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Aus: Ausgabe vom 22.07.2019, Seite 12 / Thema
Widerstand gegen die Nazidiktatur

Reaktionäre Neuordnung

Autoritärer Ständestaat oder faschistische Alternative: Politische Konzepte der bürgerlichen Opposition für die Zeit nach einer Beseitigung der Nazidiktatur. Der 20. Juli 1944 und seine Vorgeschichte (Teil II und Schluss)
Von Karl Heinz Roth
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Europäischer Staatenbund unter deutscher Vorherrschaft, knallharte Austeritätspolitik, Korporativstaat und rechtlose Arbeiter: Die Vorstellungen des »Reichskanzlers« der Verschwörer vom 20. Juli, Carl Friedrich Goerdeler (vor dem Volksgerichtshof, am 8. September 1944 zum Tode verurteilt, am 2. Februar 1945 hingerichtet)

Wir veröffentlichen an dieser Stelle im zweiten und letzten Teil einen Auszug aus einem langen Aufsatz des Sozialhistorikers Karl Heinz Roth, der 2004 in dem von ihm und Angelika Ebbinghaus herausgegebenen Sammelband »Rote Kapellen – Kreisauer Kreise – Schwarze Kapellen« erschienen ist und dem der aktuelle Stand der Forschung nichts Wesentliches hinzuzufügen vermag. Teil I erschien in der Ausgabe vom vergangenen Wochenende. Wir danken dem Autor und dem Hamburger VSA-Verlag für die Genehmigung zum Nachdruck. (jW)

Der deutschnationale Kommunalpolitiker Carl Friedrich Goerdeler war der rührigste Vertreter der Goerdeler-Kaiser-Leuschner-Gruppe, die zusammen mit den »Jungen«, nämlich dem »Kreisauer Kreis« und der Offiziersopposition um Claus Schenk Graf von Stauffenberg und Friedrich Olbricht, den Kern des bürgerlichen Widerstands bildete. Diese Gruppe um den ehemaligen Leipziger Oberbürgermeister bildete sich um die Jahreswende 1940/41. Seine ersten Sporen als Oppositionspolitiker hatte sich Goerdeler im November und Dezember 1939 verdient, als er versuchte, die Armeeführer von der Westoffensive abzubringen. In der Zeit des Niedergangs aller organisierten oppositionellen Bestrebungen beeindruckte er dann viele durch seine Geradlinigkeit. Die Zeit der fruchtlosen Appelle an die Machthaber war für ihn vorüber. Im Juli 1940 schrieb er, Hitlers Herrschaft über Europa werde Ehre und Freiheit der Völker zerstören und endgültig »Gesinnungslumpen« und »Unwissende« an die Spitze schwemmen. Die aber würden nun darangehen, die inflationstreibende Finanzpolitik des Reichs auf die besetzten Länder zu übertragen und dort ein terroristisches Ausbeutungssystem errichten, während die fortschreitende Ausweitung des kriegswirtschaftlichen Sektors die ökonomischen Grundlagen vollends ruiniere. Das waren erstaunliche Kommentare zu den Fanfaren einer »europäischen Neuordnung«, mit denen das Regime im Sommer 1940 seine Raubwirtschaftspraktiken zu übertönen versuchte. Später kamen bittere Bemerkungen über die Judendeportationen und die Massenmorde der SS-Einsatzgruppen hinzu. Goerdeler erahnte die Nemesis dieses sich ausweitenden barbarischen Kriegs. Da es ihm an Selbstbewusstsein nicht mangelte, begann er sich vom Schattenkanzler zum Gegenkanzler zu wandeln. Um sich für diesen Anspruch zu legitimieren, benötigte er eine umfassende Darlegung seiner politisch-programmatischen Ansichten.

