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Aus: Ausgabe vom 22.07.2019, Seite 1 / Titel
Konflikt im Persischen Golf

Auf Kollisionskurs

Großbritannien hält iranischen Öltanker fest. Iran kontert. London droht mit »ernsten Konsequenzen«
Von Knut Mellenthin
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Der iranische Öltanker »Grace 1« wird von Großbritannien seit dem 4. Juli vor Gibraltar festgehalten (20.7.2019)

Die Situation am Persischen Golf hat sich in den letzten Tagen verschärft. Die britische Regierung drohte am Sonntag mit »ernsten Konsequenzen«, falls der Iran die »Stena Impero« noch länger festhalte. Unterstützung bekam sie von Bundesaußenminister Heiko Maas, der die Iraner im Befehlston aufforderte, den Tanker »unverzüglich« freizugeben. Das Schiff, das vom Golf von Oman in den Persischen Golf einfahren wollte, war am Freitag in der Meerenge von Hormus durch Boote der iranischen Küstenwache gestoppt und zum Anlaufen des Hafens Bandar Abbas veranlasst worden. Aus abgehörten Funksprüchen geht hervor, dass ein in der Nähe befindliches britisches Kriegsschiff, die Fregatte »Montrose«, vergeblich versucht hatte, die Aktion zu verhindern.

Die iranischen Behörden erheben gegen den Kapitän des Tankers mehrere Vorwürfe, die nun untersucht werden sollen. Unter anderem soll das Schiff mit abgeschaltetem Transponder, der normalerweise zu seiner Ortung dient, die Fahrrinne für den Gegenverkehr benutzt, dabei ein Fischerboot beschädigt und auf dessen Notruf nicht reagiert haben. Damit habe die »Stena Impero« gegen international geltende Regeln für die sogenannte Transitdurchfahrt in Meerengen verstoßen.

Trotz der bewusst sachlich gehaltenen Begründung wird die Aufbringung des britischen Frachters allgemein, nicht zuletzt auch im Iran, als Revanche für die Festhaltung der »Grace 1« in Gibraltar interpretiert. Der iranische Supertanker wurde mit 2,1 Millionen Barrel Erdöl an Bord am 4. Juli mit Hilfe einer Spezialeinheit gekapert. Die Aktion wird von der britischen Regierung damit begründet, dass die Ladung für eine Raffinerie in Syrien bestimmt gewesen sei, die auf einer Sanktionsliste der EU steht. Am Freitag verfügte das oberste Gericht der britischen Exklave, dass der Öltanker weitere 30 Tage festgehalten werden soll. Insgesamt kann die Frist bis zu einer Entscheidung über die Zukunft der »Grace 1« auf maximal 90 Tage ausgedehnt werden.

Was die britische Regierung, die zumindest nachträglich auch von der BRD und Frankreich unterstützt wird, mit dieser unnötigen Provokation bezweckt, ist rätselhaft. Nach internationalem Recht dürfen Anrainer einer Meerenge ausländische Schiffe nicht aufgrund nationaler Bestimmungen, wie es die EU-Sanktionen eindeutig sind, an der freien Durchfahrt hindern. Die »Rechtsgrundlage« für die Festsetzung des Tankers hatten sich die Behörden Gibraltars erst am 3. Juli durch eine Verordnung geschaffen. Dass der Iran den »Piratenakt«, wie er in dem Land bezeichnet wird, auf gleicher Ebene beantworten würde, war voraussehbar. Mit »kluger Diplomatie, die Gesprächskanäle offenhält, Wege zur Vertrauensbildung findet und Spannungen abbaut«, wie sich Maas gegenüber Bild am Sonntag ausdrückte, hat das nichts zu tun.

Indessen nutzt die US-Regierung den Zwischenfall in der Straße von Hormus, um ihren Plan einer internationalen Flotte, die in den Gewässern vor Irans Küsten patrouillieren soll, voranzutreiben. Die Operation namens »Sentinel« (Wachposten) solle »in den kommenden Tagen und Wochen« beginnen, sagte John Rood, Unterstaatssekretär für Politik im Pentagon, am Sonnabend auf einer Veranstaltung des Aspen Security Forums. Allerdings ist noch kein Staat offiziell der neuen »Koalition der Willigen« beigetreten.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Peter Richartz, Solingen: Europäische Fehldarstellung Nein, liebe Berichterstatter über die Eskalation im Golf: Der Konflikt spitzt sich nicht durch die Festsetzung es britannischen Öltankers zu, sondern wegen des Handelsembargos gegen den Iran, unter de...
  • Emil S., Erfurt: Frage nach dem Motiv Warum sollte denn der Iran die Straße von Hormus blockieren oder Schiffe an der Durchfahrt hindern oder Schiffe festsetzen? Sehen Sie, meine Damen und Herren, ohne Frage nach dem Motiv ist Ihre Meldun...
  • Wolfgang Herzig: Verbrechen des Westens Wenn man sich die deutsche »Qualitätspresse« ansieht, dann fällt eines auf: Der Iran verschärft die Lage, der Iran geht aggressiv gegen die demokratischen Staaten vor. Warum wird aber nirgendwo geschr...
  • Peter Richartz, Solingen: Gleiches Recht Interessant: Großbritannien »bestellt den iranischen Botschafter ein«, um mit ihm über die Festsetzung eines britischen Öltankers in der Straße von Hormus zu diskutieren – und erhält Beifall von unser...
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