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Aus: Ausgabe vom 27.07.2019, Seite 2 / Inland
Sozialstaat

Jeder zweite Rentner ist arm

9,4 Millionen Menschen betroffen. Linkspartei fordert höhere Löhne
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Von Geldbergen im Rentenalter können die meisten nur träumen. Eher bedeutet es den Rutsch in die Armut (Symbolbild)

Jede zweite gesetzliche Rente beträgt weniger als 900 Euro. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linkspartei-Abgeordneten Sabine Zimmermann hervor. Demnach erhielten im vergangenen Jahr 51,4 Prozent der Altersrentner weniger als 900 Euro – das sind rund 9,4 Millionen Menschen. 58,6 Prozent der Rentner bekamen weniger als 1.000 Euro.

Die Daten beziehen sich auf die Auszahlbeträge, also die Höhe der Überweisungen nach Abzug von Sozialversicherungsbeiträgen und vor Abzug von Steuern. »Die Mehrheit der Rentnerinnen und Rentner erhält gesetzliche Renten unterhalb der Armutsschwelle«, erklärte Zimmermann. Viele kämen nur deshalb über die Runden, weil sie sich gezwungenermaßen etwas hinzuverdienten. »Im Alter noch schuften zu müssen ist auch eine Form von Armut«, kritisierte die Linken-Politikerin.

Zimmermann nannte als »Wurzel des Übels die niedrigen Löhne in Deutschland, vor allem im unteren Lohnbereich«. Das gesetzliche Rentenniveau müsse wieder auf 53 Prozent steigen, forderte sie. Zimmermann bekräftigte die Forderungen ihrer Partei nach einer Aufwertung kleiner Rentenansprüche aus Niedriglöhnen, nach einer solidarischen Mindestrente von 1.050 Euro und einem »altersarmutsfesten Mindestlohn«.

Die Gewerkschaft IG Metall sieht in den neuen Zahlen ebenfalls einen Beleg für einen »grundlegenden Reformbedarf in der gesetzlichen Rente«. Das Rentenniveau müsse wieder angehoben werden, verlangte auch IG-Metall-Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. »Vor allem Frauen, die aufgrund von unterbrochenen Erwerbsbiographien zu geringe Renten erwarten, müssen vor Armut geschützt werden«, sagte Urban weiter. Um die Rentenversicherung dabei auf eine solide Grundlage zu stellen, drängte er zudem auf eine stärkere Steuerfinanzierung gesellschaftlicher Aufgaben »und schnelle Schritte in eine Erwerbstätigenversicherung, in der alle Erwerbstätigen versichert sind«.

Die Bundesregierung verweist in ihrer Antwort auf die Linken-Anfrage darauf, »dass allein aus der Höhe einer Altersrente in der gesetzlichen Rentenversicherung grundsätzlich nicht auf Bedürftigkeit in der Grundsicherung im Alter geschlossen werden kann«, da mögliche zusätzliche Einkommensquellen und die konkrete Haushaltssituation nicht berücksichtigt seien. (AFP/jW)

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • E. Rasmus: Lebensfeindliches System Aus der Höhe einer Altersrente allein kann nicht auf Bedürftigkeit geschlossen werden? Das ist Zynismus in Potenz. Meine Frau erhält nun nach der Rentenerhöhung 380 Euro, sie ist also von mir finanzie...
  • Istvan Hidy: Ohne Alternative Durch die Geldflut der EZB und durch die immer mehr in Erscheinung tretenden und wirksamen Negativzinsen führt kein Weg an den umlagefinanzierten staatlichen Rentensystemen vorbei....

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