»Das Ziel«

Im Verlauf des Jahres 1941 erarbeitete Goerdeler eine voluminöse Programmschrift, der er den Titel »Das Ziel« gab. In ihr war von der vehementen Kritik am kriegswirtschaftlichen Raubbau in den besetzten Ländern fast nichts mehr zu lesen. Vielmehr drängt sich der Eindruck auf, Goerdeler habe geglaubt, er könne von den durch die Expansionspolitik inzwischen geschaffenen Fakten ausgehen und mit den Kriegsgegnern als Gegenleistung für die Entmachtung Hitlers und die Einstellung der Kampfhandlungen die Anerkennung der inzwischen erreichten Weltmachtstellung aushandeln. Er war also keineswegs in der Lage oder bereit, aus der Analyse der radikalisierten Expansionspolitik seine eigenen Vorstellungswelten kritisch zu hinterfragen.

Goerdeler schrieb einleitend, die Entwicklung von Wirtschaft und Technik verlange die Entwicklung von »Großräumen«, und deshalb stelle sich die Aufgabe, »den Gedanken der Nationalstaaten mit der Notwendigkeit des Großraumes zu vereinen«. Da das im Zentrum Europas gelegene Deutschland von der Natur »die besten Eigenschaften zur Sicherung und Fortentwicklung des Lebens« mit auf den Weg bekommen habe, verbürge ihm seine »hochgespannte Leistungsfähigkeit (…) die Führung des europäischen Blocks, wenn es sie sich nicht durch Unmäßigkeit oder durch Machtstaatsmanieren« verderbe und die kleineren Völker vor den Kopf stoße. Deshalb sei das um Österreich, das Elsass, die Sudetengebiete und die alte polnische Grenze arrondierte »Großdeutschland« dazu berufen, auf der Grundlage einer Zoll- und Währungsunion sowie eines von seiner unverändert starken Wehrmacht getragenen Militärbündnisses einen »Europäischen Staatenbund« zu gründen. Entsprechend werde man den besetzten Gebieten eine »mit den deutschen Sicherheitsinteressen vereinbare« Selbstverwaltung zurückgeben. Anschließend werde sich Deutschland mit den angelsächsischen Mächten verständigen. Im Rahmen dieses Arrangements seien einige grundlegende Probleme zu lösen. Erstens sollten die Juden in Kanada oder Lateinamerika einen eigenen Staat erhalten, aus außenpolitischen Gründen für das erlittene Unrecht entschädigt und bis zu ihrer Emigration unter Aberkennung ihrer politischen Rechte als »Fremdbürger« geduldet werden, während man die »Frage der Rassenmischung« dem »gesunden Sinne des Volkes überlassen« werde. Zur Traktandenliste des Verständigungsprozesses gehöre zweitens das Zugeständnis eines geschlossenen Kolonialgebiets in Afrika, worauf das rohstoffarme Deutschland bestehen müsse. Drittens solle das »bolschewistische Russland« als System des »Kollektivismus, der Seelenlosigkeit, des mechanischen Organisierens und der Gottlosigkeit« im Zusammenspiel mit den Großmächten »allmählich in eine europäische Zusammenfassung« integriert werden; dabei warne die geschichtliche Erfahrung jedoch vor »militärischen Zwangseingriffen«, da diese »ungeahnte nationale Kräfte auf den Plan« riefen.

