Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 24.07.2019, Seite 6 / Ausland
Schiffstagebuch

Italien in Alarmbereitschaft

Tag 14 (15. Juli): Zwischenstopp in Lampedusa. Besatzungswechsel, Einkäufe und Wein
Von Valerio Nicolosi, TPI
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Ein Zwischenstopp aus technischen Gründen, der die Öffentlichkeit Italiens in Alarmbereitschaft versetzt. Kaum näherte sich die »Open Arms« Lampedusa, begannen viele Journalisten und Politiker anzurufen und uns zu schreiben oder, wenn sie keinen direkten Kontakt hatten, zu rätseln. In einer Fernsehsendung wurde sogar von einem unerlaubten Einlaufen gesprochen, obwohl wir bereits zwei Tage zuvor die Befugnis für den Stopp auf der Insel erhalten hatten. Gerade lange genug, um einen Teil der Besatzung auszuwechseln, Einkäufe zu erledigen und wieder abzulegen. Weniger als 48 Stunden, um ein Glas Wein zu trinken und eine Pizza zu essen, bevor es wieder auf Patrouillenfahrt ging.

Ich hatte noch Zeit, den Friedhof der Boote zu besuchen und Vertreter der »Mediterranean Hope« zu treffen, die Organisation, die von der Föderation der Evangelischen Kirchen in Italien geleitet wird und die seit Jahren auf der Insel aktiv ist. Wir sprechen über die sogenannten spontanen Landungen und darüber, wie Lampedusa im Fokus der Aufmerksamkeit stand, erst wegen der »Sea Watch« und dann wegen der »Mediterranea«. Für diese kleine Insel ist es nicht leicht, mit all dieser Aufmerksamkeit umzugehen. Hier lebt man von Fischfang und von Tourismus, auch wenn in den letzten Jahren selbst im Winter viele Militärs da waren, die dauerhaft Häuser mieteten.

Da hier jetzt in der Hochsaison die Lokale voll sind, treffen wir uns mit den neuen Freiwilligen in einer Bar, die nicht im Zentrum liegt und wo wir alle einen Sitzplatz finden. Wir sind sehr viele und nutzen die Gelegenheit, uns zu unterhalten und ein Bier zu trinken. Es ist ein Moment der Entspannung, wir begrüßen und umarmen einander. Diejenigen, die uns verlassen, sind traurig, aber auch die, die bleiben, sind bedrückt, weil sie mit den Gehenden vieles geteilt haben, sowohl in der operativen Phase als auch im Alltag. Es waren 15 Tage, in denen man Seite an Seite Gefühle, Mahlzeiten, Nachtwachen und Reinigungsdienste geteilt hat und in denen Freundschaften besiegelt wurden.

Die Neuankömmlinge sehen sich um und versuchen herauszufinden, wer geht und wer bleibt, mit wem sie die folgenden Tage zusammen sein werden. Das Bier wird ausgetrunken, und dann gibt es wieder Umarmungen und Abschiedsworte.

An der Mole sind wir noch einmal alle zusammen, aber jetzt müssen wir uns trennen. Der Motor der »Open Arms« läuft bereits warm, damit wir aufbrechen können. Richtung Süden, in Richtung der SAR-Zone (Search and Rescue, Suche und Rettung).

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Im Maschinenraum der »Open Arms«

Ich gehe den Chef der Maschinisten begrüßen. Ciscu ist ein Katalane. Er wirkt kantig, hat aber ein sehr großes Herz. Er befindet sich in seinem »Königreich«, zwischen den Motoren, die das 35 Meter lange Schiff antreiben. In den letzten Tagen hat er mir von anderen Einsätzen erzählt, an denen er teilgenommen hat, von den Rettungsaktionen und von den Tagen, die er mit den Migranten auf See verbracht hat. Obwohl er es mehr mit Motorenöl als mit Salzwasser zu tun hat, ist Ciscu ein echter Seebär. Er ist in dieser Umgebung aufgewachsen und sagt gern, er sei »auf alte Motoren« spezialisiert, solche, die Probleme verursachen, wenn sie nicht gut gewartet werden, die dich aber auf lange Sicht niemals im Stich lassen.

»Jemanden im Meer zurückzulassen ist ein Verbrechen«, sagte er mir eines Abends. Er ist kein Freiwilliger, er kommt nicht aus der Welt der Menschenrechtler, und er hat nicht den Ehrgeiz, die Welt zu retten. Er verrichtet seine Arbeit gut, aber er vergisst nicht, dass er ein Mensch ist. »Der größte Feind ist das Meer«, sagt er oft, denn wie alle Seeleute liebt, fürchtet und respektiert er es.

Er hat zu tun, und ich lasse ihn mit seinen Pferdestärken und seinem Öl in Ruhe arbeiten. Auch wenn es schon spät abends ist, beginnen wir gleich mit den operativen Sitzungen. Die SAR-Zone ist ganz in der Nähe, es kann sein, dass wir in den nächsten Stunden eingreifen müssen, und wir haben viele neue Freiwillige an Bord.

Am Morgen machen wir da weiter, wo wir nachts aufgehört haben. Dieser Einsatz wird, zumindest für mich, lange dauern. Nach 15 Tagen an Bord und 36 Stunden an Land ist die Aussicht auf weitere 15 Tage auf See geistig ermüdend. Man sehnt sich nach einem Einzelzimmer, nach einer Dusche, die sich nicht bewegt, und nach anderen Kleinigkeiten, nicht zuletzt nach ein wenig Privatsphäre. Aber das, was wir hier machen, ist wichtiger als diese Dinge.

Übersetzung: Christiane Barckhausen-Canale

Unser Autor berichtet von Bord der »Open Arms«, die im Mittelmeer unterwegs ist, um Menschen zu retten. Seine Beiträge für das italienische Portal The Post International übernehmen wir mit freundlicher Genehmigung des Autors

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