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Aus: Ausgabe vom 27.07.2019, Seite 5 / Inland
Berufseinsteiger

Ausgebeutete Auszubildende

Große regionale und branchenabhängige Unterschiede bei Vergütung. Viele Lehrbetriebe ohne Tarifbindung
Von Steffen Stierle
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Auszubildender prüft Anschlüsse an Batteriespeicher (Schwerin, 15.8.2018)

Ab 2020 soll laut Bundesregierung für Auszubildende eine Mindestvergütung von monatlich 515 Euro gelten. Die in Tarifverträgen vereinbarten Azubi-Gehälter liegen meist schon heute deutlich darüber, wie eine Untersuchung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zeigt. Die regionalen und branchenabhängigen Unterschiede sind allerdings groß.

So reicht die Spannbreite der untersuchten Ausbildungsvergütungen »von 325 Euro im Friseurhandwerk in Brandenburg im 1. Ausbildungsjahr bis zu 1.580 Euro im westdeutschen Bauhauptgewerbe im 4. Ausbildungsjahr«, teilte das WSI am Freitag mit. Für die enorme Spreizung ist beides relevant – Region und Branche.

Die regionalen Unterschiede führt das Institut, das zum Beginn des Ausbildungsjahres 2019 die Daten aus zwanzig Tarifbranchen ausgewertet hat, darauf zurück, dass bundeseinheitliche Vergütungsregelungen nur in Ausnahmefällen bestehen, etwa bei Banken und Versicherungen oder im öffentlichen Dienst. Die anderen Bereiche weisen beachtliche regionale Unterschiede auf, wobei vor allem ein West-Ost-, teilweise aber auch ein Süd-Nord-Gefälle festzustellen sei. Die größte Differenz gibt es demnach im Kfz-Handwerk, wo der baden-württembergische Azubi im 3. Lehrjahr 984 Euro pro Monat bekommt – und damit 294 Euro mehr als sein Kollege in Brandenburg.

Um die Unterschiede zwischen den Branchen zu veranschaulichen, bildeten die WSI-Wissenschaftler vier Gruppen. In der Topgruppe, zu der beispielsweise das Banken- und Versicherungsgewerbe, die Chemieindustrie sowie die Deutsche Bahn AG gehören, kann man bereits im 1. Lehrjahr zwischen 900 und 1.000 Euro monatlich einnehmen. In der Metall- und Elektroindustrie sind sogar 1.037 Euro drin, zumindest wenn die Ausbildung in Baden-Württemberg stattfindet. In der untersten Gruppe erhalten die Lehrlinge im 1. Jahr weniger als 600 Euro. Dazu zählen etwa Bäcker, Friseure und Floristen, zumindest in Ostdeutschland.

Nicht abgebildet ist in diesen Zahlen laut dem Leiter des WSI-Tarifarchivs, Thorsten Schulten, ein weiteres Problem. Es gebe nämlich viele »nicht-tarifgebundene Unternehmen, die mitunter ihre Auszubildenden immer noch deutlich schlechter bezahlen«. Gegenüber jW betonte er daher die Wichtigkeit der Mindestvergütung. Allerdings müsste diese höher ausfallen, als von der Bundesregierung geplant. So habe die DGB-Jugend als Zielgröße 80 Prozent der durchschnittlichen, tariflich geregelten Ausbildungsvergütung vorgeschlagen. Dies wären bezogen auf die Daten von 2018 monatlich 635 Euro.

Weiter kritisierte Schulten Überlegungen innerhalb der Bundesregierung, die neuen Regelungen ausschließlich dort greifen zu lassen, wo kein Tarifvertrag besteht. Schließlich gebe es auch tariflich vereinbarte Ausbildungsvergütungen, die deutlich unterhalb der angepeilten 515 Euro liegen.

Für den Kovorsitzenden der Linkspartei, Bernd Riexinger, zeigen die WSI-Zahlen deweil, dass die Tarifbindung »ein sicherer Garant für eine faire Ausbildungsvergütung« ist. Zudem erklärte er am Freitag, dass Unternehmen, die nicht ausbilden, stärker in die Pflicht genommen werden müssen. Diese sollten sich »mit einer solidarischen Umlagefinanzierung an den Ausbildungskosten beteiligen«. Es sei ein Gebot des Anstands, Auszubildenden faire Löhne zu zahlen und gute Arbeitsbedingungen zu bieten.

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