Auch im Bereich der Verfassungs-, Sozial- und Innenpolitik bemühte sich Goerdeler um eine Festlegung in allen entscheidenden Fragen. An die Spitze des Reichs sollte ein »Reichsführer« treten, zur Vermeidung der schwierigen Personalfrage am besten ein »Reichsverweser«. Die politische Macht werde ein Reichskanzler ausüben, der gegenüber seinen acht Ministern ein Weisungsrecht innehaben müsse. Dieser »politischen Führung« würden sodann ein durch die Abgeordneten der »Gaulandtage« mittelbar gewählter Reichstag und ein von »wirtschaftsständischen« und wissenschaftlichen Experten gebildetes »Reichsständehaus« zur Seite treten. Das System der Expertenherrschaft sollte auch die bezirklichen und kommunalen Selbstverwaltungen bestimmen, jedoch würden sie bis zur Länderebene – bei heraufgesetztem Wahlalter – mit Wahlkörperschaften korrespondieren. Aufgrund dieser autoritär-korporatistischen Prämissen war dann auch die NSDAP kein Problem mehr: Sie sollte nach dem Verlust ihrer öffentlich-rechtlichen Funktionen unbehelligt weiterexistieren. Die »Deutsche Arbeitsfront« (DAF) gedachte Goerdeler hingegen auf jene Arbeiter- und Angestelltengruppen zurückzustutzen, aus denen sie sich im Verlauf des Jahres 1933 formiert hatte. Die Organisationen der Wirtschaft sollten durch ein starkes Kammersystem ergänzt, der Polizeiapparat teilweise wieder kommunalisiert, die Wehrmacht-Teile in Führung und Verwaltung zusammengefasst, der Reichsarbeitsdienst einem General unterstellt und die Hitlerjugend in eine »Staatsjugend« umgewandelt werden. Im übrigen ließ Goerdeler keinen Zweifel daran, dass eine von ihm geleitete Regierung eine harte Linie der Haushaltssanierung einschlagen, die Leistungen der Sozialversicherung zurückstutzen sowie die Arbeitslosenversicherung abschaffen und durch ein privates Zwangssparverfahren ersetzen würde.

Die Gruppe um Goerdeler

Soweit das Goerdelersche Gegenkanzler-Konzept. Goerdeler liebäugelte nicht mit den Perspektiven eines »totalen« Obrigkeitsstaats, sondern wollte als starker Reichskanzler einer autoritär-berufsständischen Gesellschaft in die Geschichte eingehen und sich durch eine »ruhige Staatsführung« auszeichnen. Koalitionspartner fand Goerdeler im früheren Führungskreis der deutschnationalen und christlichen Gewerkschaftsbewegung, der sich im Frühjahr 1933 zusammen mit Vertretern des ADGB-Hauptausschusses vergeblich um den Zusammenschluss der Richtungsgewerkschaften mit der »Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation« (NSBO) zu einer faschistischen Einheitsgewerkschaft bemüht hatte. Mit Jakob Kaiser und Max Habermann bestanden seit Kriegsbeginn lose Kontakte. Um die Jahreswende 1941/42 entwickelten sich daraus kontinuierliche Gesprächsrunden, an denen weitere Mitglieder des Kaiser-Kreises – vor allem Theodor Brauer und Josef Wirmer – sowie die Kölner Gewerkschafter Bernhard Letterhaus und Nikolaus Groß teilnahmen. Man war sich bald darin einig, dass nur die Entmachtung Hitlers und eine Regierungsumbildung zur Diskussion standen, die durch eine kurze Militärdiktatur erzwungen werden sollten. Eine aktive Beteiligung der Arbeiter, etwa durch einen Generalstreik, kam unter keinen Umständen in Frage. Auch über die verfassungs- und außenpolitischen Prämissen des »Ziel«-Papiers bestand bald Konsens. Dagegen lagen die gewerkschafts- und sozialpolitischen Auffassungen weit auseinander, und die Debatten darüber zogen sich bis 1943 hin.

