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Aus: Ausgabe vom 27.07.2019, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Gegen das Gesetz

Emilio Estevez’ Drama »Ein ganz gewöhnlicher Held«
Von Felix Bartels
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Keine Frage nach dem Wie: Stuart (Emilio Estevez, r.) hat die richtigen Prioritäten

Im Mittelpunkt von »Ein ganz gewöhnlicher Held« steht ein Mann, der eine zweite Chance erhalten hat. Die Rede ist von Stuart Goodson, der eine Zeit lang obdachlos war und heute in einer öffentlichen Bibliothek arbeitet. Die Rede könnte auch sein von Emilio Estevez, der Stuart Goodson erdacht hat und ihn selbst spielt. Er, der im Kino nach frühen Erfolgen lange nicht mehr vorkam, kehrt jetzt zurück, beinah als Wiedergänger seines Vaters Martin Sheen, dem er nicht bloß ähnlicher sieht denn je, sondern dessen Würde und Ernsthaftigkeit in sein Spiel eingegangen scheint. Estevez verkörpert die sanfte Unerbittlichkeit Stuarts so gut, dass der Realismus der Handlung an keinem Punkt Schaden nimmt.

Dieses kleine ästhetische Wunder scheint zugleich der wunde Punkt. Das Drama trifft die richtigen Töne im richtigen Tempo und ist am Ende vielleicht zu vernarrt in seine Hauptfigur. An der Inszenierung liegt das nicht; sie sabotiert anschwellendes Pathos, wo sie nur kann, und zeigt sich der Erzählung angemessen. In ihr wiederum erkennt man ein formidables Gerüst, sie taugt als Charakterplot ebenso wie als Milieustudie oder als politisches Lehrstück. Ort des Geschehens ist eine öffentliche Bibliothek in Cincinnati, die, ohnehin Anlaufstelle für Menschen ohne Wohnung, zur letzten Zuflucht während einer drückenden Kältefront wird. Eine größere Gruppe Obdachloser besetzt die Bibliothek, um die kalten Tage und Nächte zu überleben. Der Bibliotheksangestellte Stuart gerät ohne Absicht in die Aktion und schließt sich der Gruppe an, während seine Kollegin Myra (Jena Malone) zwar sympathisiert, das Gebäude aber bald verlässt. Auf der anderen Seite formieren sich der im Wahlkampf befindliche Staatsanwalt Josh Davis (Christian Slater) und der Unterhändler Bill Ramstead (Alec Baldwin). Davis gelingt es, die Besetzung in den Medien als Geiselnahme durch Stuart darzustellen. Stuart muss nicht bloß einen politischen Kampf für die Obdachlosen führen, sondern auch einen Informationskrieg. Dabei steht die Logik der Einrichtung gegen die Lage des Gesetzes: Es ist verboten, Gebäude zu besetzen, aber die Bibliothek ist eine öffentliche Einrichtung für das Volk. Sie in dieser Situation zur Notunterkunft zu machen, ist genaugenommen ein Fortschreiben ihres Zwecks. Besonders dann, wenn andere Institutionen nicht helfen.

Elegant wird der Konflikt zwischen Besetzern und Staatsgewalt aufgelöst. Die letzte Sequenz packt große Symbolik, dramaturgische Stringenz und widerborstige Komik in ein paar Bilder, die man so leicht nicht aus dem Kopf bekommt. Einen wortlos grandiosen Auftritt in der Mitte des Films hat Jeffrey Wright, der Stuarts Vorgesetzten Anderson spielt. Unangenehm authentisch ist auch das Verhalten Myras, die Stuart am Morgen noch politische Inkonsequenz vorwirft, dann aber, als es darauf ankommt, umfällt. Immerhin arbeitet sie ihm von außen zu.

Allerdings doppelt sich dann ihre dramaturgische Funktion mit der von Angela (Taylor Schilling), die als Stuarts Hausverwalterin und »Love Interest« seltsam zwischen den Sphären der Handlung hängt. Mäßig entwickelt ist auch das Gegenspiel, insofern der Staatsanwalt in seiner karrieristischen Skrupellosigkeit zu platt und der Unterhändler der Polizei in seiner sozialen Desillusioniertheit zu stereotyp ist. Die Gruppe der Obdachlosen bleibt gleichfalls bloß eine Ansammlung von Stock charakters: Wir haben den Verrückten, das wandelnde Lexikon, den Charmeur, den wortgewandten Anführer – so dass man meint, im »König der Fischer« gelandet zu sein. Ähnlich solchen Stereotypen wie dem Manic Pixie Dream Girl oder dem weisen Nichtweißen ist der gebildete Vagabund kaum mehr als der Versuch, bürgerlich-schlechtes Gewissen zu beruhigen. Er unterstellt durch Idealisierung der unterdrückten Gruppe, dass das Erfordernis, sie zu retten, darin begründet liegt, dass sie einen Wert hat. Er unterläuft die Einsicht, dass Mitmenschlichkeit nicht an Wertzuschreibung gebunden ist, ganz einfach, weil es keinen Menschen gibt, auf den es nicht ankommt.

Diese Einsicht übrigens enthält der Film trotz seiner Stereotype. Als Ramstead Stuart fragt, ob diese Leute seiner Hilfe überhaupt wert seien, antwortet der, indem er ihm nicht antwortet. Und damit breitet der Film, in dem sich vieles miteinander verflicht – die Unerbittlichkeit des Kapitalismus, das Ablassbedürfnis des bürgerlichen Bewusstseins, die Rolle der öffentlichen Information in demokratischen Prozessen, das Verhältnis von Wahrheit und Presse – ein überzeitliches Thema aus: die Kollision von gesetzlicher und humaner Notwendigkeit. In einer Situation des Überlebens (und das ist bei Erfrierenden im Winter Ohios nicht anders als bei Ertrinkenden im Mittelmeer) darf es keine Frage nach dem Wie geben. Man lässt Menschen nicht sterben, gleich welche Gesetze man bei der Hilfeleistung brechen muss. Stuart folgt den Worten John Steinbecks, die er zu Beginn noch leicht spöttisch zitiert hatte: »Überall dort, wo Menschen dafür kämpfen, dass alle zu essen haben, werde ich sein.« Aus dieser Idee vor allem zieht das Drama seine Kraft und Schönheit.

»Ein ganz gewöhnlicher Held«, Regie: Emilio Estevez, USA 2019, 119 Min., bereits angelaufen

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