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Aus: Ausgabe vom 26.07.2019, Seite 1 / Titel
»Armutsgefährdungsquote«

Neues aus dem Armenhaus

Statistisches Bundesamt: Elendssockel bleibt stabil. Forscher spricht von »zerrissenem« Land
Von Nico Popp
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Besonders häufig arm: Alleinerziehende Mutter mit Kind

In den Ordner mit den Mitteilungen über das statistisch messbare Elend in der Bundesrepublik können ein paar weitere Seiten geheftet werden. Am Donnerstag wartete das Statistische Bundesamt auf der Grundlage der Zahlen des Mikrozensus mit Neuigkeiten zum Thema »Armutsgefährdungsquote« auf. Und es zeigt sich: Die Menge der Menschen, die staatlich anerkannt in Armut leben, hat sich seit dem Übergang von Gerhard Schröder zu Angela Merkel 2005 nicht wesentlich verändert. Hier ließe sich lernen, dass das Elend, das die Warenwirtschaft jeden Tag produziert, unabhängig von der Figur zustande kommt, die gerade an der Spitze der Regierung steht. Immerhin hat Merkel die »Normalisierung« der Zahlen nicht behindert: Seit 2005 nähern sich die Armutsquoten West- und Ostdeutschlands an. Im letzten Jahr des Agendakanzlers Schröder waren in Westdeutschland 13,2 Prozent der Bevölkerung »armutsgefährdet«, 2018 waren es 15 Prozent. Im Osten (mit Berlin) waren 2005 20,4 Prozent »gefährdet«, neuerdings sind es 17,5 Prozent.

Spitzenreiter in der Armutsstatistik ist nun ein westdeutsches Bundesland: In Bremen waren 2018 22,7 Prozent der Bevölkerung »gefährdet«. Am geringsten war das Risiko in Bayern, dort leben 11,7 Prozent der Bevölkerung mehr oder weniger von der Hand in den Mund. Hinter Bremen folgten 2018 Mecklenburg-Vorpommern mit 20,9 Prozent, Sachsen-Anhalt mit 19,5 Prozent und Berlin mit 18,2 Prozent. Vor allem im Westen stiegen die Werte in einigen Bundesländern an, so in Nordrhein-Westfalen, wo die »Gefährdungsquote« nun bei 18,1 Prozent liegt (2005: 14,4 Prozent).

Das höchste Risiko, in Armut zu fallen, tragen überall Alleinerziehende und ihre Kinder. 40,4 Prozent von ihnen im Westen und 44,5 Prozent im Osten waren 2018 armutsgefährdet. Regional gibt es große Unterschiede: Während in Berlin 34,1 Prozent der Alleinerziehenden gefährdet waren, waren es in Mecklenburg-Vorpommern 56,1 Prozent. Bei den Städten verzeichnete Duisburg mit 27,4 Prozent die höchste Armutsgefährdungsquote, gefolgt von Dortmund (23,9), Leipzig (22,0) sowie Bremen und Essen (jeweils 21,6).

Der Armutsforscher Christoph Butterwegge forderte die Bundesregierung angesichts dieser Zahlen zum Handeln auf. Das Land sei »zerrissen«, sagte der Kölner Politikwissenschaftler gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Es gebe auf der einen Seite prosperierende Gebiete im Süden und Südwesten des Landes und auf der anderen Seite Regionen, die abgehängt werden. »Das sind die Sorgenkinder, man könnte auch sagen, die Armenhäuser der Republik«, sagte Butterwegge. Das eigentliche Problem zeichne sich in den Städten ab, die sich »immer mehr in Luxusquartiere und Elendsquartiere aufteilen«. Diese »Zerrissenheit« widerspreche dem »Grundgesetzauftrag« im Artikel 72: die Herstellung der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse.

Der Kovorsitzende der Linkspartei, Bernd Riexinger, sprach am Donnerstag von »politischem Versagen auf ganzer Linie«. Angesichts der hohen »Armutsgefährdungsquote« in den ostdeutschen Ländern seien die »Versprechen von blühenden Landschaften und gleichwertigen Lebensverhältnissen« nicht mehr »als ein schlechter Witz«. Armut könne und müsse bekämpft werden. Aber dazu bedürfe es der Einführung eines flächendeckenden Mindestlohns von 13 Euro und einer Anhebung des Rentenniveaus auf 53 Prozent. Zur aktiven Bekämpfung von Armut gehöre auch die Einführung eines »Mietendeckels« sowie ein verstärkter Sozialwohnungsbau.

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