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Aus: Ausgabe vom 20.07.2019, Seite 7 / Ausland
Syrien

Eskalation in Idlib

Krieg in der syrischen Provinz spitzt sich zu. USA und Russland beschuldigen sich gegenseitig
Von Karin Leukefeld
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Kämpfer einer syrischen Oppositionstruppe (»Armee des Stolzes«) proben bei einer militärischen Übung den Kampf um die Stadt Al-Hamah in der Provinz Idlib (15.07.2019)

Der Kampf um die nordwestsyrische Provinz Idlib nimmt an Intensität zu. Syrische Streitkräfte rücken mit Unterstützung der russischen Luftwaffe in die dortige Pufferzone vor, deren Einrichtung in einem Abkommen der Astana-Staaten (Russland, Iran, Türkei) im September 2018 beschlossen worden war und die eigentlich der Deeskalation dienen sollte. Der bis zu 20 Kilometer breite Bereich liegt am Rande der Provinz Idlib und grenzt an die Provinzen Aleppo, Hama und Latakia.

Grund ist der Bruch des Abkommens durch die ebenda stationierten Kampftruppen, unterstützt durch die Türkei. Auf seiten der Gegner der syrischen Regierung führt »Haiat Tahrir Al-Scham« (HTS; Allianz zur Befreiung von Syrien) das Kommando. Die HTS war aus der Nusra- bzw. Fatah-Al-Scham-Front hervorgegangen, der Al-Qaida-Ableger in Syrien. HTS soll über rund 30.000 Kämpfer in Idlib verfügen und hat sich mit schweren Waffen in der Pufferzone verschanzt. Die Türkei hat die mit ihr verbündeten Kampfgruppen der »Nationalen Befreiungsfront« (NLF) ermächtigt, zusammen mit den Truppen von Haiat Tahrir Al-Scham den Vormarsch der syrischen Streitkräfte zurückzuschlagen.

Täglich geraten die Wohnorte unter Beschuss, die entlang der Pufferzone in Latakia, Hama und Idlib liegen. Mitte Juli starteten HTS und ihre Unterstützer eine Offensive auf Gebiete in Latakia. Auch die dort liegende russische Militärbasis Hmeimim wurde mit Kampfdrohnen angegriffen, die jedoch von der russischen Flugabwehr abgeschossen wurden. Unbestätigten Meldungen zufolge sollen bisher bis zu 700 Zivilisten getötet worden sein. Rund 300.000 Menschen sollen vor den Kämpfen in Richtung türkische Grenze geflohen sein, die jedoch geschlossen ist.

Syrische Oppositionelle beschuldigen die russische und syrische Luftwaffe, gezielt Krankenhäuser und medizinische Einrichtungen anzugreifen. Angriffe auf zivile Infrastruktur sind nach dem humanitären Völkerrecht verboten. Bekannt ist aber auch, dass die Kampfgruppen zivile Infrastruktur wie Schulen und Krankenhäuser als Unterkunft und Kommandozentralen nutzen oder aber ihre Kämpfer dort medizinisch versorgen. Das der syrischen Opposition nahestehende Videomagazin Step News veröffentlichte am 17. Juli Aufnahmen von einem Trainingslager der Gruppe Dschaisch Al-Issa in Idlib, das unmittelbar neben einem Flüchtlingslager lag.

Inzwischen beschuldigen sich die USA und Russland gegenseitig, in Syrien Söldner einzusetzen. Die Sprecherin des russischen Außenministeriums Maria Sacharowa sagte am Mittwoch, die US-Armee habe mehr als 4.000 private Sicherheitskräfte im Nordosten Syriens stationiert. Allein in der zweiten Junihälfte seien 540 solcher Kämpfer auf den syrischen Öl- und Gasfeldern eingetroffen. Befehligt würden sie vom US-Zentralkommando Centcom.

Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete am Tag darauf, dass in Idlib russische Bodentruppen und Spezialkräfte eingesetzt würden. Reuters berief sich auf Angaben von Nadschi Mustafa, Sprecher der NLF in Idlib, die von der Türkei unterstützt wird. Bisher hätten russische Offiziere hinter der Frontlinie die Angriffe unterstützt, »jetzt sind die Russen direkt auf dem Schlachtfeld«, so Mustafa.

Das russische Verteidigungsministerium wies den Bericht am Donnerstag in einer Stellungnahme zurück. Die Angaben seien falsch: »Es gibt keine russischen Bodentruppen in Syrien, und es gab sie nie.« Allerdings operiert in Syrien eine private russische Sicherheitsfirma, die Wagner-Gruppe. Deren Kämpfer sind ehemalige Militärs und Geheimdienstkräfte und wurden bereits an verschiedenen Fronten in Syrien eingesetzt. Bei dem Versuch, mit den Regierungstruppen im Osten des Landes den Euphrat zu überqueren und die Kontrolle über ein syrisches Ölfeld zu übernehmen, waren viele von ihnen 2018 durch Luftangriffe der US-geführten »Anti-IS-Koalition« getötet worden. Die US-Armee begründete den Angriff seinerzeit damit, dass die syrische Armee die mit Washington verbündeten Kurden angegriffen habe.

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