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Aus: Ausgabe vom 27.07.2019, Seite 5 / Inland
Unternehmernahe Forschung

Tarifkonflikte werden energischer geführt

Studie: Härtere Auseinandersetzungen im Vergleich zum Vorjahr. Forderungen werden dennoch verfehlt
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Die Kampfbereitschaft der Beschäftigten schlägt sich noch nicht in besseren Tarifabschlüssen nieder

Um Arbeitsbedingungen und Gehälter wird im laufenden Jahr härter gerungen als zuvor. Die Tarifverhandlungen werden deutlich häufiger von Streikdrohungen, Verhandlungsabbrüchen oder Warnstreiks begleitet, wie eine aktuelle Studie des unternehmernahen Instituts der Wirtschaft (IW) zeigt. Die Autoren haben bei 19 Tarifverhandlungen bis Ende Juni die verschiedenen Konfliktschritte in einem Punktesystem bewertet und eine deutliche Steigerung im Vergleich zum Vorjahreszeitraum festgestellt. Demnach fielen im ersten Halbjahr 2018 im Durchschnitt je Verhandlung 6,7 Punkte an, im ersten Halbjahr 2019 waren es 10,8 Punkte.

Am heftigsten ging es demnach in der Druckindustrie und im Bankgewerbe zu, während für die papiererzeugende Industrie, die ostdeutsche Textilindustrie und die Deutsche Post weitgehend geräuschlos neue Abkommen geschlossen wurden. Die Entgeltforderungen lagen zwischen fünf und 6,5 Prozent jeweils bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. Hinzu kamen häufig Forderungen nach neuen Arbeitszeitmodellen. Die Abschlüsse umfassten hingegen meistens deutlich längere Zeiträume von bis zu drei Jahren mit stufenweisen Lohnerhöhungen.

In der Eisen- und Stahlindustrie setzte die IG Metall ein zusätzliches Urlaubsgeld von 1.000 Euro durch, welches die Beschäftigten in maximal fünf freie Tage umwandeln können. In den Verhandlungen für die Beschäftigten der ostdeutschen Textilindustrie erreichte die Metall- und Elektrogewerkschaft, dass die Arbeitszeit bis 2027 stufenweise von derzeit 40 auf 37 Stunden reduziert wird. Bei den Ärzten an den kommunalen Kliniken setzte der Marburger Bund eine »exaktere Erfassung der geleisteten Arbeitsstunden und zwei arbeits- und bereitschaftsfreie Wochenenden pro Monat« durch.

Im öffentlichen Dienst und im Einzelhandel konnte Verdi »überdurchschnittliche Anhebungen« bei den unteren Lohngruppen bzw. den Azubigehältern durchsetzen. Die Laufzeit beträgt im öffentlichen Dienst allerdings 33 Monate, in denen sich die Entgelte dreimal auf 7,8 Prozent erhöhen (zweimal 3,2 und einmal 1,4 Prozent). Die Klinikärzte erhalten für denselben Zeitraum insgesamt 6,5 Prozent mehr. In der Druckindustrie wurden sogar 36 Monate Laufzeit beschlossen. Dort steigen die Löhne ebenfalls in drei Stufen um insgesamt 5,4 Prozent. Im Bankgewerbe einigten sich die Tarifparteien auf zwei Erhöhungen von jeweils zwei Prozent bei einer Laufzeit von 29 Monaten. Kürzere Laufzeiten gab es mit 18 Monaten in der papiererzeugenden Industrie – die Löhne steigen in diesem Zeitraum einmalig um drei Prozent – und vor allem beim Kabinenpersonal von Eurowings. Dort wurde im Rahmen der Verhandlungen über den Manteltarifvertrag zwischen Verdi und dem Unternehmen auch vereinbart, für die bei Verdi organisierten Flugbegleiter eine Lohnerhöhung von 2 Prozent für neun Monate zu übernehmen, die zuvor bereits die Flugbegleiterorganisation UFO ausgehandelt hatte.

Für das zweite Halbjahr erwarten die Autoren eher ruhigere Verhandlungen in der chemischen Industrie oder zur Anpassung des Branchenmindestlohns am Bau. In der chemischen Industrie sind selbst bloße Drohungen mit Streik selten. (dpa/jW)

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Bernd Kevesligeti: Welches Land ist gemeint? In welchem Land spielt denn dieser Artikel? Die Bundesrepublik gehört nach wie vor zu den Ländern in Europa, wo am wenigsten gestreikt wird. Sechs Tage im Jahr auf 1.000 Beschäftigte. In den Niederlan...