Der Schwarze Kanal
Gegründet 1947 Mittwoch, 18. September 2019, Nr. 217
Die junge Welt wird von 2208 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 22.07.2019, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Das Sterben der anderen

Ambivalenter Kompromiss: Die »Final-Cut«-Version von Francis Ford Coppolas »Apokalypse Now«
Von Peer Schmitt
ApocalypseNow_002-1.jpg
Brabbelnd, grummelnd, delirierend: Colonel Kurtz (Marlon Brando)

»The far-out art of the past becomes the wallpaper of the future.« (Die abgefahrenste Kunst der Vergangenheit ist die Tapete der Zukunft.) Francis Ford Coppola sagt es selbst, dass ihm sein Film »Apokalypse Now« dank des guten alten Wechselspiels zwischen Verfremdung und Normalisierung über die Jahre immer weniger seltsam vorkam.

Das erste Mal kam »Apokalypse Now« vor ziemlich genau 40 Jahren auf dem Filmfestival in Cannes heraus. Die Reaktionen waren zunächst durchwachsen, die Produktionsgeschichte ein organisatorisches und finanzielles Desaster. »Es war«, so Coppola, »wie in Vietnam. Wir waren im Dschungel, wir hatten zuviel Geld und zuviel Zugriff auf zuviel Equipment und wurden Schritt für Schritt wahnsinnig.« Gedreht wurde »Apocalypse Now« pikanterweise auf den Philippinen, gewissermaßen im Stammland des US-amerikanischen Kolonialismus, aber das ist eine andere traurige Geschichte.

Von der Kritik beargwöhnt wurde nicht zuletzt die politische Unausgegorenheit des Films, der bekanntlich zwei literarische Vorlagen hat. Zum einen Joseph Conrads Erzählung »Heart of Darkness« (1899): die exemplarische imperialistische Abenteuergeschichte – auf dem Fluss hinab ins Dunkel –, »irgendwo zwischen Robert L. Stevenson und Marcel Proust angesiedelt« (Fredric Jameson), natürlich auch ein maßgeblicher Text der literarischen Hochmoderne und als solcher schließlich kanonisiert durch T. S. Eliots Gedicht »The Hollow Men« (1925), dessen Motto und Anspielungshorizont im wesentlichen eben von dieser Erzählung gebildet wird. Das Gedicht wird im Schlussteil von »Apokalypse Now« von Marlon Brando in seiner Rolle als Colonel Walter E. Kurtz brabbelnd, grummelnd, delirierend rezitiert: »Mistah Kurtz – he dead.« In der Dschungelbibliothek des Colonels befindet sich übrigens – deutlich im Bild – auch J. G. Frazers religionsgeschichtlicher Wälzer »The Golden Bough« (1890), was wiederum sowohl auf T. S. Eliots Werk als auch auf die mythologisierende, allegorische Ausrichtung des Gesamtunternehmens anspielt.

Die zweite Vorlage ist Michael Herrs auf dessen Reportagen für Rolling Stone und Esquire basierendes collagenhaftes Vietnamkriegsbuch »Dispatches« (1977): »Vietnam was a dark room full of deadly objects.« Herr schrieb für den Film den Text der Erzählerstimme aus dem Off. Das eigentliche Drehbuch stammt von Coppola und John Milius.

Was konkrete militärische Operationen und politische Hintergründe anbelangt, ist der Film vage. Die Grundidee dürfte allerdings von Vorfällen angeregt sein, die 1969 als »Green Beret murder case« der Öffentlichkeit bekannt wurden. Mehrere Angehörige der US Army Special Forces (»Green Berets«) wurden angeklagt, einen südvietnamesischen Spion, den sie als Doppelagenten verdächtigt hatten, ermordet zu haben. Unter den Angeklagten fand sich auch der Befehlshaber der Special Forces in Südvietnam, Colonel Robert B. Rheault, das Vorbild für die ansonsten im Kern ja eher literaturgeschichtliche Marlon-Brando-Figur des Colonel Kurtz, der in dem Film mehrere Südvietnamesen erschießen lässt, bevor er desertiert, um in Kambodscha eine Art Privatstammeskrieg zu führen. Der militärische Aufrag der Erählerfigur – Captain Benjamin L. Willard (Martin Sheen) – ist dann auch kein anderer, als den untragbar gewordenen Deserteur möglichst diskret zu beseitigen.

So gesehen, wäre der Hintergrund von »Apokalypse Now« weniger die dunkel-allegorische Literatur, sondern der klandestine politische Terrorismus der Geheimdienste in Südvietnam, der später als »Phoenix Program« bekannt wurde. Mit weitreichenden Implikationen: »›Phoenix‹ hat nicht nur die moderne amerikanische Kriegsführung definiert, sondern ist auch das Modell für den inneren Apparat der »Homeland Security«« (Douglas Valentine, »The Phoenix Program – America’s Use of Terror in Vietnam«; Einleitung zur Neuauflage von 2014).

1979 war der Vietnamkrieg ja noch ziemlich frisch in Erinnerung, die chaotische Produktion des Films war sogar bereits 1975 aufgenommen worden. Was man damals nur erahnen konnte, waren die 53 Minuten Material, die dem Film dank »ärgerlicher Schnitte« (Coppola) fehlten. Die wurden dann 2001, ebenfalls in Cannes, mit »Apokalypse Now Redux« nachgereicht. Zu diesem Zeitpunkt war der Film durch den Golfkrieg von 1990/91 bereits neu kontextualisiert.

