Der Schwarze Kanal
Gegründet 1947 Montag, 16. September 2019, Nr. 215
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Aus: Ausgabe vom 22.07.2019, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

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Schicksal akzeptiert

Zu jW vom 13./14.7.: »Der Osten wird vom ­Westen verwaltet und beherrscht«

Sehr gutes Interview! Jetzt wäre die Frage, wie man sich den Übergang vorzustellen hat von (verkürzt) Treuhandopfer zu (verkürzt) Wählern, die »Antisemiten, Rassisten, Chauvinisten und Nationalisten hinterhertrotten«. Meine These wäre, dass sich die ostdeutschen Entrechteten mit ihrer Deklassierung abgefunden haben, dass sie sich dreinschicken, dass sie die Hoffnung haben fahren lassen, das könne sich noch einmal ändern. Erst die Akzeptanz der eigenen Zweitklassigkeit erzeugt den Furor, darauf zu bestehen, dass andere (hier die Migranten) dritter Klasse und auch bitte schön so zu behandeln seien. (Wir kennen das von den »Coloured« gegenüber den »Blacks« im südlichen Apartheidsafrika. Und wir wissen von jedem Streik, dass der Rassismus im Betrieb sofort nachlässt, wenn das Sichdreinschicken einmal kurz unterbrochen wird.) Vielleicht deshalb auch die zeitliche Verzögerung zwischen Abwicklung und »AfD« (…), vielleicht erwuchs Pegida deshalb auch aus einer Phase scheinbarer Befriedung des Ostens. Jedenfalls erhellt dieses Detail meines Erachtens den Zusammenhang mit den wechselhaften Aufgaben und den Versäumnissen im Klassenkampf. Und daraus ergeben sich viele Anschlussfragen, zum Beispiel: Wieso erwarten wir Solidarität gerade von den dauer- und massenhaft im Stich Gelassenen? So gesehen, erfüllte und bestätigte der Rassismus im Osten erst den historischen Sieg der Bourgeoisie über den Versuch eines Arbeiter- und Bauernstaats.

Clemens Messerschmid, Ramallah/Palästina (wo das Entgegenstemmen gegen die eigene Hoffnungs­losigkeit zuweilen auch enorm strapaziös ist)

Selbstoptimierung

Zu jW vom 16.7.: »Packer aller Länder …«

»Wir brauchen deine helfenden Hände, um Lächeln zu versenden in Frankenthal. Bewirb dich als Versandmitarbeiter (M/W/D) auf jobs-amazon.de.« So, in vertraulichem Du, spricht Amazon die Leserschaft des Wochenblatts vom 10. Juli an. Wie das Stellenangebot einer Sozialeinrichtung, deren Hauptziel das Wohlergehen der betreuten Mitmenschen ist. Und tatsächlich, von Amazon bescheiden verschwiegen, wird der Mitarbeiter intensiv hinsichtlich seiner Produktivität betreut, was ihm letztlich auch bei seiner Selbstoptimierung zugute kommt. Das Lächeln wiederum ist zum Versand an die in der jW freundlicherweise »Schnäppchenjäger« genannte Kundschaft gedacht, nicht mehr der »Zalando-Schrei«, nein, das »Amazon-Lächeln«. Lächeln versenden, das auch noch gendermäßig auf der Höhe der Zeit: »M/W/D«!

Herbert Wolf, Speyer

Pillen gab es nie

Zu jW vom 18.7.: »Aus gegebenem Anlass«

Geschätzter Herr Krauß! Dass Sie sich auch zu Frau Geipel äußern, hätte ich nicht erwartet, aber ermuntert mich. Meines Erachtens wird von ihr eine DDR-Dopingpolitik beschworen, die den gesamten Sport in diesem Staat betroffen haben soll. Dass diese Aussagen nicht den Tatsachen entsprechen, können Hunderttausende bestätigen. Andersherum – und das hätte wohl einen hilfreichen Ansatz zur Entkräftung dieser windigen Behauptungen abgegeben – hatte sich über die wenigen Jahrzehnte des Bestehens der DDR ein maximal geförderter Breitensport entwickelt, der für die Beteiligten nahezu kostenlos stattfand. Massenhaftes Doping gab es nicht. Ohne Frage war es auch nicht gewollt. Ich erinnere mich daran, dass zum Schulsport manchmal Hospitierende erschienen, die am Ende des Unterrichts Einladungen zu verschiedenen Probetrainingstreffen verteilten. Auch die Schulsportlehrer selbst waren nicht nur Trainer in den Freizeitsport-AGs, von denen an den Schulen viel mehr als heute täglich stattfanden, sondern vermittelten Talente gerne weiter. Selbst in den Schulen entstanden Mannschaften, die sich an Bezirks- und Landesmeisterschaften beteiligten, die seit dreißig Jahren nicht mehr existieren (z. B. der berühmte BZA-Lauf im Jahn-Sportpark in Berlin). Mir ist bewusst, dass ein Beispiel allein nicht repräsentativ ist. Dennoch möchte ich daran erinnern, dass ich viele Jahre lang in zwei Berliner Fechtklubs trainieren konnte. Ich beendete diese spannende Phase erst, nachdem mir ein Wechsel an eine Kinder- und Jugendsportschule (damals eine Mischung aus Trainingsinstitut und heutigem Gymnasium) empfohlen worden war, denn ich wollte studieren und in die Wissenschaft. Doch während dieser langen Zeit erhielten wir alle die komplette Ausrüstung: wettkampfgerechte Fechtanzüge, -masken, Ellenbogenschützer, Fechtschuhe, Handschuhe, Waffensäcke und die nötigen Waffen mit Ersatzklingen und Werkzeug. Dazu kamen die Busreisen zu Ranglistenturnieren und Vergleichswettkämpfen, die immer ein Wochenende dauerten. Von den Trainingslagern ganz zu schweigen. Dafür zahlten wir 20 Pfennige im Monat. Pillen gab es nie.

Torsten Andreas Scharmann (über die Kommentarfunktion für Onlineabonnenten)

Breiter aufgestellt

Zu jW vom 18.7.: »Großer Sprung«

Wer sich für detaillierte Informationen über das sowjetische Monderforschungsprogramm und die tatsächlich gemachten praktischen Schritte, auch im Vergleich mit denen der USA, interessiert, dem sei die Seite »Russian Space Web« empfohlen. Dort wird deutlich, dass das Schicksal der bemannten Flüge der UdSSR zum Mond stark von der geplanten »N1-Herkules«-Rakete abhing, die der US-amerikanischen »Saturn V« ebenbürtig sein sollte, deren Entwicklung mangels Ressourcen und unter politischem Zeitdruck aber schiefging und schließlich abgebrochen wurde. Dagegen gelang später die Entwicklung der »Energija«-Rakete, eine technische Meisterleistung, welche nach dem Ende der UdSSR verschrottet werden musste. Andererseits war das sowjetische Programm viel breiter aufgestellt und auch auf eine längerfristige Monderforschung ausgerichtet. Die heutige russische Raumfahrt ist technologisch noch weitgehend mit den sowjetischen Entwicklungen verbunden – soviel zu der These von der mangelnden Fähigkeit der UdSSR, neue Entwicklungen in Wissenschaft und Technik aufzugreifen.

Dr. Elmar Witzgall, Kulmbach

Wir wissen von jedem Streik, dass der Rassismus im Betrieb nachlässt, wenn das Sichdreinschicken einmal kurz unterbrochen wird.