Der Schwarze Kanal
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Helikoptergeld

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs
Von Lucas Zeise
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Wirkt Geldpolitik überhaupt? Manchmal ganz ausgezeichnet. Ihr Einfluss auf den Aktienmarkt ist legendär. Zum Beispiel lässt die Aussicht, dass die US-Notenbank »Fed« noch in diesem Monat den Leitzins senken wird, die Aktienkurse in den USA derzeit weiter steigen. Aber schon der Einfluss der Geldpolitik auf die Zinsen, die die Banken ihren Kunden für Kredite in Rechnung stellen bzw. auf Einlagen gutschreiben, ist unsicher. Meist bewegen sich Marktzinsen und Notenbankzinsen in dieselbe Richtung. Aber nicht immer ist sicher, wer von den beiden die Richtung vorgibt. Der Einfluss der Geldpolitik auf die »wirkliche Wirtschaft« außerhalb des Finanzsektors ist noch weniger klar.

In der herrschenden Vorstellungswelt der Neoliberalen oder, wie sie sich seit ein paar Jahrzehnten auch nennen, »Neokeynesianer«, funktionieren die Märkte von Natur aus ausgezeichnet. Nur manchmal klappt es mit der Versorgung mit Geld nicht so gut, weil dabei, wie sie glauben, die schädliche Politik des Staates dazwischenfunkt. Da Geld im herrschenden Finanzsystem keine Ware ist und keinen fairen Wert bzw. Preis hat, ergibt sich nicht automatisch ein Gleichgewichtszins. Die Notenbank muss deshalb den Leitzins, zu dem sie den Banken Geld zur Verfügung stellt, in Boomzeiten anheben, um überschäumende Investitionen und zu hohe Inflation zu verhindern. In schlechten Zeiten soll sie den Zins senken, damit die Wirtschaftssubjekte sich wieder mehr Geld leihen, um Investitionen zu finanzieren, Häuser zu bauen oder Konsumgüter zu kaufen. Die Wirklichkeit taucht in diesem Modell auch auf, allerdings nur am Rande. Die klugen Neoliberalen-Neokeynesianer stellen fest, dass die Wirtschaftssubjekte das Gefühl brauchen, es gehe ein wenig aufwärts. Dieses Gefühl werde, so meinen sie, durch eine kleine, aber wenigstens positive Inflationsrate gefördert.

Das ist der Grund, warum sich heutzutage die großen Zentralbanken der Welt eine positive Inflationsrate als Ziel setzen. Die US-Notenbank strebt zwei Prozent Inflation jährlich, die Europäische Zentralbank (EZB) eine Rate von knapp unter zwei Prozent an. Wie bekannt, haben sie diese Ziele seit der Finanzkrise 2007/08 (in Japan schon seit der dortigen Finanzkrise von 1989/90) verfehlt, obwohl sie jahrelang, die EZB und die Bank von Japan bis heute, den Leitzins bei Null gehalten haben. Nun steht, nach einer zehnjährigen, mäßigen Expansionsphase, die nächste Rezession bevor. Die US-Notenbank wird, wie gesagt, vermutlich den Leitzins noch in diesem Monat senken. Was fällt der EZB dazu ein? Wieder massenhaft Staatsanleihen von den Banken kaufen und auf diese Weise viel Geld in den Finanzmarkt drücken?

Vielleicht sollte sie sich an den reaktionären Vater des Monetarismus, Milton Friedman, erinnern. Für ihn war das Hauptproblem, wie man die Inflation und ihre vermeintliche Ursache, die zu große oder zu schnell wachsende Geldmenge, begrenzen und niedrig halten kann. Wenn die Geldmenge nicht schnell genug wächst, so meinte er, sei es schließlich am einfachsten, einen Hubschrauber zu mieten, damit über Stadt und Land zu rattern und frisch gedruckte neue Dollarscheine zu verteilen. Friedmans Theorien sind fehler-, seine politischen Ansichten ekelhaft. Aber der Vorschlag ist gut. Schließlich ist die fehlende Inflation nicht Ursache der ökonomischen Stagnation, sondern Folge der stagnierenden Masseneinkommen.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main

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