In seinem Buch »Jarhead« (2003) berichtet Anthony Swofford, wie die in Kuwait stationierten US-amerikanischen Soldaten mit dem Anschauen von Vietnamfilmen auf den Einsatz vorbereitet wurden. Insbesondere die berüchtigte Hubschraubereinsatzsequenz mit Wagners »Walkürenritt« als Soundtrack ist beliebter Teil des Trainingsprogramms. Medientechnologie des Krieges. »Jarhead« wurde 2005 von Sam Mendes verfilmt und ist bis zum Rand voll mit Anspielungen auf »Apokalpse Now«. Die Kriege in Afghanistan und im Irak gingen derweil weiter (bis heute).

Die »Redux«-Fassung von 2001 enthält drei wichtige, bis dahin unterschlagene Szenen. Erstens eine elaborierte Nebenhandlung, die auf einer französischen Kolonialplantage spielt, die im Film, gleichsam in einen Opiumnebel gehüllt, auftaucht. Coppolas leiblicher Sohn Roman zitiert als kleiner Junge undeutlich vernehmbar die Worte »maladroits et honteux« (unbeholfen und beschämt) aus Baudelaires Gedicht »L’Albatros«. Man diskutiert mit den aus der Zeit gefallenen Kolonialfranzosen die Indochinakriege. Die Diskussion kulminiert in dem Satz: »Die Amerikaner haben den Vietcong erfunden.«

Eine zweite Szene zeigt die Playboy-Bunnies, die man zuvor in einem aus dem Ruder laufenden Truppenunterhaltungseinsatz gesehen hat, in ihrem abgestürzten Hubschrauber – zu Tode erschrocken, vergewaltigt, am Ende.

In einer dritten Szene liest Marlon Brando dem in einem Käfig gefangengehaltenen Martin Sheen einen Artikel aus Time vor, um – zur Rechtfertigung seines eigenen irren Handelns – die Verlogenheit und Realitätsferne der Kriegsberichterstattung zu demonstrieren.

Diese drei Szenen gehören zu den besten des ganzen Films. Bezeichnenderweise fehlen sie, zumindest teilweise, in der neuen Fassung, die nun als »Final Cut«, mit einem kurzen Einleitungsvideo versehen und vor allem soundtechnisch wieder auf Vordermann gebracht, herausgekommen ist.

Der »Final Cut« ist ein Kompromiss zwischen der Erstfassung von 1979 und der epischen von 2001. Die französischen Kolonialdinosaurier, ihre Lyrik, ihr Opium, ihr Rassismus sind noch immer im Film. Allerdings deutlich gekürzt. Was fehlt, ist der harte Tobak. Die Vorwurfshaltung nämlich, die der infamen (im Kern aber nicht ganz unrichtigen) Behauptung von Donald Trump, der IS sei von Barack Obama erfunden worden, irgendwie verdächtig ähnlich sieht.

Wie sehr sich die Zeiten doch geändert haben. Die Deutungshoheiten wechseln. Nehmen wir die Beerdigung von Senator John McCain (von hiesiger Presse in offener Absurdität »der letzte Liberale« genannt, Die Zeit, 26.8.18), nicht zuletzt ein Vietnamkriegsveteran, im August 2018. Der Journalist Max Blumenthal beschreibt in seinem Buch »The Management of Savagery« (Verso 2019) die Szenerie wie folgt: »Versammelt waren die Urheber einiger der zerstörerischsten Kriege der jüngeren Vergangenheit. Von Dick Cheney und George W. Bush bis Henry Kissinger und Barack Obama standen sie in der National Cathedral aufgereiht, um dem verstorbenen Senator die letzte Ehre zu erweisen. Demonstrativ nicht eingeladen war Trump. (…) Auf dem Podium entzückte McCains Tagesprogramm-Talkshow-Host-Tochter Meghan das Publikum mit 20 Minuten nationalistischer Phrasendrescherei (›Cant‹), die mit kleinen Spitzen gegen Trump gewürzt war – ›America was always great!‹ Ein Satz ihrer Eloge, der den Vietnamkrieg als einen ›Kampf um das Leben und die Freiheit anderer (fremder) Völker in anderen (fremden) Ländern‹ umdeutete, ging dabei ohne Kontroverse durch.«

So sieht anscheinend der neue »liberale« Konsens auch über »den« Vietnamkrieg aus. Apokalypse Now – ambivalenter denn je.

»Apokalypse Now – Final Cut«, ­Regie: Francis Ford Coppola, USA 2019, 202 Min., bereits angelaufen

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • 30.01.2019

    Krieg der Dollar

    Die USA kontrollierten mit ihrem Weltgeld lange Zeit uneingeschränkt die Geschicke des Planeten. Ihre Herrschaft erodiert, doch kampflos wollen sie das Feld nicht räumen – und rüsten auf
  • Die Kriegsverbrechen der USA gegen das vietnamesische Volk brach...
    03.06.2017

    Von der Theorie zur Praxis

    Die Erschießung Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967 ­markiert den eigentlichen Beginn der Studentenbewegung in der Bundesrepublik. Der autoritäre Staat zeigte sein Gesicht. Die APO ­orientierte auf die Revolution – und scheiterte (Teil 2 und Schluss)
  • Die Jugend Vietnams zieht in den Krieg gegen die USA: »Der Vietn...
    09.05.2017

    Vorschlag

    Damit Ihnen das Hören und Sehen nicht vergeht

Regio:

Mehr aus: Feuilleton