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Aus: Ausgabe vom 26.07.2019, Seite 15 / Feminismus
Zukunft gegen Mittelalter

Bedrohter Fortschritt

Ostsyrien: Frauenrat startet Kampagne gegen Kinderehen. Dschihadisten könnten sich reorganisieren
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Der Frauenrat will konservative Mütter dazu bringen, ihre Vorstellungen von Ehe und Familie zu hinterfragen

Der Frauenrat im ostsyrischen Deir Al-Zor hat am vergangenen Sonnabend eine Kampagne gegen Kinderehen gestartet. Nach einem Bericht der kurdischen Nachrichtenagentur ANF fanden deshalb in mehreren Orten der Region Frauenversammlungen statt. Vertreterinnen des Rats klärten dort über psychische und körperliche Schäden auf, die durch Verheiratung von Mädchen im Kindesalter entstehen. Kinderehen sind zwar in den selbstverwalteten Gebieten Nord- und Ostsyriens klar verboten – allerdings stößt diese Regel noch nicht bei allen Bevölkerungsteilen und Geistlichen auf Einsicht. Das wirke sich auf die gesamte Gesellschaft negativ aus, betonte Nesrin Al-Ali vom Frauenrat in Deir Al-Zor laut ANF.

Das Verbot von Kinder- und Mehrfachehen ist Teil der Frauengesetzgebung der Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien. Das Gesetzespaket wurde in dem 2012 ausgerufenen Selbstverwaltungsgebiet Rojava vom »Gesetzgebenden Rat der Demokratischen Autonomie« im Jahr 2014 beschlossen. Es umfasst noch wesentlich mehr – zum Beispiel mit Frauen und Männern besetzte Doppelspitzen in politischen Gremien, was auch umgesetzt wird. In der Einleitung der »grundlegenden Prinzipien und allgemeinen Anordnungen bezüglich der Situation und Rechte von Frauen« wird als Ziel formuliert »dass sich Frauen auf allen Ebenen weiterentwickeln, ein schönes Leben verwirklichen, sich und ihre legitimen Rechte gegen jegliche Form von Unterdrückung und Gewalt verteidigen können«. Die syrisch-kurdischen Frauenverteidigungskräfte (YPJ) hatten sich damals durch ihre Beteiligung am Kampf gegen die Terrormiliz »Islamischer Staat« (IS) international einen Namen gemacht. Während die Inhaftierung der Dschihadisten die Sicherheitskräfte der an ihre Grenzen bringt, setzt der Frauenrat in Deir Al-Zor bei Konflikten zwischen Tradition und neuer Gesetzgebung zum Teil auf Schlichtungsverfahren. Ein dafür eingesetztes Gerechtigkeitskomitee hat im Jahr 2018 laut ANF in 450 von 600 Verfahren eine Lösung erreicht. Nur dann, wenn das nicht möglich ist, wird das Verfahren der Staatsanwaltschaft übergeben.

Während in der Region nach erfolgreichem Anti-IS-Kampf der Wiederaufbau läuft und der gesellschaftliche Wandel im Gang ist, warnen Vertreter der Selbstverwaltung vor einer Reorganisierung der Terrormiliz, die von der türkischen Regierung unterstützt werde. Nach der Niederlage des IS haben die Drohungen der Türkei gegenüber Nord- und Ostsyrien zugenommen. Im Fall eines türkischen Militärangriffs könne auch die Kontrolle über die gefangenen IS-Dschihadisten schwer werden, warnte laut ANF-Bericht vom Dienstag der Kovorsitzende des Komitees für innere Angelegenheiten in Nord- und Ostsyrien, Ali Haco. Das wiederum könne Sicherheit und Stabilität weltweit beeinträchtigen. (ANF/jW)

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