Im Verlauf des Jahres 1943 stieß der ehemalige hessische Innenminister und ADGB-Spitzenfunktionär Wilhelm Leuschner auf Initiative Jakob Kaisers zur Goerdeler-Kaiser-Gruppe. Der gelernte Holzbildhauer hatte im Frühjahr 1933 als Vertreter der freien Gewerkschaften zusammen mit Kaiser und Habermann versucht, die Richtungsgewerkschaften in einem »Führerkreis« zusammenzufassen und durch ihre »Selbstgleichschaltung« mit der NSBO in das »Dritte Reich« hinüberzuretten. Dieser Initiative hatte die NSDAP-Führung jedoch Anfang Mai 1933 durch die Besetzung der Gewerkschaftshäuser und die Gründung der »Deutschen Arbeitsfront« den Wind aus den Segeln genommen, und Leuschner war nach einer verlorenen Machtprobe mit dem DAF-Reichsleiter Robert Ley am 23. Juni 1933 verhaftet worden. Nach der ein Jahr später erfolgten Entlassung aus der »Schutzhaft« hatte er einen Gewerbebetrieb gegründet und sich später auf die Produktion »kriegswichtiger« gehärteter Aluminiumwerkstücke spezialisiert. Da er es für unrealistisch hielt, das Regime ausgehend von den alten politisch-organisatorischen Strukturen bekämpfen zu wollen, hatte er im Umfeld seines 30-Mann-Betriebs einen Freundes- und Kollegenzirkel aufgebaut, der illegale Aktivitäten und Kontakte – auch zu den Restgruppen des gewerkschaftlichen Widerstands – strikt ablehnte. Deshalb hielt sich die Gestapo im Hintergrund, und unter der Protektion des Reichsarbeitsministers Franz Seldte sowie des Reichskriminalpolizeichefs Arthur Nebe konnte Leuschner es schließlich 1942 riskieren, auf die bürgerlichen Oppositionsgruppen zuzugehen. Nach einem konfliktreichen Gastspiel beim Kreisauer Kreis stieß er schließlich mit seinem Gesellschafter Hermann Maaß sowie dem ehemaligen SPD-Politiker Gustav Dahrendorf zur Gruppe um Goerdeler.

Durch diesen Zuwachs gewann die sich um Goerdeler neu sammelnde Gruppierung erheblich an Einfluss. Goerdeler war nicht nur politisch-programmatisch ein Mann nach dem Zuschnitt dieser ehemaligen Gewerkschaftsführer, sondern verfügte inzwischen auch über beste Verbindungen nach allen Seiten. Als führender Lobbyist des Bosch-Konzerns war er ein gern gesehener Gesprächspartner oppositioneller Wirtschaftskreise. Dank seines kontinuierlichen Gedankenaustauschs mit Ludwig Beck genoss er inzwischen auch den Respekt einiger regimekritischer Militärs, die sich um die Oster-Gruppe der Wehrmacht-Abwehr, den Ende März 1942 aus Gesundheitsgründen vorzeitig pensionierten Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben und Friedrich Olbricht, den Chef des Allgemeinen Heeresamts, gruppierten. Es war Goerdeler sogar gelungen, beim Stab des Befehlshabers des Ersatzheeres mit Hermann Kaiser einen Vertrauten zu gewinnen, der dort das Kriegstagebuch führte und für einen ständigen Informationszufluss aus dem militärischen Bereich sorgte.

Der Klärungsprozess der Goerdeler-Kaiser-Leuschner-Gruppe war bis Herbst 1943 abgeschlossen. Dabei blieb der in der »Ziel«-Denkschrift vorgegebene Rahmen im Wesentlichen unverändert. In diesem autoritär-monarchistischen Kontext fühlten sich die Exponenten des »Führerkreises« bestens aufgehoben. Sie konnten sich deshalb darauf konzentrieren, ihre gewerkschafts- und sozialpolitischen Vorstellungen einzubringen und so weit wie möglich durchzusetzen.

