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Aus: Ausgabe vom 22.07.2019, Seite 7 / Ausland
Schiffstagebuch

»Also dann, in Lampedusa«

Tag 10 (7. Juli): Rettung von Migranten aus dem Mittelmeer hat es schon vor 20 Jahren gegeben
Von Valerio Nicolosi, TPI
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»Wir schulden euch einen Kaffee«: Die vier Fischer an Bord ihres Bootes

Wir befinden uns wieder im Süden, halten uns aber auf dem Laufenden, was die »Alex« betrifft. Giulia, die Bordärztin, erzählt mir, dass die Lage dort äußerst angespannt ist. Die kleine »Alex« kann mit den vielen Menschen an Bord nicht mehr auf dem Meer bleiben, sie haben kein Wasser und sind der Sonne ausgesetzt.

Bei uns wirkt das Meer wie gezeichnet, und der leichte Dunst am Horizont verleiht ihm einen magischen Anstrich. Es ist, als befände man sich inmitten einer blauen Kugel.

Saverio, der Koch aus Rom, hat heute Ruhetag, denn seit genau 15 Tagen bereitet er für die gesamte Besatzung Mittag-und Abendessen zu. Ich habe mich bereit erklärt, ein leichtes Mittagessen und für den Abend Pizza zuzubereiten. Ich werde in die Praxis umsetzen, was ich vor 15 Jahren getan habe, als wir jeden Abend mehr als 100 Pizzen gebacken haben.

Als das Mittagessen fertig ist, bemerke ich von der Küche aus Bewegung. Menschen laufen eilig vorbei, und vor allem ziehen die Maschinisten Handschuhe an und gehen an Deck. Ich folge ihnen und sehe, dass Oscar Camps, der Gründer der NGO Proactiva Open Arms, mit einem der beiden Schlauchboote zu Wasser gelassen werden will, weil es in unserer Nähe ein Fischerboot gibt und wir nicht wissen, ob es in Seenot geraten ist.

Ich gehe in die Küche, um die letzten Vorbereitungen zu treffen, als ich wieder an Deck komme, liegt das Fischerboot längs an der »Open Arms«. Es hatte ein Problem mit dem Tank und hat Treiböl verloren. Die Besatzung weiß nicht, ob es reicht, um nach Lampedusa, nach Hause, zurückzukehren.

Sie kommen an Bord und wir beginnen, uns zu unterhalten. Auf Spanisch ist das schwierig für sie, und so reden sie vor allem mit Riccardo, Saverio und mir. Wir stellen fest, dass wir gemeinsame Freunde haben. Einen von der Besatzung haben wir schon vor Jahren einmal auf Lampedusa getroffen.

Im Scherz sagen wir: »Wir sind die, die man die Meerestaxis nennt«. Sie lächeln und sagen: »Was denn für Taxis, wir haben schon vor 20 Jahren Menschen in Not geholfen!« Was sie uns erzählen, klingt unglaublich, einige der Geschichten kannte ich schon. Ich erinnere mich an einen Schiffbruch im Jahre 2011 bei Lampedusa, unterhalb des Tores nach Europa.

»Ich steuerte das kleine Boot, das hin- und herfuhr zwischen dem Schiff der Migranten und der Anlegestelle im Hafen, wo sich ein Arzt von Ärzte ohne Grenzen befand. Das Schiff war aufgelaufen, und es gab eine Strömung, deswegen konnten wir uns nicht allzu sehr nähern. Wir sagten den Leuten, sie sollten ins Meer springen, wir würden sie dann rausholen. Einer von ihnen hatte Angst und konnte einfach nicht springen, als er es schließlich doch tat, landete er sehr nah an der Schiffsschraube, die noch in Gang war. Ich versuchte an ihn heranzukommen, aber es war schwierig, weil die Schiffsschraube ihn ansaugte … Wir hatten bereits leidende, angsterfüllte Kinder gesehen. War es möglich, dass wir jetzt auch noch so etwas mitansehen mussten?«

Seine Augen sind traurig, sein Blick ist verbittert. Plötzlich werden seine Augen lebendig, und er fährt fort: »Ich streckte mich vor und packte ihn am Hemd. Es war ein ziemlich großer Bursche, aber ich habe ihn hochgezogen, als sei er ein Kind. Die Schiffsschraube hatte ihm nur einen Schuh abgerissen … Ich kam gerade zur rechten Zeit!«

Während die Betankung des Fischerbootes beginnt, reden wir weiter. Sie erzählen mir, wie sehr sich alles verändert hat durch das Gesetz, das vorsieht, Boote zu beschlagnahmen, die Rettungsaktion durchführen. »Wir riefen dann immer die Küstenwache an, aber wir ließen die Leute nicht auf dem Meer zurück. Wie kannst du wegfahren, wenn jemand in Schwierigkeiten ist?«

