-Eck« am 29. Januar zum letzten Mal seine Pforten geöffnet. Damit reiht es sich ein in die lange Liste der verschwundenen Eckkneipen, die die Stadt einst prägten.

Guido Borgers lebt als freischaffender Fotograf in Berlin. Einblick in seine Arbeit auf guidoborgers.de

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