Dabei knüpften die Arbeitsgruppen um Jakob Kaiser, Max Habermann und Wilhelm Leuschner im großen und ganzen an jene Konzepte an, mit denen sie sich im April/Mai 1933 vergeblich in den Formierungsprozess der nazistischen Arbeiterpolitik eingeschaltet hatten. Sie wollten eine »Deutsche Gewerkschaft« aus der Taufe heben, der alle Arbeiter, Angestellten und öffentlichen Bediensteten als Zwangsmitglieder angehörten. Die Zentrale dieses Zwangssyndikats sollte alle wesentlichen Kompetenzen gewerkschaftlicher Politik – Personalpolitik, Finanzen, Lohnpolitik und sonstige arbeits- und sozialpolitische Grundsatzentscheidungen – auf sich vereinigen, die 18 beziehungsweise später 13 Industriesyndikate (»Industriegruppen«) straff führen und mit der Übernahme der Arbeitslosenversicherung sowie der Arbeitsämter wichtige öffentliche Funktionen wahrnehmen. Da darüber hinaus auch ihre paritätische Präsenz in den Wirtschaftskammern vorgesehen war, würde sie erhebliche Macht ausüben und sich als wesentlicher Pfeiler der Nach-Hitler-Regierung profilieren. Dafür standen, so versprachen Kaiser und vor allem Leuschner, die früheren Gewerkschaftskader der Weimarer Republik geschlossen zur Mitarbeit bereit. Auch die aus dem früheren freigewerkschaftlich-sozialdemokratischen Spektrum stammenden Verfechter dieses Modells sprachen offen davon, dass sie dem autoritär-monarchistischen Konzept Goerdelers eine »Gewerkschaftsachse« einzuziehen gedachten, die im Gegensatz zum gescheiterten ersten Anlauf unter dem Präsidialkabinett Kurt von Schleichers diesmal Bestand haben würde.

Durch die Initiative Leuschners und Kaisers wurden die restaurativen Vorstellungen Goerdelers im Bereich der Sozial- und Wirtschaftspolitik seit Mitte 1943 abgeschwächt, aber ein Wiederanknüpfen an die Konstellationen der Weimarer Republik kam nach wie vor nicht in Frage. Man war mit seinen Vorstellungen inzwischen beim letzten Präsidialkabinett angekommen, das vor dem 30. Januar 1933 amtiert hatte, erteilte jedoch demokratisch-partizipatorischen Überlegungen nach wie vor eine entschiedene Absage. Der »Führerkreis« hatte damit zur Prominenz der bürgerlichen Opposition aufgeschlossen, ohne sich darüber Gedanken zu machen, inwieweit er durch die Rest- und Exilgruppen des gewerkschaftlichen Widerstands dazu legitimiert war. Er betrachtete die künftigen Zwangsmitglieder der »Deutschen Gewerkschaft« als unmündige Verschiebemasse, über die er meinte, beliebig verfügen zu können. Er bewegte sich in den Denkmustern einer faschistischen Einheitsgewerkschaft, die die Tarifautonomie als Hebel zum Aushandeln arbeits- und sozialpolitischer Vereinbarungen ablehnte und auch auf das Streikrecht verzichtete. Was aber wäre geschehen, wenn die mächtigen Herren des Syndikats mit der sozialpolitischen Generallinie Goerdelers konfrontiert worden wären, der auch nach dem Schulterschluss mit ihnen überzeugt war, dass es zur Liquidierung von Inflation und Kriegsschulden sowie zur Wiederankurbelung der Nachkriegswirtschaft nur drei erfolgversprechende Rezepte gab: massive Lohnsenkungen, verlängerte Arbeitszeiten und ein weitgehend zusammengestrichenes Sozialbudget? Mit Sicherheit wäre es darüber sehr schnell zum Konflikt gekommen, denn Kaiser und Leuschner hätten in der Goerdelerschen Nach-Hitler-Regierung über machtvolle Mitbestimmungsinstrumente verfügt, die trotz des Verzichts auf Tarifautonomie und Streikrecht eine exzessive und einseitig zu Lasten der »Arbeiterschaft« betriebene Politik der Liquidierung der Kriegsschulden ausschlossen.

