Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 23.07.2019, Seite 10 / Feuilleton
Dichtkunst

Reflexion der Wirklichkeit

Roberto Fernández Retamar gestorben
Von Volker Hermsdorf
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»Unsere Kultur in Zweifel zu ziehen bedeutet, unsere eigene Existenz anzuzweifeln« – Roberto Fernández Retamar

Die Völker Lateinamerikas und der Karibik sollten sich trotz ihrer »unabänderlichen kolonialen Lage« der eigenen Wurzeln und Kultur bewusst sein, forderte der kubanische Intellektuelle Roberto Fernández Retamar zeitlebens. Der 1930 geborene Journalist, Dichter und Essayist promovierte bereits mit 24 Jahren als Doktor der Literatur und der Philosophie an der Universität Havanna. Nach Aufenthalten in Paris und London kehrte er 1958 nach Kuba zurück und schloss sich dem Kampf gegen den Diktator Fulgencio Batista an. Später betätigte Retamar sich unter anderem als Professor, war Diplomat und Politiker, Abgeordneter der Nationalversammlung und – als Präsident des Kulturinstituts »Casa de las Américas« – auch Mitglied des Staatsrats der Republik Kuba.

Die vielfältigen literarischen Aktivitäten des Schriftstellers konzentrierten sich auf die Darstellung und Reflexion der Wirklichkeit und der Interessen der lateinamerikanischen und karibischen Völker in ihrer Auseinandersetzung mit dem europäischen Kolonialismus und dem US-amerikanischen Imperialismus. Seine Analyse setzt bei dem Jahrhunderte währenden Zustand an, als die Welt in »Menschen« und »Eingeborene« eingeteilt wurde. »Die ersteren verfügten über das Wort, die anderen entliehen es«, beschrieb Jean-Paul Sartre die kulturelle Unterwerfung.

Retamar setzte sich für die vollständige Emanzipation vom europäischen Einfluss ein und forderte die Rückeroberung kultureller Identität aus kolonialer Degradierung und imperialer Unterdrückung. »Unsere Kultur in Zweifel zu ziehen, bedeutet unsere eigene Existenz anzuzweifeln«, schrieb er 1971 bei der Präsentation seines auch in deutscher Sprache erschienen Hauptwerkes »Calibán« (Kaliban – Essays zur Kultur Lateinamerikas). Sein flammender Appell für ein lateinamerikanisches kulturelles Selbstbewusstsein löste eine bis heute geführte Debatte über die Verbindung zwischen Politik, Ideologie und Kultur aus.

Für seine herausragenden Verdienste erhielt Retamar 1989 den Nationalen Literaturpreis. Anfang 2019 wurde er als erster Kubaner mit dem Internationalen José-Martí-Preis der UNESCO ausgezeichnet. Die Jury begründete ihre Entscheidung mit seinem Einsatz für »die Gerechtigkeit, den Schutz der Kinder, die ethische Entwicklung der Völker, die Anerkennung der Würde jedes Mannes und jeder Frau und die Bedeutung der Bekämpfung des Rassismus«.

Am Sonnabend ist Roberto Fernández Retamar in Havanna im Alter von 89 Jahren verstorben. »Wir verloren einen der größten Dichter und Denker unseres Amerikas und der Welt. Er hinterlässt ein außergewöhnliches Werk, das sich auf Dekolonisierung und Antiimperialismus konzentriert«, würdigte der ehemalige kubanische Kulturminister Abel Prieto den Freund.

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