»Ich habe niemals unter Hunger gelitten, und was denkst du, woher ich das weiß?« So beginnt einer von ihnen schüchtern seine Erzählung. Er möchte herausfinden, ob er mir trauen kann, auch wenn die Geschichte schon zehn Jahre zurückliegt. Es ist ein Geheimnis, das er mit sich herumträgt. »Wir befanden uns viel weiter südlich von hier, an einer Stelle, an der wir nicht fischen dürfen, aber in dieser Jahreszeit gab es nur wenige Fische und wir mussten ja essen ...« Er weiß immer noch nicht, ob er das erzählen darf, aber dann sieht er mir in die Augen und fährt fort: »Das Radar verriet uns, dass da in einigen Meilen Entfernung etwas war, aber wir konnten nichts sehen. Wir näherten uns langsam der Stelle und sahen ein Schlauchboot. Ehrlich gesagt hoffte ich, dass es leer sei und dass man den Menschen bereits geholfen habe. Aber statt dessen waren da zwei Personen die, als sie uns sahen, schrien und uns mit Zeichen zu verstehen gaben, dass sie Hunger und Durst hatten. Wir gaben ihnen Essen und Wasser. Ich habe noch nie jemanden gesehen, der sich mit einer solchen Gier über die Sachen hermacht. Eine unglaubliche Szene, zwei Liter Wasser pro Kopf, und sie stritten sich sogar um die Krümel. Sie baten uns, sie mitzunehmen, aber wegen des starken Mistrals, 20 Knoten, und der Entfernung konnten wir sie nicht abschleppen. Vor allem hätte man mich aufgrund des Gesetzes ins Gefängnis gesteckt und mein Boot beschlagnahmt. Ich habe drei Kinder, verstehst du?«

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»Wir schulden euch einen Kaffee«: Die vier Fischer an Bord ihres Bootes

Das einzige, das mir einfiel war: »Ja, ich verstehe«. Aber einen Augenblick lang war ich wie erstarrt, wer war ich, ein Urteil zu fällen? Aber ich konnte auch nicht sagen: »Ja, sie mussten dort sterben.«

»Wir wollten in einiger Entfernung weiter fischen, aber ich konnte nicht. Was für ein Mensch lässt zwei andere zum Sterben im Meer zurück?«

Die beiden Migranten wurden gerettet, das Boot wurde nicht beschlagnahmt und niemand wurde verhaftet. Die Männer waren die einzigen Überlebenden einer Gruppe von 30 Personen, die anderen waren verhungert und verdurstet. Alle hatten aus Verzweiflung Meereswasser getrunken, bis auf diese beiden, die überlebten, weil sie ihren Urin getrunken hatten.

Das Boot verlieren, denunziert und verhaftet werden, oder Menschen retten? Ein Leben, auch ein einziges Leben, wiegt schwerer als ein paar Jahre Gefängnis.

Wir umarmen uns und versprechen, dass wir uns bald in Lampedusa wiedersehen werden. »Wir schulden euch einen Kaffee«, sagen sie, aber in Wirklichkeit haben sie schon bezahlt: Sie haben dem Koch Fische geschenkt.

»Also dann, in Lampedusa ...« Ich nutze den Moment aus, um ein Foto von allen zu machen.

Heute Abend bin ich vom Pizzabacken befreit, weil Saverio wieder das Kommando in der Küche übernimmt und die uns geschenkten Fische zubereitet.

Die »Alan Kurdi«, das Schiff der NGO Sea-Eye, hat angeboten, die Migranten auf der »Alex« an Bord zu nehmen. Es ist größer, den Menschen würde es dort etwas besser gehen. Aber Mediterranea hat einen Entschluss gefasst: »Wir fahren in den Hafen.«

Giulia schreibt mir, einem Jungen auf dem Schiff würde es sehr schlecht gehen, aber obwohl sie an der Mole lägen, dürften sie nicht von Bord. »Die Ärztin des Krankenwagens hat mir gesagt, man habe ihr verboten, an Bord zu kommen. Absurd!« Das ist Armdrücken, und das Ganze ist politisch, und die Menschen müssen dafür den Preis bezahlen.

Zum Glück kommt wenige Stunden später die Nachricht von Giulia: »Wir haben es geschafft, es geht uns allen gut, und wir werden gleich an Land gehen.« Das ist das Wichtigste.

Wir bewegen uns weiter gen Süden. Die sternenklare Nacht schenkt uns eine Milchstraße, die so schön ist, wie noch nie. Was uns an den Zweck unseres Einsatzes erinnert, sind die libyschen Plattformen, deren Feuer stets angezündet und aus vielen Kilometern Entfernung sichtbar sind. Wir haben in dieser Gegend schon einige Male Menschen gerettet; wir werden sehen, was heute Nacht passiert.

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