Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 20.07.2019, Seite 10 / Feuilleton
Punk

»Da gehste mal gucken«

Punkfotograf Richard Gleim gestorben
Von Michael Saager

Der Düsseldorfer Fotograf Richard Gleim ist tot. Ohne den 1941 geborenen Mann, der sich als Künstler Ar/Gee nannte, wäre der westdeutsche Punk zwar auch zu seinen ikonischen Bildern gekommen, aber vermutlich ein bisschen später und sicherlich mit weniger ausdrucksstarken Fotos – in Schwarzweiß, na klar.

Düsseldorf, das war Ende der 70er, Anfang der 80er ja vor allem der Ratinger Hof, in dem sich Musiker von ZK, Fehlfarben, Krupps oder Der Plan hart auf den Füßen herumtrampelten, weil’s knalleng war in dem angesagten Schuppen und die bevorzugte Engtanzsorte nun einmal Pogo hieß. Gleim hatte als ehemaliger Jazzklarinettist mit der Musik selbst nicht so wahnsinnig viel am Hut, er war ja auch ein uralter Sack mit Ende dreißig und überdies stärker am sozialen Treiben der jungen Szene interessiert. Seine Haare waren natürlich auch viel zu lang. Dazu dieser eklige Hippievollbart. Die Haare haben ihm die Düsseldorfer Punks dann auch einmal angezündet von hinten – Gleim nahm’s mit Humor (heißt es) und knipste freundlich weiter.

Bevor er Fotograf wurde, arbeitete Gleim im Management eines Gartenbauunternehmens, was ihm leider keinen Spaß machte. Fotografierender Chronist der Jugendbewegung Punk indes wurde er eher zufällig. »Ich dachte, was machen denn die jungen Leute da? Da gehste mal gucken.« In Frankfurt landete der Autodidakt auf einem Festival, fotografiert die »jungen Wilden«, der Veranstalter war entzückt, danach hagelte es Aufträge. Seinen Job gab er erleichtert auf.

Er liebte die radikale Kompromisslosigkeit der Punkbands ebenso wie den Do-it-yourself-Geist der Szene. Und obwohl das herrlich ruppig-raue Moment bereits in Musik und Publikum steckt, war er ganz grandios darin, es in seinen Bildern präzise, scharfkantig, hellgrell und kontraststark herauszuarbeiten. Er fotografierte im Okie Dokie in Neuss, im Berliner Exxzess, in der Kulturfabrik in Krefeld, wurde berühmt und berühmter, in Kunstausstellungen gefeiert, in zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht. Zuletzt erschien der schöne Bildband »Geschichte wird gemacht: Deutscher Underground in den Achtzigern«. In der Nacht zum Dienstag ist Richard Gleim mit 78 Jahren in Düsseldorf gestorben.

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