Wie problematisch und konfliktträchtig auch immer: Der »Sozialpakt« zwischen Goerdeler und den Exponenten des »Führerkreises der deutschen Gewerkschaften« war eine bemerkenswerte Annäherung an die aktuelle Entwicklung der Gesellschaft, die im Zeichen der »totalen« Kriegswirtschaft auf eine gigantische Überindustrialisierung zusteuerte, deren Kehrseite die enorme Vergrößerung der Industriearbeiterklasse darstellte. Der Goerdeler-Kaiser-Leuschner-Kreis konzipierte Herrschaftsinstrumente, die es ermöglichen sollten, das großindustrielle »Arbeitertum« in einem Nach-Hitler-Regime zu repräsentieren, aber auch zu zähmen. Mit der Einbeziehung der »Deutschen Gewerkschaft« war die Entwicklung der Opposition innerhalb der Funktionseliten und Führungsschichten erheblich weitergekommen.

Die Freiburger Professoren

Von derartigen pragmatischen Annäherungen des machtpolitischen Gestaltungswillens an die gesellschaftliche Wirklichkeit waren die meisten anderen bürgerlichen Oppositionsgruppen weit entfernt. Vor allem die Professoren der Freiburger »Forschungs- und Lehrgemeinschaft«, die mit ihrem Modell des »Leistungswettbewerbs« einen Kernpunkt der faschistischen »Leistungsgemeinschaft« aus einer Minderheitenposition heraus mitgestalteten, hatten dafür keinerlei Verständnis. Aufgrund ihres übermächtigen normativen Axioms, dass der »totale Staat« den aus dem Egoismus der Individuen gespeisten Leistungstrieb so auszurichten habe, dass er sich in eine künstlich zu schaffende marktwirtschaftliche Verfassung einordnen lasse (Marktwirtschaft des »Als ob«), wurden die realen sozioökonomischen Prozesse nie analysiert, sondern immer nur als abstrakte Vergleichsparameter zur Legitimierung ihres ordoliberalen Führungsanspruchs herangezogen. Dieses starre Denken bestimmte nicht nur die Ausarbeitungen, die Adolf Lampe, Walter Eucken und Constantin von Dietze im Rahmen der Akademie für Deutsches Recht sowie anschließend für die »Arbeitsgemeinschaft Erwin von Beckerath« anfertigten. Es kam auch uneingeschränkt zum Tragen, als sie im Herbst 1942 als Mitglieder eines seit November 1938 existierenden »Freiburger Konzils« zusammen mit einigen Theologen und dem Historiker Gerhard Ritter einen Arbeitskreis gründeten, der im Auftrag des oppositionellen Kirchenpolitikers Dietrich Bonhoeffer eine programmatische Denkschrift zur Gestaltung der Nachkriegsordnung entwarf. Das Memorandum war als Beitrag der Bekennenden Kirche zu einer von der anglikanischen Kirche geplanten Weltkirchenkonferenz gedacht, die nach Kriegsende stattfinden sollte. Da Lampe, Eucken und Dietze bei dieser Gelegenheit ihre Wirtschaftsdoktrin in eine breite politische Programmatik einordneten, muss das Arbeitsergebnis, die »Politische Gemeinschaftsordnung« des Freiburger »Bonhoeffer-Kreises«, als wichtiges Pendant und zugleich als erster Abgrenzungsversuch gegenüber dem Goerdeler-Kaiser-Leuschner-Kreis angesehen werden.

