Der Schwarze Kanal
Gegründet 1947 Montag, 16. September 2019, Nr. 215
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Aus: Ausgabe vom 20.07.2019, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Amatxi

Von Maxi Wunder

Seit Tagen regnet es in Biarritz, und ich kriege Eisfüße am Strand. Auf dem Meer sind nur wenige Surfer, ein Mann geht schleppend an mir vorbei mit demoliertem Gesicht – grün, blau, lila – Surfunfall. Mir fällt der G-7-Gipfel ein, der dieses Jahr vom 24. bis 26. August in Biarritz stattfindet und der Aufruf der »anarchistischen Krawalltourist_innen« zum Gegengipfel vom 19. bis 24. August in Irun-Hendaye, einem baskischen Grenzstädtchen 33 Kilometer südwestlich von Biarritz. Das wird sicher lustig, aber bis dahin ist es noch einen Monat hin. Den möchte ich vor Ort für die tiefere Erforschung des angeblich so singulären, keiner irdischen Sprachfamilie angehörenden Baskischen nutzen. Ich meine nämlich, Beweise für seine Verwandtschaft mit dem Aztekischen gefunden zu haben, dem »Nahuatl«, und treffe mich deswegen mit dem Sprachwissenschaftler Jean-Luc Cassardi (Name von der Redaktion geändert) zum Mittagessen in einem »Ja­tetxea« (baskisch für »Restaurant«).

Für meine Weinbestellung in fließendem Baskisch »Txacoli, mesedez!« ernte ich vom französischen Kellner ein entgeistertes »Pardon?«, aber das war sowieso voreilig, zuerst bestellt man das Essen. In Anbetracht der Kälte entscheide ich mich für ein »Amatxi«, das ist auf baskisch »kleine Mutter«, ein Kosename für Kabeljaueintopf. Der Kellner fragt Jean-Luc etwas herablassend, ob ich Finnin sei oder Griechin, er verstehe leider nur französisch, was er auch angebracht finde, schließlich sei man hier in Frankreich. »Mais non, Euskal Herria!« werfe ich neunmalklug ein, denn ich weiß natürlich, was Baskenland auf baskisch heißt.

»Biarritz ist kein baskisches Walfängerdorf mehr!«, zischt mich Jean-Luc an und tippt dabei auf das Stadtwappen, das die Speisekarte ziert. Es enthält zwei Muscheln, einen Sowjetstern, darunter ein Fischerboot und einen Walfisch. »200 Jahre nachdem die Wale ausgerottet waren, sind im 19. Jahrhundert die Adligen gekommen und haben Biarritz zu einem mondänen Badeort gemacht, zu einem französischen mondänen Badeort«, betont er, und deutet durchs Fenster auf das »Hôtel du Palais«, die ehemalige Residenz der Kaiserin Eugénie, Gattin des Napoleon III. Von weitem sieht das Gebäude aus wie ein abgebrochener Seitenflügel des Louvre, den man auf Rädern ans Meer gerollt hat. Ich will mich nicht streiten und widme mich meinem »Cassolette de morue« wie die Kabeljausuppe korrekt auf französisch heißt.

Sie besteht aus gekochtem Fisch, Kartoffeln und Paprika in einer pikanten Tomatensoße. Die Würze kommt von in Olivenöl angebratenen Zwiebeln und Knoblauch, der Kick sind frische, zuletzt dazugegebene Kräuter. Vermutlich hat der Koch zwei Flammen benutzt, auf der einen die Tomatensoße gemacht, auf der anderen pa­rallel dazu die Kartoffeln mit den Paprika gekocht, dann beides zusammengeschüttet und zum Schluss die Kabeljauwürfel reingetan, das Ganze noch mal ca. zehn Minuten köcheln lassen, bis der Fisch zart ist, zum Schluss mit Salz und Pfeffer abgeschmeckt.

Jean-Luc hat dann noch behauptet, ich hätte die Azteken-These nur erfunden, um ein Alibi zu haben, mich mit ihm privat zu treffen. Eingebildeter Fatzke.

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