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Aus: Ausgabe vom 27.07.2019, Seite 15 / Geschichte
Geschichte Ungarns

Weißer Terror, rote Ohnmacht

Gewaltfreier Rücktritt: Vor hundert Jahren fiel die ungarische Räterepublik. Wenige Tage später errichtet Horthy sein Terrorregime
Von Christian Stappenbeck
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Das Ende der Räterepublik. Rumänische Truppen besetzen am 4. August 1919 Budapest

In Budapest werden alte Denkmäler gestürzt, neue errichtet. Die Statue des einstigen Reformkommunisten Imre Nagy, des Märtyrers der 1956er Gegenrevolution, nahe am Parlament, wollten Ungarns Regierende nicht länger dulden. Ende des vorigen Jahres abgebaut, soll an seiner Stelle ein gigantisches Monument aus der Horthy-Zeit aufgestellt werden. »Den Blutzeugen der Nation 1918–1919« ist das gewidmet und nennt die 497 Namen von Opfern aus der Zeit der bürgerlich-demokratischen (der ersten) und der folgenden Räterepublik. Schon vor seiner Enthüllung 1934 wurde gefragt, warum die zahlreichen Opfer des Weißen Terrors ausgespart blieben. »Solche kennen wir nicht«, war die Antwort aus der Kameradschaft vom »Weißen Haus«, die das Denkmal einst initiierte.

Kurzes Interregnum

Die Tage der »Kommün«, so wurde die ungarische Rätemacht kurz genannt, waren Ende Juli 1919 gezählt. Zur Freude des städtischen Bürgertums, in dessen Wohnungen bis dahin zwangsweise Obdachlose einquartiert waren. Zum Leidwesen ihrer vielen Aktivisten und der begünstigten Armen. Auf dem Lande hofften die Bauern auf das Ende der Beschlagnahme ihrer Nahrungsmittel. Die Rote Armee war in Auflösung begriffen, denn die Rumänen hatten gesiegt. Gerüchte besagten, dass nun bald Züge voller Lebensmittel aus dem Ausland eintreffen könnten, wenn … Der Revolutionäre Regierungsrat mit Bela Kun beschloss den Rücktritt und übergab die Geschäfte an eine sozialdemokratische »Gewerkschaftsregierung«. Aus Kuns Abschiedsrede am 1. August sind die Worte überliefert: »Kalt und ruhig muss ich feststellen: Die Diktatur des Proletariats ist gestürzt.«

Der Bürgerkrieg war durch den gewaltfreien Rücktritt vermieden worden. Der auf Budapest vorrückenden königlich-rumänischen Armee (im Verbund mit serbischen und französischen Truppen) wurde kein Widerstand entgegengesetzt.

Am 3. August 1919, einem Sonntag, war das plakative Rot aus den Budapester Straßen schon weitgehend verschwunden. Am Pressehaus auf dem Josef-Ring wurde gerade die großformatige Leinwand »Proletarier der Welt, vereinigt euch!« abmontiert. Statt alter Losungen prangten an den Häuserwänden neue Bekanntmachungen, von den teils ängstlich, teils erwartungsvoll schauenden sonntäglichen Passanten eilig gelesen. Eine davon war unterzeichnet vom unverändert amtierenden Stadtkommandanten: »An alle! Hiermit verordne ich bis auf weiteres das strengste Standrecht. Jeder Ruhestörer, Plünderer sowie Befehlsverweigerer wird auf der Stelle erschossen. (…) Beurlaubte Rotarmisten und Angehörige der Roten Garde haben sich unverzüglich in ihre Kasernen zu begeben. Budapest, 1. August 1919. gez. Haubrich, Bevollmächtigter Diktator für die Stadt Budapest«.

Man befand sich in einer ungewissen Zwischenphase. Außerhalb der Hauptstadt existierten vielerorts noch die Einrichtungen der Rätemacht, im Vorort Szentendre verhafteten und erschossen Rotgardisten einen vermeintlichen Deserteur. Doch in Budapest formierten sich in Ministerien und Ämtern die alten Beamten. Man begann mit der Neubildung der Polizei, mit der Entwaffnung der Roten Garde und der Arbeitermilizen vom Betriebsschutz. Verhaftungen von Kommunisten und Verdächtigen häuften sich.

Die Gewerkschaften, so wie sie einst eine Schlüsselrolle bei der Mobilisierung für die Räteherrschaft gespielt hatten, waren jetzt der Garant für das Stillhalten ihrer Mitglieder; denn die Arbeiter in den Großbetrieben von Csepel und Kispest waren vor allem eines: gewerkschaftstreu. Der Stadtkommandant Jozsef Haubrich, auch in der vorherigen Regierung Volkskommissar für Handel sowie Heeresminister, gehörte dem neu gebildeten Kabinett an. Er war Gewerkschafter und Sozialdemokrat. 133 Tage lang hatte er die Politik der Rätemacht mitgetragen. Im April, nach den großangelegten Angriffen der Feindmächte, hatte er in kurzer Zeit einige zehntausend Arbeiter aus den Betrieben mobilisiert und eine Rote Armee mit erschaffen, deren Divisionen und vier Arbeiterbataillone militärische Erfolge errangen. Zugleich waren grundstürzende Maßnahmen eingeleitet worden: Verstaatlichung von Banken, Großbetrieben und Latifundien, Auflösung der verhassten Gendarmerie, die Einführung des Achtstundentags und Erhöhung der Reallöhne, kostenlose Gesundheitsfürsorge, Versorgung der Kriegsopfer, Reformen im Kultur- und Bildungsbereich. Vier Fünftel der Grundschulen, die bisher der Kirchenaufsicht unterstanden, waren nationalisiert worden. Diese und weitere Verordnungen der Räteherrschaft annullierte die Gewerkschaftsregierung aber schon mit ihren ersten Dekreten in vorauseilendem Gehorsam.