Im Gegensatz zu Goerdeler und Kaiser hielten die Freiburger Professoren am ungeschmälerten Gestaltungsvorrecht des »totalen Staats« fest. Sie lehnten selbst minimale Zugeständnisse wie etwa die Zulassung subalterner Selbstverwaltungskörperschaften als falsche Konzession an den »Irrglauben« des Parlamentarismus ab. Auch die allgemeinen Menschenrechte und die sozial-ständische Repräsentation, abgeleitet aus einem christlichen Universalismus, lagen außerhalb des Horizonts dieser bekennenden protestantischen Christen. Sie reklamierten unverhohlen eine »Notabelnschicht« als ausschließlichen Träger des Machtstaats. Ihr wiesen sie die Aufgabe zu, die Gesellschaft mit Hilfe einer autoritären Gemeinschaftsordnung zu »entmassen« und zu einer »wahren Volksgemeinschaft« umzubilden, deren »Gemeingeist« die Folgen des »Leistungswettbewerbs« ausglich. Zugunsten dieser »Leistungswettbewerbsordnung« sollten die Technokraten der Kriegswirtschaft entmachtet werden und die Strukturen der »Zentralverwaltungswirtschaft« so schnell wie möglich verschwinden. Parallel dazu war beabsichtigt, die Gesellschaft durch eine rigorose Politik der Liquidierung der Kriegsschulden schockartig mit ihrer bis dahin durch eine Politik des Inflationsrückstaus verschleierten Verarmung zu konfrontieren. An irgendwelche sozialpolitischen Abfederungsmaßnahmen war dabei zunächst nicht gedacht. Die Massenarbeitslosigkeit werde sich im Übergang zur »Leistungswettbewerbsordnung« von selbst regulieren, postulierten Lampe, Eucken und Dietze. Auch die Lohnbildung sei sofort dem Marktgeschehen zu überlassen. Damit niemand auf die Idee kam, dem Verarmungsprozess aller jener, die über keine Sachwerte verfügten, entgegenzutreten, verzichtete man auf jegliche institutionelle Kompensationen, wie sie die »gewerkschaftliche Querachse« des Goerdeler-Kaiser-Leuschner-Kreises so reichlich vorsah. Dies hielt die Verfasser des »Anhangs 4« der Freiburger Denkschrift jedoch nicht davon ab, sich auf die propagandistischen Kompensationstechniken der »Deutschen Arbeitsfront« zu stützen und den »gemeinschaftsbildenden« Charakter der Trias »Leistung, Lohngerechtigkeit und Arbeitsfreude« zu beschwören.

Darüber hinaus lehnten die Freiburger Professoren eine europäische Perspektive für ihr Modell als undurchführbar ab und widersprachen dem von Goerdeler vorgeschlagenen Dualismus von Machtstaatlichkeit und Großraumpolitik. Zusätzlich gaben sie in einem als »Anhang 5« beigefügten Sondergutachten der Neuordnungsdenkschrift zu Protokoll, dass bei einer Entschädigung für das den Juden angetane Unrecht der Rahmen der allgemeinen Verarmungspolitik respektiert werden müsse. Auch blieben sie von der Notwendigkeit einer staatlichen »Lösung der Judenfrage« überzeugt. Genauso wie die Goerdeler-Kaiser-Leuschner-Gruppe sprachen sie sich trotz ihres Wissens von den Massenmorden an den europäischen Juden für einen »gemäßigten« Antisemitismus aus und hatten an der antijüdischen Gesetzgebung der Jahre 1933 bis 1935 nichts auszusetzen; jedoch könne man auf ihre weitere Anwendung verzichten, weil es in Deutschland inzwischen nur noch wenige Juden gebe. Dieses Argument zeigt besonders deutlich, dass sich die Freiburger Professoren als loyal opponierender Teil eines Machtbündnisses verstanden, dessen Prinzipien und strategische Optionen sie teilten, dass sie aber die sich daraus ergebenden barbarischen Konsequenzen ablehnten.

Karl Heinz Roth ist Mediziner und Historiker und Vorstandsmitglied der Stiftung für Sozial­geschichte des 20. Jahrhunderts in Bremen.

Karl Heinz Roth/Angelika Ebbinghaus (Hrsg.): Rote Kapellen – Kreisauer Kreise – Schwarze Kapellen. Neue Sichtweisen auf den Widerstand gegen die NS-Diktatur 1938–1945, VSA-Verlag Hamburg 2004. Nur noch antiquarisch erhältlich oder als E-Book beim Verlag zu erwerben.

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