Das Kabinett Peidl entsprach klar den Forderungen der Siegermächte (der Entente) – und einer Entscheidung des Budapester Arbeiterrates, der als Voraussetzung für einen Friedensvertrag genau diese Forderungen anzunehmen wünschte. Im Kern besagten sie: Eine neue diktatorische Regierung sei zu bilden, die den Bolschewismus und seine Propaganda liquidieren werde, der Entente-Rat sei zur »Unterstützung der neuen Regierung« heranzuziehen.

Horthys Horden

Dieser sozialdemokratischen Regierung blieben nur fünf Tage. Nicht durch Außendruck, sondern durch einen inneren Staatsstreich. Seit längerem wirkte im Lande der konspirative Kameradschaftsverein »Weißes Haus«, erzkonservativ, königstreu und antisemitisch. Ihm galt das Prädikat konterrevolutionär als ehrenvoll. Sein Ziel, die Rätemacht zu stürzen, hatte sich dank der Entente zwar erübrigt, doch man plante den Putsch gegen das Nachfolgekabinett, bevor sich dieses lahme, noch halbrote Gebilde als Partner der Entente etablieren und festigen konnte. Der rumänische Kommandant hatte den Plan nicht befürwortet, aber geduldet. Mittels eines gut gesponnenen Netzwerks und einiger Dutzend Bewaffneter gelang es am 6. August, die Mitglieder der Regierung Peidl zu verhaften (»auf Befehl des Erzherzogs Josef«) und unter Führung des Fabrikanten Istvan Friedrich die Schlüsselministerien in die Hand zu bekommen.

Die »Aufräumarbeit«, von der Gewerkschaftsregierung mit Haubrich begonnen, wurde unter dem Schild der rumänischen Besatzer beschleunigt. Dass die alten Verhältnisse restauriert würden, ließen die neuen Machthaber auf jede Weise spüren: durch Schikanen, durch Verhaftungen, durch mörderische Sonderkommandos. Mit dem Einmarsch des Admirals Miklos Horthy hatten Erzherzog Josef und das Kabinett Friedrich ausgedient. Das Ende der Räterepublik mit dem darauf folgenden Terrorregime war in erster Linie für Ungarns Arbeiterschaft und der unteren Schichten ein sozialer Rückfall, darüber hinaus dann ein böses Vorzeichen künftiger autoritär-faschistischer Entwicklungen in Europa, von Italien bis Finnland. Dass die Horthy-Herrschaft aber schließlich 1941–1944 in die Katastrophe für alle Klassen Ungarns münden sollte, das ahnten die Unterstützer des staatsstreichartigen Umbruchs im Spätsommer 1919 nicht.

Ganz verschiedene Wurzeln: roter und weißer Terror

Die roten Einheiten attackierten nicht nur weniger unpolitische Zivilisten, sie töteten ihre Opfer auch auf weniger brutale Weise. (…) Die weißen Milizen, auf der anderen Seite, folterten ihre Opfer regelmäßig zu Tode. Die Weißen waren die versierteren Folterer und Mörder. (…) Darüber hinaus war der Rote Terror ein Kampf zwischen armen städtischen Konsumenten (Arbeitern) und ländlichen Produzenten (Bäuerinnen und Bauern). Der Weiße Terror hingegen ging über gewöhnliche Verbrechen und politische Gewalt weit hinaus. Die große Mehrheit seiner Verbrechen (…) hatte nichts mit Rache zu tun. Die Mehrheit der Opfer des Weißen Terrors war nicht in die Verbrechen der roten Paramilitärs involviert (…). Der Rote Terror diente als willkommene Entschuldigung für ethnische und religiöse Gewalt, und die Juden wurden zu perfekten Sündenböcken für nationale und individuelle Tragödien gemacht. Der Rote und der Weiße Terror hatten also ganz verschiedene Wurzeln. (…) Der Weiße Terror – in Form der Disziplinierung der Unterschichten, Bestrafung ihrer Anführer und Ausraubung der Jüdinnen und Juden – hätte auch ohne den Roten Terror stattgefunden.

Aus: Béla Bodó: Actio und Reactio. Roter und Weißer Terror in Ungarn 1919–1921, in: Die ungarische Räterepublik 1919, hrsg. von Christian Koller und Matthias Marschik, Wien 2018, S. 80/81

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